"Der Titel entzweit uns nicht, er eint uns"

Landrat Frank Vogel, neuer Chef des Welterbevereins Montanregion Erzgebirge, über Befürchtungen, jeder koche sein eigenes Süppchen

Annaberg-Buchholz.

Nach einem Streit über den Standort des Welterbezentrums Freiberg waren Befürchtungen laut geworden, bei der Vermarktung des Welterbetitels würden nicht alle im Erzgebirge an einem Strang ziehen. Im Gespräch mit Frank Hommel tritt Frank Vogel, Landrat und neuer Chef des Vereins Welterbe Montanregion Erzgebirge, diesem Eindruck entgegen.

Freie Presse: Herr Vogel, bisher hat Mittelsachsen den Vorsitz im Verein Welterbe Montanregion Erzgebirge innegehabt. Nun ist es der Erzgebirgskreis - womit Sie als Landrat auf dem Chefsessel sitzen. Warum der Wechsel?

Frank Vogel: Als wir mit dem Verein gestartet sind, verständigten wir uns darauf, dass Mittelsachsen den Vorsitz übernimmt. Also der damalige Landrat Volker Uhlig. Uhlig hat den Prozess der Bewerbung zu Ende geführt. Nun kommt es darauf an, den Titel mit Leben zu füllen. Ich bin seit 2008 in die Welterbe-Bewerbung involviert. Schließlich verfügt der Erzgebirgskreis über die meisten Objekte der Montanregion. Außerdem bin ich Vorsitzender des Tourismusverbands Erzgebirge und Präsident des sächsischen Landkreistags - wovon wir uns weitere Synergien erhoffen.

Der Freiberger Universitätsprofessor Hellmuth Albrecht gilt als Vater des Welterbetitels. Jüngst nun mahnte er - angesichts eines Streits in Freiberg um den Standort des dort geplanten Welterbezentrums - man dürfe Einzelinteressen nicht über gemeinsame Interessen stellen.

Der Welterbetitel entzweit uns nicht - er eint uns. Nur weil es in einer Kommune ein Problem gibt, kann man nicht davon reden, das gesamte Erzgebirge sei gespalten. Ich gehe davon aus, dass die Probleme in Freiberg gelöst werden.

Wobei Professor Albrecht auch anmerkte, dass Welterbezentren nicht nur weitere Tourist-Infos sein sollen, sondern den Welterbe-Gedanken vermitteln.

In unserer Machbarkeitsstudie von 2017 gibt es klare Vorgaben zu den Zentren. Oberstes Prinzip ist die Einheitlichkeit. Design, Größe, Funktion, alles das ist festgelegt. Auch die Vermittlung des Welterbegedankens wird in den Zentren stattfinden. Darauf pocht der Welterbe-Verein. Bis Ende Februar sollen die Kommunen nun ihre Gedanken für die Umsetzung der Anforderungen auf den Tisch legen. Zu den Anforderungen gehört, dass die Zentren sieben Tage in der Woche geöffnet sein müssen. Auch die Inhalte sind ganz klar vorgegeben.

Die Stadt Freiberg bevorzugt unter anderem deshalb das Silbermannhaus, weil darin bereits die Touristeninformation ihren Sitz hat, was Personal sparen könnte. Scheint da die Sorge nicht verständlich, dass die Welterbe-Vermittlung zu kurz kommt?

Die Kommunen sind voll verantwortlich für die Welterbezentren, das stimmt. Der Welterbe-Verein stellt kein Personal. Er redet aber ein gewichtiges Wort mit. Wir lassen uns alles zeigen, auch den Stellenplan. Wir stellen sicher, dass das Personal geschult ist, über die gesamte Region Bescheid weiß und entsprechend Auskunft geben kann.

Für Freiberg, Schneeberg, Annaberg-Buchholz und Marienberg sind Welterbezentren geplant, für kleinere Orte mit Welterbestätten dagegen Infopunkte. Was hat es damit auf sich?

Im Prinzip kann jede Welterbe-Kommune, die so einen Infopunkt möchte, einen betreiben. Wobei die Aufgaben der Infopunkte derzeit noch einmal klar definiert werden. Klar ist: Das wird nicht nur eine Stele mit drei Sätzen drauf und dann war es das. Wir denken schon an eine Räumlichkeit, die womöglich auch mit Mitarbeitern besetzt ist.

Gibt es für all das genug Geld?

Genug Geld gibt es nie. Wir haben eine grobe Erhebung gemacht und kommen für die nächsten Jahre auf eine Summe von 70 bis 75 Millionen Euro. Und zwar zum einen für den Erhalt und die Sanierung der Welterbestätten. Zum anderen für die Anschub-Finanzierung, um die Welterbe-Vermarktung in Gang zu bringen. Ich habe das Thema bei den Koalitionsgesprächen in Dresden mit angesprochen. Das Bekenntnis zur Welterberegion ist ja da. Man muss Chancen, die sich bieten, auch nutzen.

Wie geht es jetzt weiter?

Zunächst geht es daran, dass sich der Welterbeverein auf die eigenen Füße stellt. Bisher läuft das Welterbe-Management noch unter dem Dach der Wirtschaftsförderung Erzgebirge. Der Welterbeverein übernimmt das nun. Er hat dazu Stellen ausgeschrieben - einen Geschäftsführer, einen technischen Mitarbeiter, der sich etwa um Monitoring kümmert, dazu eine halbe Stelle, die in Freiberg angesiedelt ist. Die Bewerbungsphase ist vorbei, die Gespräche beginnen in Kürze. Ich denke, dass der Verein im ersten Halbjahr 2020 arbeitsfähig ist.

Und dann?

In den nächsten Monaten verstärken wir über den Tourismusverband Erzgebirge unsere Marketingaktivitäten und entwickeln mit den Kommunen touristische Produkte. Aufgabe wird es aber auch sein, die gesamten Rahmenbedingungen zu verbessern, so dass die Touristen gern herkommen. Bei der Internationalen Tourismusbörse in Berlin Anfang März wird der Tourismusverband Erzgebirge das Thema Welterbe setzen, die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen hilft uns, es international zu bespielen. Die Aufnahme in die Welterbeliste ist deutschlandweit wahrgenommen worden, aber bis die Marke etabliert ist, wird es schon eine gewisse Zeit dauern. Manche Hoffnung ist vielleicht auch übertrieben, es gibt auch falsche Erwartungen darüber, was der Titel bewirken kann.

Wie steht es langfristig um das ehrenamtliche Engagement, ohne das bei vielen Objekten die Lichter ausgehen?

Der Ruck bei der Bevölkerung ist auf jeden Fall da, viele Leute fragen, was sie tun können. Bei jungen Leuten macht uns das von der EU finanzierte Projekt "Unser Welterbe" große Hoffnung, mit dem wir in die Schulen gehen und das sehr rege genutzt wird. Ich hoffe, dass es so gelingt, junge Leute zu gewinnen. Wir brauchen mehrsprachige Gästeführer. Mit Erzgebirgisch allein kommen wir nicht mehr weit. Viele junge Leute lassen sich heute nicht mehr in feste Vereinsstrukturen hineinpressen. Aber für interessante Projekte begeistern sie sich. Da müssen wir sicherlich noch ein bisschen umdenken.

Frank Vogel 

Der studierte Ökonom wurde 1957 in Sosa geboren. Von 1990 bis 1994 war er erster Beigeordneter des Landrats in Aue, danach in der Kreisverwaltung Aue-Schwarzenberg als Beigeordneter für Haupt- und Finanzverwaltung zuständig. 2008 wurde der CDU-Politiker zum Landrat des damals neu gebildeten Erzgebirgskreises gewählt, 2015 im Amt bestätigt. Seit 2015 ist er Präsident des Sächsischen Landkreistages. Außerdem steht er dem Tourismusverband Erzgebirge und dem Verein Welterbe Montanregion Erzgebirge vor.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...