Der Weihnachtsberg, der Malvin hilft, über sich hinauszuwachsen

Menschen jeder Herkunft sind dabei, Behinderte und Nicht-Behinderte, Kinder und Senioren. Der "Advent à la Venezia" in Ehrenberg berührt außerordentlich - und legt den Finger doch in eine Wunde der Gesellschaft.

Ehrenberg.

Niemand ist vor Verletzungen sicher. Auch nicht an diesem Ort. Eben noch mimte Abou Konate, ein aus der Elfenbeinküste stammender Azubi einer Olbernhauer Firma, einen der Heiligen Drei Könige. Nun steht er auf der Terrasse des "Centro Arte Monte Onore" in Ehrenberg und berichtet von einer unangenehmen Begegnung nach dem Auftritt. Ob die schwarze Farbe im Gesicht echt sei oder angemalt, habe jemand gefragt. Er ringt nach Worten. "Ich habe das als diskriminierend empfunden."

Niemand ist vor Verletzungen sicher. Nicht einmal hier, an diesem Ort. Es ist das Reich von Pier Giorgio Furlan. Der Italiener hat das alte Rittergut am Talhang der Zschopau erst vor dem Verfall gerettet und dann zu einer Oase von Kunst, Kultur und Menschsein gemacht. Werfen im Herbst die Bäume ihre Blätter ab, sieht man die roten Dächer der Burg Kriebstein auf der anderen Seite der Zschopau hindurchschimmern.

Bewahrt dieser Ort nicht vor Verletzungen, so kann er doch heilen. Diesmal nimmt sich Ines Hofmann, Abou Konates einstige Lehrerin an der Fichteschule Mittweida, der Sache an. Sie bewegt ihren Zeigefinger vom linken Ohr zum rechten. "Abou, das muss hier reingehen und da wieder raus." Ein anderer junger Mann mischt sich ein, Simon Fritzsche, der in einer Wohngruppe für Behinderte lebt. "Ich habe nichts gegen Farbige", sagt er lautstark. "Was hältst du von mir?", fragt er dann unvermittelt. Der Afrikaner sieht den Sachsen an. "Du bist ein guter Mensch", antwortet er mit fester Stimme. "Du redest nicht über andere, du fragst sie einfach selbst."

Ein paar Meter weiter steht Hausherr Furlan. Er trägt einen bizarr wirkenden, grün-braunen Mantel mit bunten Papageien. Manchmal wischt er sich mit der Hand über die Augen. "Du glaubst nicht, wie glücklich ich bin." Seit Jahren bringt Furlan sie alle fürs Theater zusammen: Menschen jeden Alters, jeder Herkunft, jeder Fähigkeit. "Das Wort Mensch gibt es nur einmal", sagt er, "es umfasst uns alle."

Zuletzt sorgte "Marco Polo" im Opernhaus Chemnitz für Furore. Für den "Advent à la Venezia" - Furlans Jugend in Venedig folgend mit charakteristischen Masken - haben er und seine Mitstreiter vom Förderkreis diesmal den Schlosspark in einen lebenden Weihnachtsberg verwandelt. Furlan führt seine Gäste als Moderator mitten hindurch, 60 Mitwirkende machen den Berg zum Erlebnis. Es gibt Bauernhof, Mühle, Schmiede, Tischlerei, Bäckerei, alles detailverliebt ausgestaltet. Je tiefer die Sonne hinter den Horizont sinkt, umso lieblicher wirkt diese dezent beleuchtete Traumwelt. Es ist die Vision eines Abendlands, das man - im Gegensatz zu manch beschworener Variante - vielleicht wirklich christlich nennen könnte.

Ja, auch das reale Abendland will allen Menschen die gleichen Chancen einräumen. Vor zehn Jahren trat Deutschland der UN-Behindertenrechtskonvention bei, verpflichtete sich zu Inklusion. Erfolge etwa am Arbeitsmarkt gibt es durchaus. So sank die Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten in Ostdeutschland von 14,1 Prozent im Jahr 2018 auf 13,2 Prozent aktuell. Doch den Abstand zur allgemeinen Arbeitslosenquote (8,3 Prozent) nennt die Aktion Mensch "erheblich", und Menschen mit Behinderung brauchen im Schnitt 85 Tage länger, um eine neue Arbeit zu finden.

In dieser Gemengelage helfen Aktionen wie der lebendige Weihnachtsberg Betroffenen, den Berg an Hindernissen, vor dem sie im echten Leben stehen, anzugehen. "Wir sind auch noch da", ruft Malvin Dieterichs. Malvin arbeitet als Monteur in der Partnerwerkstatt der Diakonie in Herrenhaide bei Burgstädt, doch sein Traum ist ein Job im richtigen Arbeitsmarkt. Dieser Traum könnte wahr werden. Malvin interessiert sich für Archäologie, und so hat ein Betreuer Kontakte geknüpft ins Smac Chemnitz, das Sächsische Museum für Archäologie. Dort, so die Idee, könnte Malvin Besuchern die Ausstellung in Leichter Sprache erklären. Seine Theater-Erfahrung käme ihm dabei zugute. "Weil man da Selbstbewusstsein lernt", sagt er.

Schließlich kommen Maria und Joseph und das Theaterpublikum bei der Herberge an. Den Herbergsvater mimt Udo Hindenburg. 2014 hatte er einen Schlaganfall, nun sitzt er im Rollstuhl. Sein Alltag: Essen, Trinken, Schlafen, Therapie. Und Schauspielerei. Auch eine Art Therapie, sagt er. Zum dritten Mal ist er in Ehrenberg dabei. "Es tut mir gut. Steht man einmal auf der Bühne, kann man es nicht mehr lassen."

Der "Advent à la Venezia" ist noch einmal am Mittwoch, 18. Dezember um 16 Uhr im Park des Kulturzentrums "Centro Arte Monte Onore" Ehrenberg zu erleben.

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