Crystal-Süchtigen soll künftig umfangreicher geholfen werden

Die Droge ist in Sachsen zu einem großen Problem geworden. Vor allem auf dem Land. Wissenschaftler haben 135 Vorschläge erarbeitet, um die Therapien zu verbessern.

Chemnitz.

Crystal-Süchtige sollen künftig nach einer einheitlichen Therapie-Leitlinie behandelt werden. Das Papier ist gestern von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, in Berlin vorgestellt worden. Die Richtlinie ist zwar nicht verbindlich, gilt künftig aber für die Behandlung und Nachbetreuung von Crystal-Süchtigen als Orientierung.

Der Katalog wurde von einer Expertenkommission erstellt, bestehend aus Medizinern, Psychologen und Suchtfachleuten. Auch Stephan Mühlig, Professor für Psychologie an der Technischen Universität Chemnitz, war daran beteiligt. Ihm ist besonders wichtig, dass der Katalog weit über die Medizin hinausgeht.

Die insgesamt 135 Empfehlungen beschäftigen sich nicht nur mit der akuten Behandlung der Abhängigkeit, sondern auch mit Begleiterkrankungen wie Zahnproblemen, Depressionen und Psychosen. Auch mögliche Therapien und Hilfsmöglichkeiten für spezifische Gruppen, wie schwangere Frauen und homosexuelle Männer, sind dargestellt. Vorgeschlagen wird zudem eine mindestens dreiwöchige qualifizierte stationäre Entzugsbehandlung.

Die meisten Crystal-Konsumenten leben in ost- und süddeutschen Grenzregionen, vor allem aber in Sachsen. Im aktuellen Bericht der Suchtkrankenhilfe in Sachsen wird insgesamt von mehr als 50.000 Menschen mit Suchtproblemen ausgegangen, jeder Zehnte davon ist Crystal-Konsument. Die Betroffenen konzentrieren sich nicht auf die Großstädte Chemnitz, Dresden und Leipzig, sondern sind vor allem im Vogtland und im Erzgebirge zu finden. In beiden Regionen kommen auf 100.000 Einwohner derzeit mehr als 150 Betroffene.

Bei den illegalen Drogen machen Crystal-Patienten in Sachsen nahezu zwei Drittel aller Fälle aus, die stationär behandelt werden. Laut Olaf Rilke, Leiter der Sächsischen Landesstelle gegen Suchtgefahren, besuchten 2015 etwa 5000 Menschen mit Crystal-Problemen die Suchtberatungsstellen im Freistaat. Für dieses Jahr rechnet er mit einer ähnlich hohen Anzahl. "Das sind aber nur jene, die Hilfe suchen", sagt Rilke. Wie viele Sachsen tatsächlich durch Crystal süchtig geworden sind, weiß auch er nicht. Er spricht von einer großen Dunkelziffer.

Rilke begrüßt die gestern von der Drogenbeauftragten vorgestellte Leitlinie. Viele der dort beschriebenen Maßnahmen seien zwar schon Praxis, "wenn es aber um die Finanzierung von längeren Behandlungen geht, kann man diese Empfehlungen nun als Argument vortragen", so Rilke.

Auch an der Basis, wo mit Suchtkranken gearbeitet wird, trifft die wissenschaftliche Ausarbeitung auf Zustimmung. Andreas Rothe von der Suchtberatungsstelle der Stadtmission Chemnitz, unterstützt vor allem die Empfehlung, Hilfesuchende innerhalb von 24 Stunden in eine Beratung oder Behandlung zu übernehmen. Dies sei aber eine Frage der Personalstärke. Viele Beratungsstellen arbeiteten am Limit.

Nach Ansicht des Suchtexperten ist es besonders wichtig, dass sich Mediziner und andere Fachleute überhaupt umfassend mit dem Thema beschäftigt haben - denn Crystal werde mittlerweile in sämtlichen Gesellschaftsschichten konsumiert. "Zu uns kommen nicht nur Jugendliche und junge Eltern, sondern wir haben auch die Krankenschwester, den Polizisten und den Lehrer bei uns sitzen."


Interview: Für Crystal fehlt die Ersatzdroge

Suchtexperte Stephan Mühlig erklärt, warum Medikamente nur kurzfristig beim Entzug helfen können

Der Psychologe Stephan Mühlig hat an der Leitlinie zur Behandlung von Crystal-Süchtigen mitgearbeitet. Sarah Hofmann sprach mit ihm über die Menschen, die Crystal nehmen, und deren Gründe, aber auch über den Drogenkonsum im Erzgebirge und im Vogtland.

Freie Presse: Welche Menschen sind eigentlich anfällig für Crystal? Welche Motive haben sie?

Stephan Mühlig : Beim Crystal haben wir das Problem, dass es ganz unterschiedliche Konsumentengruppen mit den unterschiedlichsten Konsummotiven gibt, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Manche nehmen es nur zur Leistungssteigerung, dazu gehören zum Beispiel Banker und auch einige Politiker. Auf der anderen Seite gibt es die "Heavy User", die hochsüchtig sind, oft andere Drogen nebenher einnehmen und sich den Stoff auch spritzen. Die sind dann das andere Extrem: stark abhängig, körperlich und psychisch krank und sozial herausgefallen. Aber auch auf dem Land ist Crystal-Konsum mittlerweile verbreitet. Das haben wir bei anderen Substanzen noch nie gehabt, dass Bauern harte Drogen konsumieren. Im ländlichen Raum sind diese Zahlen pro Kopf der Bevölkerung sogar höher als in den Städten, zum Beispiel im Erzgebirge und im Vogtland.

Lassen sich die Vorschläge der Leitlinie überhaupt umsetzen?

Die Leitlinie umreißt, wie sich die Behandlung inhaltlich gestalten sollte, also welche Medikamente und Therapiemaßnahmen empfohlen werden. Die Versorgungsleistungen, die dort enthalten sind, gehören schon jetzt zur Grundversorgung der gesetzlichen Krankenkassen und Rentenversicherung, die jedem zur Verfügung steht, wenn es gesundheitlich indiziert ist.

Was ist neu?

Normalerweise haben Leitlinien einen starken ärztlichen Teil, vor allem was die Vergabe von Medikamenten betrifft. Hier spielen sie aber keine so große Rolle. Für die akute Behandlung sind Medikamente sinnvoll, beim langfristigen Entzug hilft aber eher eine psychologische Behandlung. Medikamente zur Substitution, also der Einsatz von Ersatzdrogen als Mittel zur Behandlung des Entzugs, gibt es für Crystal noch nicht.

Und wie geht es nun weiter?

Die Therapieempfehlungen sind jetzt öffentlich zugänglich, sie liegen online und in Buchform vor und können von Ärzten, Psychotherapeuten und Suchttherapeuten genutzt werden. Von den Ärzte- und Psychotherapeutenkammern werden sie nun weitergegeben. Nächstes Jahr findet in Chemnitz ein Fachkongress für Psychotherapie statt, wo es um dieses Thema gehen wird.

 

Zur Person

Stephan Mühlig

Der Psychologe lehrt seit 2007 als Professor am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Chemnitz. Substanzmissbrauch und -abhängigkeit sind sein Hauptforschungsgebiet. In der S3-Leitlinie zur Behandlung von Crystal-Störungen war der Such-t-experte federführend am Kapitel zur psychotherapeutischen Behandlung beteiligt, ebenso bei den Bereichen Schwangerschaftsrisiken, pränatale Schäden und Geburtskomplikationen. Außerdem arbeitet er an Themen rund um Sucht-Begleiterkrankungen mit. Diese Themen entsprechen auch Stephan Mühligs Forschungsprojekten an der TU Chemnitz und im Klinikum Chemnitz.

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