Der CDU-Hoffnungsträger

Er ist zwar schon seit 15 Jahren Berufspolitiker, trotzdem ist der Görlitzer Michael Kretschmer in Sachsen bisher nur wenig bekannt. Dabei wird der 42-Jährige vermutlich in einer Woche zunächst CDU-Landeschef werden und ab dem 13. Dezember Ministerpräsident sein. Wie tickt dieser Mann?

Chemnitz.

Das muss man erst mal schaffen. 50 Minuten sitzt Michael Kretschmer schon vorn auf dem roten Sessel. Rechts neben ihm ein Tisch mit Wasserflaschen und Gläsern, dahinter "Freie Presse"-Chefredakteur Torsten Kleditzsch. Und vor ihm die mehr als 100 Zuhörer. Die Karten für diesen "Chemnitzer Salon" in den Kunstsammlungen am Theaterplatz waren rasch weggegangen. Kretschmer hat zu diesem Zeitpunkt schon eine Menge gesagt. Zu sich selbst, zu Angela Merkel, zu Helmut Kohl. Sogar Karl Marx hat er schon zitiert - und ihm für den Satz, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, Recht gegeben.

Aber etwas anderes fehlte bisher. Nun kann er es unterbringen. Kleditzsch fragt den Hoffnungsträger der sächsischen CDU danach, ob er sich nicht an Bayern ein Beispiel nehmen wolle und das Finanzministerium auch noch für "Landesentwicklung" und "Heimat" zuständig machen könne.

Kretschmers Antwort - nach einem Scherz, dass "wir" doch nicht einfach irgendetwas von anderen "kopieren" - lautet schließlich, dass Heimat für ihn "ein ganz wichtiger Punkt" sei. Dass er "möchte, dass wir begeistert sind über das, was wir hier gemeinsam geschaffen haben". Und nahtlos fährt er fort: "Jetzt sind wir in Chemnitz." Eine "fantastische Stadt" sei das, "keine andere im Freistaat Sachsen" und "wahrscheinlich" sogar in den neuen Bundesländern habe sich nach 1990 "so komplett" und ihr Bild "zum Positiven" verändert: "Ich finde das großartig."

Bayern, Heimatministerium, Chemnitz - dieser Dreisatz wäre nicht jedem gelungen. Es dauert nicht lange, dass Kretschmer auch noch bedauert, dass "immer Leipzig und Dresden im Fokus" stünden und glänzten. Aber "spätestens", so setzt er leicht schelmenhaft nach, wenn Chemnitz Kulturhauptstadt Europas sei, werde das anders.

Kretschmer weiß, wie's läuft. Er ist erst 42 Jahre alt, aber seit 15 Jahren Berufspolitiker. Seit zwölf Jahren CDU-Generalsekretär. Er war auch schon bei "Anne Will", wenngleich er den TV-Talk zum Thema Fremdenfeindlichkeit in Bautzen als "absolut unausgewogene Debatte" und ein "wirkliches Sachsen-Bashing" in Erinnerung habe.

Das Chemnitz-Lob kommt beim Publikum hörbar an. Das quittiert ansonsten vor allem Kretschmers Ansagen zu einem anderen Thema mit Applaus - zur Flüchtlingspolitik. Bundespolitisch gehöre der Komplex Asyl und Migration zu den größten Herausforderungen, "da muss dringend was passieren". Dass die Bundestagswahl vor allem eine Abstimmung zu diesem Thema war, ist für ihn sonnenklar.

Er "kenne nur wenige Menschen, die nicht erschrocken waren über das Wahlergebnis". Kretschmer selbst verlor am 24. September seinen sicher geglaubten ostsächsischen Wahlkreis. Nach 15 Jahren im Bundestag, zuletzt als Fraktionsvize, stand er plötzlich ohne Mandat da. Dreieinhalb Wochen später dann verkehrte Welt: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich kündigte seinen Abschied an, sein Wunschnachfolger an der Spitze von Partei und Land: Kretschmer. Die Reaktionen? Viel "Enttäuschung" habe er danach gespürt, vor allem über Tillichs Abgang. Auch Parteifreunden sei es zu schnell gegangen. Mehr als sieben Wochen liegen zwischen Tillichs Ankündigung und dem entscheidenden Landesparteitag in einer Woche in Löbau. "Wir haben ein offenes Verfahren. Es kann auch jeder noch kandidieren. Ich bin ein Angebot", sagt Kretschmer.

Ein Gegenkandidat ist bislang nicht in Sicht, geschweige denn ein chancenreicher. Trotzdem ist Kretschmer gerade täglich in Sachsen unterwegs, nicht nur an der Parteibasis. Er muss seine Bekanntheit erhöhen, nach einer Umfrage des Leipziger Marktforschungsinstituts IM Field im Auftrag der "Sächsischen Zeitung" gaben Ende Oktober nur 23 Prozent der Sachsen an, seinen Namen zu kennen.

Vom "Pflichtenheft" für den Freistaat spricht er im Chemnitzer Salon. Es gebe eine ganze Reihe von Punkten, bei denen "wir in Sachsen nachsteuern müssen". Dabei nennt er die Innere Sicherheit und auch die Schulpolitik. Dass er selbst für die vom neuen Kultusminister Frank Haubitz (parteilos) eingeforderte Verbeamtung der sächsischen Lehrer eintritt, gibt er nur indirekt zu erkennen: "Man muss ein Stück weit jetzt auch mal die Kraft haben, sich wirklich darauf einzulassen, was die jungen Leute wollen" - also jene Lehramtsstudenten, die bisher auch wegen der fehlenden Verbeamtung Sachsen den Rücken kehrten.Kretschmer betont auch, "dass Finanzpolitik nicht nur darin besteht, das Geld zusammenzuhalten", sondern "Investitionen in die Zukunft ermöglichen" müsse. Den Namen des nächsten Finanzministers, den er im Fall seiner Wahl zum Ministerpräsidenten am 13. Dezember durch den Landtag selbst bestimmen könnte, verrät Kretschmer natürlich nicht, versichert aber wenigstens, dass es "ein harter Hund" sein werde und er das Geheimnis am 18. Dezember lüften will - wenn er selbst vorher gewählt wird.

Ob er alle Wünsche erfüllen kann? In der Schule solle die politische Bildung gestärkt werden, wobei es ihm dabei nicht nur um Gemeinschaftskunde geht. Für weitaus wirkungsvoller hielte er es, auch in anderen Fächern über politische Dinge zu diskutieren - und nicht nur in der Schule. "Wir müssen miteinander reden und nicht übereinander." Diese "andere Gesprächskultur" wolle er gern auch vorleben. "Jeder soll da mitmachen." Applaus vom Publikum, ebenso ein paar Minuten später, als er beim Asylthema ist. Wenn jemand sage, dass aus seiner Sicht zu viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen seien, sei das "nicht automatisch rechtsradikal oder ausländerfeindlich", sondern "eine Position, über die man unverkrampft und in Ruhe miteinander reden muss", sagt Kretschmer.

Dieses Mal war es die Antwort auf Kleditzschs Frage, ob es mit einer Neubehandlung von Themen oder neuen Politikern getan sei oder den Bürgern mehr Möglichkeiten zur direkten Demokratie eingeräumt werden sollten. "Mehr einbeziehen" will Kretschmer die Menschen schon, versteht darunter aber den verstärkten Einsatz neuer Medien, "um direkt mit den Wählern und Bürgern im Gespräch zu sein, Meinungen abzufragen und Entscheidungen stärker zu legitimieren".

Schon jetzt dient ihm die Stimmung im Land als Argument für einen harten Kurs in der Asylpolitik. "Wir müssen einen gesellschaftlichen Frieden bei diesem Thema erzeugen, das halte ich für zwingend notwendig." Richtig sei deshalb die dauerhafte Aussetzung des Familiennachzugs für Flüchtlinge mit subsidiärem Status. Dazu zählen vor allem Syrer. "Das gesellschaftliche Klima in Deutschland ist eines, was ziemlich klar danach verlangt, dass aus einer Million Flüchtlinge jetzt nicht zwei, drei oder vier Millionen werden", sagt Kretschmer. Dem wolle er gern entsprechen und eben nicht "das Experiment" weiterführen, "dass man an der Bevölkerung vorbei in dieser Frage Politik macht".

Kleditzsch entgegnet, dass laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesarbeitsagentur bei einer Aufhebung des Nachholstopps für subsidiär anerkannte Flüchtlinge maximal 60.000 Menschen nachkämen. Wie Kretschmer auf die bislang nur von der AfD gewohnte Millionen-Schätzung komme? Das kann der CDU-Mann nicht beantworten, regt dafür aber an, kriminell gewordene Ausländer künftig öfter als bisher abzuschieben statt vor Gericht zu stellen: "Die sollen zurück in ihre Heimatländer fahren, Ende der Diskussion." Auf Nachfrage von Kleditzsch stellt er klar, dass es ihm dabei darum gehe, straffällig gewordene Ausländer häufiger als bisher vor die schon jetzt mögliche Alternative einer freiwilligen Ausreise statt eines Strafverfahrens zu stellen.

Wenn Kretschmer etwas besonders wichtig ist, wird seine Stimme lauter. "Was wir hier diskutieren, ist ja nicht Verfassungsgrammatik, Herr Kleditzsch, sondern es ist die Frage, ob man dieses Land, was total aufgewühlt ist, jetzt mal beruhigt", sagt er, als es um die von der CSU gewünschte Obergrenze geht. Auch Kretschmer findet, dass es nun mal eine "Grenze des Machbaren" gebe.

Seine Hände sind während des fast 90-minütigen Gesprächs fast ununterbrochen in Bewegung, mal pochend auf der Lehne, mal wirbelnd in der Luft, mal miteinander verknotet, auch zur Raute von Daumen und Zeigefinger, mit der Angela Merkel berühmt wurde. Was er an der Kanzlerin am meisten schätzt? "Dass wir selbst in den schwierigsten Phasen, die es gegeben hat, auch 2015, miteinander diskutieren konnten und auch miteinander gestritten haben." Schade sei jedoch, dass sie die Fehler von 2015 - auch wenn sie laut Kretschmer in diesem "absolut verrückten Jahr" womöglich nicht vermeidbar waren - auch im Bundestagswahlkampf nicht benannt habe. Dies hätte sie "als Person noch stärker gemacht".

 

Kretschmer in Zitaten

Zu seiner Herkunft: "Aus Görlitz. Ich bin wirklich richtig mit Görlitz verwachsen. Das ist meine Heimatstadt, da hängt auch mein Herz. Wir wohnen jetzt in Dresden - schon eine ganze Weile. Aber ... Nein, ich bin Görlitzer."

 

Über Werte, die ihm seine Eltern mitgegeben haben: "Bescheidenheit. Anstand. Mein Vater, der auch Handwerker ist so wie ich, gab mir mit, dass man Dinge immer korrekt macht. Keine halben Sachen, war sein Wort, und ist es auch jetzt noch."

 

Über seine Familie: "Ich habe zwei Kinder. Und ich habe eine Frau, die schon zwei große Kinder hat. Die sind jetzt zum Studium. Unsere beiden gemeinsamen sind fünf und sieben. Das ist ein Ruhepol ... Wir sind, glaube ich, eine tolle Familie."

 

Zur Frage, ob er als Ministerpräsident seine Partnerin heiraten werde: "Ich liebe meine Frau über alles. Und wir haben eine tolle Beziehung. Zwei gemeinsame Kinder. Die anderen miterzogen. Wir sind uns sehr einig, dass wir zusammengehören und zusammenbleiben wollen. Und alles andere wird sich finden."

 

Auf die Frage, ob er etwas "Gescheites" gelernt habe: "Ja, ich habe einen Handwerksberuf. Ich bin Elektroniker ... Später auf dem zweiten Bildungsweg habe ich mein Abitur nachgeholt und dann Wirtschafts-ingenieurwesen studiert ... Das ist etwas, was mich auch heute noch sehr, sehr glücklich macht. Einmal zu sehen, was in diesem Land möglich ist. Dass es eben wirklich einen Bildungsaufstieg geben kann. Ich bin in unserer Familie der Erste, der an einer richtigen Hochschule studiert hat ... Und auf der anderen Seite dieses Erleben, richtig zu arbeiten, zu schauen am Ende des Tages, man ist fertig, man hat nur begrenzt viel Geld, das ist etwas, was mir ewig in Erinnerung bleiben wird."

 

Zur Frage, warum er auf seiner Internetseite wenig über sich verrät: "Ich bin nicht so jemand, der über sich selbst gern redet. Das ist mir eher unangenehm. Das hat den Nachteil, dass man dann natürlich die Deutungshoheit anderen überlässt. Und das eine oder andere, was da geschrieben ist, von Leuten, die mich eigentlich gar nicht kennen, das hat mich schon auch verwundert. Aber meine Erfahrung ist, die Leute müssen sich selber eine Meinung bilden."

 

Zur Frage, was er mittlerweile verloren hat: "Vielleicht so ein bisschen Spontanität. Weil ich gemerkt habe, dass es doch besser ist, die Sachen genauer zu überlegen und ruhig zu bleiben. Das würde meine Frau nicht sagen, die würde immer noch sagen, ich bin hektisch manchmal. Aber ich glaube, ich habe da nachgelassen."

 

Über Erfahrungen, auf die er gerne verzichtet hätte: "Ich bin ja erst 42 Jahre und trotzdem gibt es Dinge, die nicht gut gelaufen sind, wo mir auch leid tut, dass man jemanden verletzt hat. Als Generalsekretär war ich in den ersten Jahren sehr ungestüm. Und ich weiß, dass der eine oder andere da auch Dinge gehört hat, die ich heute nicht mehr sagen würde. Das tut mir leid, weil man kann hart in der Sache sein und trotzdem vernünftig im Ton. Das habe ich erst lernen müssen."

 

Über Helmut Kohl: "Helmut Kohl war jemand, der unglaublich erdverwachsen war und der ein klares Koordinatensystem gehabt hat, was richtig und was falsch war - das verbinde ich übrigens auch mit Angela Merkel. Wir haben als Ostdeutsche alle davon profitiert, dass es diesen großen Staatsmann gegeben hat." (kok/tz)

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