Der Popcorn-Macher

In Plauen startete der Grünen-Chef Robert Habeck seine Wahlkampftour in Sachsen. Er setzt auf die Bündnistradition seiner Partei im Osten. Mit der sächsischen CDU sieht er derzeit keine Allianzen.

Plauen.

Politik hat etwas von Popcornmachen. So sieht es zumindest Robert Habeck. Der Ko-Vorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, Liebling der Talkshows und neuer Superstar der Politik, war am Montagabend nach Plauen ins vollbesetzte Malzhaus gekommen. Es war für ihn quasi der Auftakt für den Landtagswahlkampf in Sachsen.

"Wir leben in einer Zeit des Wandels. Die Menschen haben das Gefühl, dass die Politik diesem Wandel nicht stark genug begegnet", sagte Habeck. Bei vielen Entwicklungen wie Digitalisierung, gesellschaftlicher Wandel oder Klimaschutz sei es wie beim Popcornmachen. "Die einen sagen, wir wollen kein Popcorn und stellen den Topf gleich vom Herd. Andere warten zu lange ab, was mit dem Mais in dem heißen Öl passiert. Dann explodiert der Topf, und die Menschen sind erstaunt über die Explosion." Die Grünen wollen das fertige Popcorn rechtzeitig rausholen. Das sei die politische Weiche, die derzeit diskutiert werde. Habeck: "Stellen wir uns auf diese Popcorn-Dynamik ein und geben neue Antworten oder lassen wir alles beim Alten?"

Neue Schritte wollen die Grünen für den Osten wagen. Habeck: "Das Fremdeln mit dem Gestalten der Einheit, das bei den Grünen in den 1990er-Jahren vorherrschte, muss überwunden werden." Für den Bundesvorsitzenden, seit 2002 Mitglied bei den Grünen, ist das Jahr 2019 mit den Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen ein ganz besonderes: "Wir als Gesellschaft müssen versuchen, 30 Jahre nach der Wende einen zweiten Anlauf für eine Einheit auf Augenhöhe zu unternehmen. Es war falsch, dass wir Grünen damals wenig mit der Gestaltung der Einheit zu tun haben wollten. Jetzt aber ist es umso notwendiger, um den Zerfall der Gesellschaft zu überwinden." Man müsse die Bündnistradition, die die Partei im Namen trägt, mit Leben füllen. "Wir wollen die Idee des gesellschaftlichen Zusammenhalts stärken." Als "West-Partei"? Man wolle versuchen, dieses Image endlich abzustreifen.

Der Beitrag der Grünen für diesen neuen Anlauf sei es, Vorschläge zu unterbreiten, die besonders für die ostdeutschen Regionen bedeutsam sind. Beispielsweise: neues Denken im Sozialsystem (Garantierente), Bodenspekulationen im Osten Einhalt gebieten, das weitere Versiegeln der Landschaft verhindern und für Wertschöpfung auf dem Land sorgen - etwa durch Windkraft.

In der Fragerunde im Malzhaus ging es auch um ein in Sachsen kontrovers diskutiertes Thema: den Wolf. "Es gibt einen Interessenkonflikt zwischen Ökologie und Landwirtschaft, keine Frage. Ich halte es aber aus übergeordneten Gründen für falsch, den Wolf auszurotten. Wenn wir es als reiches Land nicht schaffen, mit diesen Raubtieren umzugehen, dann haben wir auch kein moralisches Argument mehr gegen ein mögliches Aussterben der Tiger und Elefanten in Asien und Afrika." Die Antwort könne nicht sein: Alles, was uns in der Zivilisation nicht passt, wird ausgerottet. Fraßschäden müssten entschädigt werden, zudem sei eine andere Form der Weidehaltung notwendig. Habeck: "Es muss wohl auch das Verständnis dafür wachsen, dass ein Wolf, der sich nicht artgerecht verhält und nur Schafe reißt, nicht schützenswert ist. Der Wolf ist eine Herausforderung und auch nichts anderes als eine neue Form des Popcorns."

Nein, ein speziell sächsischer Wahlkampf sei zwar nicht geplant, man werde sich aber auf die Besonderheiten der Länder einstellen, erläuterte der Parteichef bei einer Pressekonferenz am Dienstag. "Die Grünen stehen für Wandel - das mache es der Partei in Ostdeutschland nicht einfacher. Viele hier hatten schon Wandel und Revolution für drei Leben - das ist uns bewusst." Gibt es Gemeinsamkeiten mit der sächsischen CDU? "Im Moment sehe ich keine Allianzen, sondern eine eher größer werdende Distanz. Mir scheint, dass die CDU in Sachsen auch noch nicht so recht weiß, in welche politische Richtung sie blinken will - zur Mitte oder zur AfD."

Die Grünen wollen im anstehenden sächsischen Wahlkampf vor allem im ländlichen Raum Flagge zeigen. "Wir müssen dorthin, wo wir nicht automatisch Zustimmung erhalten." Das wird nicht so einfach: Während man in Sachsens Großstädten gut verankert sei, fehle es in kleineren Städten an personeller Schlagkraft, räumte er ein. Zwar habe die Partei bundesweit so viele Mitglieder wie nie und verzeichne auch im Osten Zuwächse, doch von der Mitgliederstärke einer CDU oder SPD sei man weit entfernt. So habe Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen aktuell rund 1900 Mitglieder, die CDU dagegen etwa fünf Mal so viele.

Jüngst machte der 49-jährige Grünen-Chef, Schlagzeilen, als er nach dem Datenklau-Skandal aus den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook ausstieg. Dazu Habeck: "Der Hackerangriff hat mich sehr berührt, weil doch viele private Daten von mir plötzlich öffentlich wurden. Der Ausstieg aus den sozialen Netzwerken ist eine bewusste Entscheidung gewesen: Twitter und Facebook stehen für das hektische Agieren, für den kurzzeitigen Geländegewinn in der Politik. Man darf sich aber nicht kirre machen lassen. Wenn der Ausstieg ein Fehler gewesen sein sollte, dann war es mein Fehler. Solange ich in der Lage bin, meine eigenen Fehler zu begehen, macht mir Politik noch Spaß."

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6Kommentare
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  • 2
    0
    GrauerWolf
    17.01.2019

    Der Grünen Chef Robert Harbeck und seine eigene Sicht auf die Wildbiologie

    Schafe sind die ältesten Haustiere des Menschen, daß seit ca. 10.000 Jahren. Urahnen sind z. B. das Wildschaf und das Mufflon. Im Genpool unserer heutigen europäischer Hausrinder finden wir den Auerochsen inklusive des Genmaterials von 80 Tieren aus dem „fruchtbaren Halbmond“.
    Daraus ist leicht zu erkennen, daß einerseits die von uns gehaltenen Weidetiere Neozoon (eingewanderte, nicht zu den heimischen Wildtierarten gehörend) aus dem Morgenland stammen, andererseits in ihrem Urverhalten alte Verhaltensweisen einprogrammiert sind, die wir beachten müssen.
    So suchen sich unsere heutigen Weidetiere, wie ihre verwandten Wildtierarten, z.B. bei Nahrungs- oder Wassermangel neue Weidegründe. Wir kennen das z.B. vom Auerochsen oder dem Büffel.
    Aus diesem Grund müssen Weidetierhalter vielfältige Forderungen, die sich aus Rechtsgrundlagen der Weidesicherheit, Haftungsvorschriften - § 833 BGB, der Verordnung für Nutztierhalter - § 4 TierSchutzV, DIN-Vorschriften und technische Regeln sowie Rechtsgrundlagen und Gerichtsurteile begründen einhalten, um in unserer heutigen Kulturlandschaft Menschen vor Schaden zu bewahren.

    Erklärt sei noch, daß der Wolf an der Spitze der Nahrungspyramide auch Neoozon wie Waschbär, Marderhund und Mufflon und Weidetiere reguliert, die nicht zu unseren heimischen Wildtierarten gehören und keine Feindvermeidungsstrategien wie unser heimisches Wild beherrschen. Aber natürlich kann auch das Wildtier Wolf keine übermäßig schnell wachsenden Populationen regulieren, dafür hat die Natur weiter Regulationsprozesse vorgesehen.

    Sachlich betrachtet, gehören also Weidetiere nicht zu den heimischen Wildtierarten Weidetiere können nicht die 1000ende von Jahren erfolgreich praktizierte „Feindvermeidungsstrategie“, bei der nur junge, schwache, unaufmerksame und kranke Wildtiere auf der „Wolfs“ Strecke bleiben. Bei Wildtierarten funktioniert auf diese Weise Evolution. Der Wolf ist eine heimischen Wildtierart und logischerweise, wenn er ein ungeschütztes Weidetier verspeist, ist genau das artgerechtes Verhalten.

    Also Grünen-Chef Robert Harbeck, ein Wolf der nur Schafe reißt, zeigt absolut ein, sein artgerechtes Verhalten, für ihn ist das nicht zur Flucht fähige Schaf schlichtweg krankes Wild in seinem Lebensraum, das er wie ihm von der Evolution beauftragt wurde, verspeist.
    Grünen-Chef Robert Harbeck, wir Menschen haben Weidetiere für unsere Ernährung in unser Abendland eingebürgert, also ist es unsere absolute Pflicht und Schuldigkeit, unsere nichtheimischen Weidetiere zu schützen.

    Es wäre jedoch nicht der Primat Mensch, wenn er nicht versuchen würde, die Schuld für sein fehlerhaftes Verhalten auf Schwächere abzuwälzen...

    Meint Ihr Grauer Wolf

  • 7
    1
    Täglichleser
    16.01.2019

    Was ist erst einmal schlecht, wenn sich
    Menschen einsetzen, dass wir kein vergiftetes Essen auf den Tisch bekommen, dass man gesunde Luft einatmen kann, dass eine intakte Natur auch für zukünftige Generationen erhalten bleibt? Wollen wir Klimawandel mit extremen Wetterlagen und Naturkatas-
    trophen? Darüber nachzudenken ist
    überlebenswichtig. Und da müssen wir auch über unseren unverhältmässigen
    Konsum nachdenken und weltweit denken.

  • 2
    10
    Interessierte
    16.01.2019

    Mit der sächsischen CDU sieht er derzeit keine Allianzen.
    ( warum denn nicht ???

    Während man in Sachsens Großstädten gut verankert sei...
    ( da sind auch die vielen junge Leute aus dem Westen in den preiswerten Uni´s

  • 6
    11
    ralf66
    16.01.2019

    Diese grünen Lobbyisten brauchen wir in Sachsen nicht.

  • 13
    4
    Täglichleser
    16.01.2019

    Franzudo hat das der Habeck gesagt?
    Glaube nicht. Motto: Einfach mal draufhauen. "Hervorragende Ausgangssituation für eine sachliche Diskussion."

  • 9
    13
    franzudo2013
    15.01.2019

    Habeck will die Lebensverhältnisse angleichen. Die von Sachsen an jene von Polen.



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