Darum impft Sachsen anders als andere Bundesländer

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Der Freistaat hält sich nicht an die Vorgaben aus Berlin zum Abstand zwischen der Erst- und der Zweitimpfung. Das Gesundheitsministerium in Dresden erklärt, warum.

Chemnitz.

Die Leserin aus dem Vogtland war verwirrt: Eben habe sie in der "Freien Presse" gelesen, dass zwischen den Impfungen mit mRNA-Impfstoffen sechs Wochen liegen sollen. "Ich habe allerdings bei der Anmeldung im Impfportal für das Impfzentrum in Treuen (Eich) Termine bekommen, die im Abstand von nur drei Wochen vergeben wurden", schrieb die Frau am Dienstag und fügte an: "Da bin ich jetzt schon ein wenig verunsichert und hätte gern eine Erklärung."

Tatsächlich empfiehlt die Stän­dige Impf­kom­mis­sion (Stiko) am Robert-Koch-Institut für die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna einen Abstand von sechs Wochen zwischen den beiden Impfungen. Bei Astrazeneca sind es zwölf Wochen. Doch Sachsen hält sich nur bei Astrazeneca an die Empfehlung aus Berlin. Beim Vakzin von Biontech/Pfizer gelten im Freistaat 21 Tage Abstand als Regel, bei Moderna 28 Tage, wie das Sozialministerium in Dresden erklärt. Dabei beruft man sich auf eine Empfehlung der eigenen Sächsischen Impfkommission (Siko). Nach Recherchen des Berliner "Tagesspiegel" ist Sachsen das einzige Bundesland, das von den Empfehlungen der Stiko in Berlin abweicht.

"In Sachsen wird die Zweitimpfung bei Biontech/Pfizer bewusst früher als theoretisch möglich verimpft", sagt eine Sprecherin von Ministerin Petra Köpping (SPD). Zur Begründung heißt es, die Zweitimpfung bedeute maximalen Schutz vor schwerer Erkrankung, Tod und der Übertragung der Viren. "Ausbrüche in Heimen nach der Erstimpfung geben uns recht", so die Sprecherin. Die Siko verweise auch auf wissenschaftliche Daten aus anderen Ländern, die aus epidemiologischer Sicht klar dafür sprächen, schnell für eine komplette Immunisierung zu sorgen.

Abgestellt wird hier besonders auf Immunsupprimierte, also auf Personen mit geschwächtem körpereigenem Abwehrsystem. Diese Personen bedürften einer vollständigen Immunisierung, um einen ausreichenden Schutz vor Covid-19 zu erlangen. "Alter gehört mit zu den Konditionen, die eine Immunsuppression implizieren", heißt es aus dem Sozialministerium. Auch dies sei in neueren Studien belegt. In Pflegeheimen seien nach vollständiger Immunisierung zudem auch Lockerungen möglich. "Die Siko erklärt, dass gerade bei den zugelassenen mRNA-Impfstoffen die zweite Impfung zur vollständigen Impfimmunität unabdingbar ist." In der Phase zwischen der ersten und zweiten Impfung bleibe der Impfling vulnerabel, insbesondere auch für Virusvarianten mit höherer Infektiosität. Daten aus Israel und aus Großbritannien zeigten dies sehr eindrücklich.

Die bundesweite Empfehlung für größere Abstände zwischen Erst- und Zweitimpfung folgt hingegen einer anderen Logik: Schon mit der ersten Impfung haben viele Menschen einen guten Schutz gegen schwere Covid-Erkrankungen. Dehnt man den Abstand zwischen den Impfungen aus, können mit den zur Verfügung stehenden Dosen kurzfristig mehr Menschen geimpft werden. Vor dem Hintergrund der dritten Corona-Welle hatte sich der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach Anfang April dafür ausgesprochen, die Abstände bei den mRNA-Impfstoffen sogar auf zwölf Wochen zu verlängern.

Die besondere Herangehensweise in Sachsen schlägt sich auch in den Impfquoten nieder. Bei den Erstimpfungen gegen das Coronavirus liegt der Freistaat regelmäßig weit hinten, bei den Zweitimpfungen hingegen deutschlandweit im Spitzenfeld. Nach aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts waren bis 26. April in Sachsen 22,7 Prozent der Bevölkerung einmal gegen das Coronavirus geimpft, das entspricht im Bundesländervergleich - zusammen mit Thüringen - dem viertletzten Rang. Bei den Zweitimpfungen liegt Sachsen mit 8,5 Prozent aktuell bundesweit an dritter Stelle.

 

Das könnte Sie auch interessieren

66 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 14
    10
    Berit
    28.04.2021

    Sachsen hat deutschlandweit die höchste Inzidenz. Da scheint ja doch nicht alles so gut zu laufen.
    Ich finde es nicht richtig, dass der Abstand bei Impfungen nicht, wie von Ärzten empfohlen, gestreckt wird. Warum wird bei Biontech bereits nach 3 Wochen eine vollständige Immunisierung angestrebt, bei Astrazenica sich aber an den 12wöchigen Abstand gehalten. Das ist nicht nachvollziehbar. Es geht doch, solange Impfstoffknappheit herrscht, vor allem um die Verhinderung schwerer Verläufe. Das wird bereits nach der Erstimpfung erreicht.

  • 17
    5
    KTreppil
    28.04.2021

    Besser mehr vollständig Geimpfte, als halbe Sachen. Was nützt nur eine Impfung, wenn sich der Geimpfte im längeren Zeitraum zwischen den Impfungen doch noch infiziert? Erstmal schlecht, wenn derjenige dann richtig krank wird, gar andere infiziert und natürlich in Zeiten knapper Ressourcen, auch schade um den Impfstoff. Ich finde, hier geht Sachsen richtig vor und ich hoffe, dass man dabei bleiben wird (darf?). Vielleicht zeigt sich das in den nächsten Wochen mit einer sinkenden Inzidenz. Hoffentlich...
    In Anbetracht der Tatsache, dass früher oder später eh die zweite Dosis benötigt wird, ist es doch auch egal ob nun 2 oder 3 Wochen früher. Zeigen sich hier schon wieder Anzeichen von Impfneid? All die Diskussion käme gar nicht erst auf, gäbe es genug Impfstoff für alle Impfwilligen.

  • 37
    4
    fnor
    27.04.2021

    @612115 Ich glaube es sind keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Zum Jahresanfang musste in ganz Deutschland noch peinlichst darauf geachtet werden, dass der Impfabstand nicht zu groß wird. Der Impfabstand wird nur verlängert, um mehr Erstimpfungen vorweisen zu können. Sachsen macht es richtig, lieber komplett immunisieren. Ebenso hat Sachsen konsequent den Impfstoff für die zweite Impfung im Lager behalten, um die zweite Impfung zum richtigen Zeitpunkt garantieren zu können.

    Auch wenn man in der Statistik deswegen auf den ersten Blick schlechter dasteht, sind das richtige und wichtige Maßnahmen.

  • 15
    28
    612115
    27.04.2021

    Petra Köpping (SPD) hat also bessere wissenschaftliche Erkenntnisse als die Ständige Impfkommission, die ausdrücklich einen Abstand von sechs Wochen empfiehlt? Und verweist zur Begründung auf angebliche Erfahrungen in Pflegeheimen, deren Bewohner doch längst durchgeimpft sind? Das Resultat ist, dass Sachsen die höchsten Inzidenzzahlen in ganz Deutschland hat! Herzlichen Glückwunsch.

  • 50
    4
    Falkensteiner
    27.04.2021

    In Anbetracht der Tatsache, dass nur die vollständige Impfung wirklich vor den neuen Varianten schützt, finde ich es richtig, so zu impfen wie es in Sachsen gemacht wird.

  • 22
    10
    Rmfrohnau
    27.04.2021

    Versuche bereits 2 Wochen einen Impftermin zu bekommen .gehör zur Impfgruppe 3.
    So kann der Erzgebirgskreis Spitzenreiter bleiben