Corona-Hotspot Sachsen: Lautstarke Forderungen nach mehr Impfdosen

Seit Wochen ist Sachsen der Corona-Hotspot in Deutschland. Die Krematorien sind an der Kapazitätsgrenze und nun wurde auch erstmals eine Mutation des Virus nachgewiesen. Politiker fordern eine bevorzugte Behandlung bei der Vergabe des Impfstoffs.

Dresden.

In Sachsen mehren sich die Stimmen, den besonders von der Pandemie betroffenen Freistaat vorzugsweise mit Impfdosen zu versorgen. «Sachsen braucht schneller mehr Corona-Impfstoff», erklärte die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Lang am Freitag in Dresden. Das Land sei nach wie vor der Hotspot in Deutschland: «Was braucht es noch an Argumenten, um die Bitte nach mehr Impfstoff zu untermauern», fragte Lang, die gelernte Krankenschwester ist.

Am Donnerstagabend hatte bereits die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) eine andere Praxis angemahnt. «Bisher erfolgt die Verteilung des Impfstoffes nach der Einwohnerzahl der Bundesländer. Ich glaube, dass auch andere Faktoren bei neuen Lieferungen eine Rolle spielen sollten.» Sachsen habe nicht nur die bundesweit höchste Inzidenz, sondern auch einen besonders hohen Anteil an älteren Menschen.

Nach Ansicht des sächsischen Bundestagsabgeordneten Torsten Herbst (FDP) ist ein Wechsel in der Impfstrategie längst überfällig. «Es ist schlichtweg erschreckend, dass niemand bisher daran gedacht hat, bei der Verteilung von Impfstoff auch die Altersstruktur der Bevölkerung und das Pandemiegeschehen zu berücksichtigen.» Gerade in der ersten Phase Impfdosen allein nach Einwohnerzahl zu verteilen, sei noch keine Strategie.

Zugleich beklagte Herbst den schleppenden Verlauf der Impfungen in Sachsen. «Gerade einmal etwa jede sechste in Sachsen zur Verfügung stehende Impfdosis konnte bisher verabreicht werden (...) So hart es auch klingt: Jede Impfdosis, die irgendwo in Sachsen lagert, statt verabreicht zu werden, kostet potenziell Menschenleben und verlängert die Pandemie.»

Seit Wochen ist auch die Situation in den Krematorien angespannt. «Wir äschern die Toten rund um die Uhr ein, auch am Wochenende, um lange Staus zu vermeiden», sagte der Leiter des Krematoriums in Meißen, Jörg Schaldach, am Freitag. Alleine im Dezember habe es mit 1375 Einäscherungen etwa doppelt so viele gegeben wie sonst.

Das Krematorium in Meißen bekommt nach Angaben Schaldachs Tote aus dem gesamten Freistaat. «Aufgrund der erhöhten Anzahl dauert die Einäscherung etwa einen Tag länger als üblich.» Zu schaffen sei die zusätzliche Arbeit nur mit motivierten Mitarbeitern, sagte Schaldach. «Es kriechen hier alle auf dem Zahnfleisch, es ziehen aber auch alle mit.»

Der Landkreis Meißen ist gemessen an den Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen der bundesweite Hotspot: Der Inzidenzwert lag am Freitag nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bei 541,1. Deutschlandweit beträgt er 137. Landesweit hat das RKI in Sachsen seit Beginn der Pandemie im vergangenen März 149 707 Corona-Infektionen registriert - allein von Donnerstag auf Freitag kamen 3049 hinzu. Die Daten sind derzeit aber noch schwierig zu interpretieren, weil es über den Jahreswechsel Verzögerungen gab.

Zudem ist in Sachsen erstmals die neue Variante des Coronavirus nachgewiesen worden, die zunächst in Großbritannien entdeckt wurde. Wie das Gesundheitsministerium des Landes am Donnerstag mitteilte, trat die Mutation bei einer Person aus Dresden auf, die aus Großbritannien zurückgekehrt war. (dpa)

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
33 Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    0
    Alcapone
    10.01.2021

    @willy: Ihr Ärger -sollte der Sachverhalt stimmen- ist nachvollziehbar. Es macht aber noch Sinn, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Fragen Sie bei Ihrem Hausarzt nach, wenn sie mir nicht glauben.

  • 7
    0
    gelöschter Nutzer
    08.01.2021

    Ich hege den leisen Verdacht, dass sich die Landesverwaltungen Sachsen analog wie bei der Grippeschutzimpfung für ihre Mitarbeiter die Impfdosen bunkert und sich selbst verimpfen wird.
    2020 waren Grippeschutzimpfungen selbst für Risikopatioenen nicht mehr möglich, weil der Impfstoff in Apothelken alle war. Jedoch die Damen und Herren in den abgeschlossenen Büros der Landesverwaltungen wurden zu diesem Zeitpunkt kostenfrei ... ahhhhm auf Kosten unserer Steuerzahler geimpft.
    Ich ging damals als Diabetiker leer aus... jetzt macht es auch keinen Sinn mehr.
    Früher sagte man dazu Vorteilsnahme im Amt.
    Alles Handeln richtet sich gegen das Volk. Ist das korrekt so?

  • 17
    0
    rosni
    08.01.2021

    Irgendwie verstehe ich das nicht. Wozu braucht Sachsen mehr Impfstoff? Bis gestern wurden laut RKI 15593 Impfungen in Sachsen vorgenommen. 34125 wären mit dem bereits im Dezember gelieferten Impfstoff (68250 Dosen) möglich gewesen. Da ist der Impfstoff vom Januar noch nicht berücksichtigt. Also wer will bei dieser Debatte von wem oder was ablenken?