"Der Welterbetitel ist kein Selbstläufer"

Für Frank Vogel (CDU), Vize-Vorsitzender des Welterbevereins, ist der Unesco-Titel viel mehr als ein Tourismusprojekt

Freiberg/Annaberg.

Mit einem großen bergmännischen Zapfenstreich in Freiberg feiert die Montanregion Erzgebirge/Krušnohori am Samstagabend die Übergabe der Welterbe-Urkunde. Doch wie wird das Erzgebirge diesen Titel mit Leben erfüllen und für seine Entwicklung nutzen? Darüber hat Udo Lindner mit dem Vize-Vorsitzenden des Welterbevereins, Landrat Frank Vogel, gesprochen.

Freie Presse: Die Euphorie nach der Vergabe des Welterbetitels war riesig, aber auch die Erwartungshaltung. Wie sind die 22 Welterbestätten darauf vorbereitet?

Frank Vogel: Die Euphorie trägt uns noch immer. Vor allem auch, weil wir sowohl von außen als auch aus der Region seit Juli eine große Anerkennung verspüren. Auch das Selbstbewusstsein der Erzgebirger ist durch den Titel gewachsen. Das motiviert uns, die vor uns stehenden sehr komplexen Aufgaben gut abgestimmt anzugehen. Wir müssen mit dem Welterbeverein, dem Tourismusverband, dem Förderverein, den Kommunen als Träger der Welterbestätten und dem sächsischen Innenministerium immerhin fünf wichtige Akteure zusammenbringen. Ab Januar wird der Welterbeverein diese Koordination übernehmen. Das dafür notwendige Personal suchen wir gerade. Zudem wird es künftig über die Region verteilt vier Besucherzentren geben.

Mit dem Titel Welterbe verbinden potenzielle Gäste ja eine hohe Erwartung, was die touristische Qualität betrifft. Sind alle Welterbestätten in der Region bereits auf diesem Niveau?

Die meisten der Denkmäler und Objekte sind in einem guten Zustand, aber noch nicht alle. Auch gibt es Defizite im Umfeld - zum Beispiel Parkplätze, Zufahrten, Ausschilderung. Wir erarbeiten uns dazu aktuell einen genauen Überblick, um dann möglichst schnell noch notwendige Investitionen anzuschieben. Im Spätherbst, beziehungsweise im zeitigen Frühjahr, erfolgt die Beschilderung durch die Städte und Gemeinden, sodass im nächsten Jahr mit Beginn der Wander- und Besuchersaison die Beschilderung abgeschlossen sein sollte.

Wer bezahlt das alles?

Ich hoffe, dass die Kommunen mit Welterbestätten vom Freistaat unterstützt werden. Zugesagt wurde uns das ja im Bewerbungsverfahren. Nicht jede Kommune wird die Eigenanteile bei Investitionen aufbringen können. Dort hoffen wir auf zusätzliche finanzielle Unterstützung. Aber auch wir werden unseren Teil beitragen müssen.

Im Erzgebirge gibt es insgesamt rund 25.000 Denkmale. Rund 400 sind unmittelbar Bestandteil des Welterbes. Können Sie verstehen, dass Regionen außerhalb des Welterbes befürchten, jetzt weniger Geld zu bekommen?

Verstehen kann ich das. Ich glaube aber nicht, dass jetzt Mittel zugunsten des Welterbes aus anderen Töpfen abgezogen werden. Unser Ziel sollte es sein, dass der Freistaat, der von diesem Titel auch profitiert, die Mittel für Denkmalschutz eher etwas aufstockt. Es geht ja darum, einen universellen weltweiten Wert zu erhalten.

Welterberegionen hoffen natürlich, dass der Tourismus vom Titel maßgeblich profitiert. Wie realistisch ist das für die Montanregion Erzgebirge?

Der Titel ist kein Selbstläufer. Die Besucher müssen wir selbst gewinnen. Natürlich hilft uns der Titel, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir werden das auf der Internationalen Tourismusbörse im Frühjahr in Berlin auch aktiv nutzen. Sowohl die Tourismus-Marketing-Gesellschaft Sachsen als auch die Deutsche Tourismuszentrale unterstützen uns dabei. Vor allem ausländische Gäste wollen wir mehr ins Erzgebirge locken - wohl wissend, dass das auch weitere Investitionen in die Attraktivität der touristischen Infrastruktur verlangt.

In Zinnwald musste im August ein Besucherbergwerk - das Teil des Welterbes ist - schließen, weil Personal fehlte.

So etwas sollte natürlich nicht passieren. Dafür muss es eine Lösung geben. Es zeigt aber auch, dass wir uns sehr darum bemühen müssen, die Menschen in der Region für dieses große Projekt zu begeistern und Stolz darauf zu wecken. Wir haben die Hoffnung, dass davon die Nachwuchs- und Jugendarbeit in den Bergbauvereinen profitiert und das Welterbe auch auf diese Weise langfristig mit Leben erfüllt wird.

In Bad Muskau, der zweiten Welterberegion in Sachsen, gibt es speziell auf junge Leute zugeschnittene Projekte. Hat das Erzgebirge ähnliches vor?

Wir bieten seit zwei Jahren Schulprojektwochen zur Montanregion an. Das wird wissenschaftlich begleitet und von der EU bezuschusst. Es wird von den Schulen in der Welterberegion gut angenommen. Eine Aktion, die daraus entstand, ist das von Marienberger Schülern auf dem Marktplatz gestaltete Menschenbild "WIR SIND WELTERBE". Für mich zeigt es, dass die jungen Leute stolz auf ihre Heimat sind.

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