Craftbier-Brauer in Südwestsachsen: Experimentierfreude und Liebe zum Detail

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Brauen ist längst nicht mehr nur eine Sache großer Getränkekonzerne. Kleine Biermanufakturen, die mit Experimentierfreude und Liebe zum Detail Neues ausprobieren, werden stetig mehr. Auch in der Region.

Für Martin Albert, Tony Weißbach, Bernd Tschöpe, Eric Solbrig und Falco Walther wird es Zeit, dass es wieder losgeht. Sieben Monate ist es nächste Woche her, dass sie zum letzten Mal Kontakt zu ihrem Publikum hatten. Die fünf Kirchberger bilden keine Band, aber sie gehen gemeinsam einer Leidenschaft nach, bei der es mehr als das Tüpfelchen auf dem "i" ist, sie zu teilen. Und sie vermissen ihr Publikum genauso wie eine Band es täte. Seit 2017 betreiben sie offiziell ihre eigene Brauerei unter der Marke "Kirchberger Craftbeer". Kleine Anfänge lagen bereits zwei Jahre davor. "Wir wollten einfach ausprobieren, wie das funktioniert", erzählt Martin Albert. Und bei den von da an zunächst mit einer 20-Liter-Mikrobrauanlage angesetzten Probechargen kamen nach und nach ermutigendere Ergebnisse heraus. Die, so war man sich einig, waren es wert, sie mit einer breiteren Öffentlichkeit zu teilen. Auf Basis einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts firmiert Kirchberger Craftbeer seither als Veranstaltungsbrauerei - auf im Normalfall drei Events im Jahr steuert man hin, den eigenen Craftbeer-Garten im Sommer, das Altstadtfest der 8000-Einwohner-Kommune Anfang Oktober und den Weihnachtsmarkt am 1. Advent.

Der musste vergangenes Jahr bereits coronabedingt ausfallen. Die Absage der Stadt Kirchberg kam gerade noch rechtzeitig. Eine Woche später, und man hätte das dunkle Bier für den Weihnachtsmarkt bereits angesetzt. "Es ist ja ein geduldiges Hobby. Je nach Brauart braucht es vier bis sechs Wochen, bis ein Bier fertig ist", erklärt Albert. Seine und die Motivation seiner Kollegen verortet er neben Neugierde eher im Bekenntnis zur Slow-Food-Bewegung denn in der tätigen Kritik an Konsum-Bieren. Und zumindest einst konnte man noch nicht mal das ganze Jahr über brauen, weil es im Sommer zu warm dafür war. So bekommt das für die Region ungewöhnliche Märzenbier, das auch zum Repertoire der Westsachsen gehört und wie übrigen Sorten in der Zwönitzer Brauerei entsteht, seinen Namen. Es handelt sich dabei um die Brauart, die bevorzugt beim Münchner Oktoberfest ausgeschenkt und getrunken wird: "Es wurde früher schon im März mit höherem Alkoholgehalt und Hopfenanteil gebraut, damit es im Keller die Reifezeit bis zum Herbst überdauert", so Albert. Vier bis sechs Wochen - entsprechend müssen sich die Fünf aus Kirchberg trotz aller aktuellen Unwägbarkeiten bereits auf ihren Craftbeer-Garten im Sommer vorbereiten: "Wir haben ein Hygienekonzept und gehen als Termin von Mitte, Ende Juli aus", sagt Albert.

Da besteht dann neben besagtem Märzen "Fuchsfeierrut", das aufgrund seiner roten Farbe an die Tuchmacherzeit in Kirchberg erinnern soll, die Wahl zwischen dem dunklen Bier "Zappenduster", mit Bezug zur regionalen Bergbautradition und dem Pilsener "Heckels", benannt nach den Gründern der 1867 eröffneten, als VEB in den 80er-Jahren abgewickelten Felsenkellerbrauerei im Ortsteil Burkersdorf zum 150-jährigen Jubiläum ein Denkmal setzten. Freilich haben die Brauer auch einen Plan B: Ein Webshop für in Handarbeit abgefüllte Biersiphons à ein Liter, die sie bei ihren Events zum Mitnehmen anbieten, ist in Vorbereitung.

Die Heckel-Brauerei ist Geschichte. Andernorts indes, 37 Kilometer nordöstlich von Kirchberg entfernt, wächst direkt aus dem Alten etwas Neues. Vor rund sechs Jahren hat der Chemnitzer Brauereigastwirt Michael Friedrich die ehemalige, ebenfalls zu DDR-Zeiten in den 80ern abgewickelte Germania-Brauerei in der Augustusburger Straße zu neuem Leben erweckt. Zuvor führte er ab 1995 auf dem Schlossberg, an der Hartmannstraße und der Brückenstraße Brauereiwirtschaften. Unter der Marke "Stonewood", angelehnt an den im Chemnitzer Naturkundemuseum ausgestellten, einzigartigen Steinernen Wald, ist bei ihm eine ganze Palette verschiedenster, teils sehr ausgefallener Craftbiere zusammengekommen. Vom klassischen Indian Pale Ale bis zum Barley Wine, einem in alten Rotweinfässern ausgebauten Gerstentrunk. Zurzeit hat er zwei erste alkoholfreie Sorten in Arbeit. Dafür, sagt er, könne man nicht einfach Bier brauen und den Alkohol entfernen. "Das ist eine richtige Herausforderung."

Friedrich betreibt seine Craftbeer-Brauerei im Vollerwerb und konnte auch in den vergangenen Lockdown-Monaten über Mangel an Arbeit nicht klagen. "Im Gegenteil. Ich muss zurzeit erheblich mehr arbeiten, um das Gleiche zu verdienen", erklärt er mit Hinblick auf das derzeit komplett ruhende Fassbiergeschäft. Mit Flaschenbier - auch bei ihm alles Handarbeit - geht dafür noch einiges. "Speziell über Ostern hatte ich gut zu tun", sagt er. Da ist zum einen sein Brauereiladen, in dem er werktags seine Produkte verkauft und sie per Webshop auch online anbietet. Weggefallen, ebenfalls seit Oktober, sind bis auf Weiteres die zuvor stets gut gebuchten Brau- und Verkostungsseminare, die er in dichter Folge allwöchentlich anbot. Aber die hinzugewonnene Zeit, sagt er, nutze er. Nicht nur, um hie und da Ordnung zu schaffen, Grund in sein Geschäft zu bringen. Sondern auch für Neues. In der alten Schmiede seines Hofs in Claußnitz hat er zur privaten Nutzung eine Räucherkammer sowie einen Holzbackofen gebaut: "Ich bin kein gelernter Maurer. Ich habe mir das alles über Tutorials bei Youtube beigebracht. Dafür sieht es ganz gut aus", meint er. Zurzeit entsteht in Claußnitz überdies ein gediegen eingerichtetes, getäfeltes und mit altem Parkett ausgelegtes Probierstudio. Von dem aus will Friedrich Online-Verkostungen leiten. Das Konzept ist simpel: Per Paket werden die Probensätze an die Teilnehmer verschickt. Zum Online-Termin wird entkorkt. Friedrich redet dazu über das Brauen im Allgemeinen und die Biere auf dem Tisch im Besonderen. Es wird bewertet, gefragt, diskutiert. "Aber der Raum wird so groß, dass dort später auch Verkostungen in Präsenz stattfinden können", erläutert er. Auf mittlere Sicht will er in Claußnitz ein "Weiterbildungszentrum für Biergenuss" etablieren.

Ganz so weit geht es bei der Kevin-Brauerei nicht. Zumindest noch nicht. Aber das Beispiel aus Zwickau zeigt, wie aus einer privaten Leidenschaft mehr werden kann. Von einer USA-Reise hatten Rico Püschel und Eva Adler bleibende Eindrücke aus der dort florierenden Craftbeerszene mitgebracht. "Wir haben die Biere von dort vermisst und hatten einfach Bock, so was hier auch zu machen", erzählt Eva Adler. Damals, 2015, habe noch niemand aus dem Freundeskreis, der sich um das Paar gruppierte, daran gedacht, derlei gewerbsmäßig aufzuziehen.

Professionell freilich schon: Rico Püschel, der zusammen mit Denny Helmer für die inzwischen gegründete Kevin Brewery GbR steht, dazu: "Ich habe unheimlich viel gelesen, viel recherchiert und experimentiert, mit Malzarten, verschiedenen Hopfensorten. Trinken konnte man tatsächlich von Anfang an alles. Und irgendwann bekommt man das Gefühl, dass man das Prinzip des Bierbrauens verstanden hat", sagt Rico Püschel. Dann beginne es erst richtig Spaß zu machen. Wenn man an den Stellschrauben dreht und erkennt, was das beim fertigen Produkt bewirkt. "Es ist wie das Radfahren, aber die Stützräder sind ab." Wo sich der Erfolg einstellt, da wächst der Kreis der Interessierten. Und mit dem wieder der Erfolg. 2018 ist die Brauerei aus einem Zwei-Quadratmeter-Gelass im Stadtteil Marienthal in eine alte Werkhalle ein paar Hundert Meter weiter Richtung Zentrum umgezogen. Von dort aus lässt sich auch ein kleiner, uriger Biergarten bewirtschaften. Spätestens seither ist die Kevin-Brauerei mit Taproom - neudeutsch für Ausschank - zur Institution in der Stadt geworden. Der lokale Getränkehandel führt Kevin. Sorten wie "Espresso Stout", "India Pale Ale" oder "California Lager" fließen aus Hahn und Flasche bei den jährlichen, prominent besetzten "Planitzer Schlossakkord"-Konzerten im Innenhof des Clara-Wieck-Gymnasiums, mit dem die stadteigene Zwickauer Agentur "Kultour Z." 2015 eine neue Open-Air-Konzertlocation mit besonderem Charme etablierte. "Wir verkaufen kein Bier", sagt Rico Püschel, als Veranstaltungskaufmann der einzige hauptamtliche Kevin-Beschäftigte. "Wir verkaufen ein Lebensgefühl."

Eines freilich, das man sich auch selbst schaffen kann. Wie der Chemnitzer Tom Tretbar. Der hauptberufliche IT-Systemadministrator hat bereits vor rund zehn Jahren zum Hobbybrauen gefunden, mit Betonung auf Hobby. "Ich mache das für Freunde und für mich", sagt er. Auch bei ihm fing es damit an, zunächst nach feststehendem Rezept ein Standardbier zu brauen. "Und dann muss man sich irgendwann fragen: Was will ich selber trinken?", sagt er. Bernsteinfarbig, malzig, mit Aromahopfen - alles kein Problem. Der Rohstoffhandel bedient längst auch Ultra-Mikrobrauer wie ihn mit seinem 27-Liter-Glühweinkocher in seiner Wohnung auf dem Kaßberg. Und er hat festgestellt, dass es sich bei seinem Hobby um eine sinnvolle Beschäftigung in Corona-Zeiten handelt: "Es ist eine kontemplative Tätigkeit, eine Auszeit im Alltag, und zu Hause bin ich sowieso", sagt er. Zudem lasse sich, indem man regelmäßig guten Freunden das eigene unfiltrierte, unpasteurisierte und mithin begrenzt haltbare Bier in der Bügelflasche mit selbst kreiertem Etikett zukommen lässt, ganz berührungsfrei der persönliche Kontakt pflegen. "Und wer einmal welches bekommen hat, der will auch wieder was haben", so seine Erfahrung. Kleine Gebräue erhalten die Freundschaft. Erst recht, wenn sie auch noch ganz demonstrativ als ultraregionales Produkt daherkommen - wie Tretbars Bier, dem er die Marke "Kaßberger" verpasst hat. Wohl mit Recht. Tretbar wohnt im fünften Stock. So handelt es sich mutmaßlich auch um die höchstgelegene Brauerei in dem Altbauviertel westlich der Chemnitzer Innenstadt.

Irgendwie ist wohl jeder Craftbrauer auf seine Weise einzigartig.

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