Die Legende fliegt

Eigentlich hätte die Po-2 schon zu DDR-Zeiten verschrottet werden müssen. Jetzt ist sie wieder flott - dank einer Senioren-Crew in Jahnsdorf.

Jahnsdorf.

Da steht sie in alter Schönheit: die Polikarpow Po-2. Die Podwa. So mag der Doppeldecker ausgesehen haben, als er das erste Mal an den Start ging. Das war 1954 in Polen. Nein, die Buchstabenkombination "Po" stammt nicht aus dem Namen unseres Nachbarlandes Polen. Das Po steht für Polikarpow. Jenen sowjetischen Flugzeugkonstrukteur, der die Po-2 im Jahre 1927 in die Welt setzte. Und 2 heißt im Russischen "dwa". Daher: Po-2 - Podwa.

Maria Schreiber streicht über die Tragfläche der Maschine, die im Hangar am Flugplatz Jahnsdorf steht. Aber was heißt "streicht"? Sie streichelt sie. Jeder, der sich dem Flugzeug nähert, wird von der kleinen blonden Frau mit Skepsis beäugt. Gerd Fiedler beobachtet sie und kann sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen. "Alles gut, Maria", sagt er, dann bricht sich ein herzhaftes Lachen Bahn, in das die anderen einstimmen. Die anderen, das sind Heiner Bauer und Ludwig Bergert. Die Rentner-Crew, die in erster Linie dafür gesorgt hat, dass sich die Podwa heute präsentiert wie zu ihren besten Zeiten. Die Männer sind beim Anblick der alten Dame nicht ganz so emotional. Aber stolz, stolz sind sie allemal. Das können sie auch sein. Denn die drei Senioren und Gerd Fiedler, jener Mann, dem der gleichnamige Air Service am Flugplatz gehört, sind die Hauptakteure in einer einmaligen Geschichte um ein einmaliges Flugzeug.

Begonnen hat sie am 10. März 2010. Damals hatten sich Flugsportler aus Sachsen etwas vorgenommen, was schier unmöglich schien. Sie wollten einen alten, total demolierten, von Mäusen angenagten hölzernen Doppeldecker aus den 50er-Jahren wieder flugfähig machen. Heimlich, still und leise haben sie begonnen. Es lief gut. Warum also nicht an die Öffentlichkeit gehen? 2011 haben sie es getan und brachten wohl nicht nur Fliegerkreise, sondern auch historisch Interessierte ins Schwärmen. Als die "Freie Presse" den Beginn der Story am 11. April 2011 veröffentlichte, schrieb ein flugverrückter Herr: "Wozu habe ich gelebt, wenn ich diese Maschine nicht geflogen habe?"

Ja, die Podwa ist etwas Besonderes. "Sie wurde so oft wie kein anderes Flugzeug auf der Welt gebaut: rund 40.000-mal", sagt Fiedler. Sie war äußerst flexibel: Schulflugzeug, Krankentransporter und es gab eine Schwimmversion. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zum Verbindungs- und Aufklärungsflugzeug. Die Sowjetunion setzte die Po-2 als leichte Frontbomber ein. Gesteuert wurden sie von jungen Frauen. Sie flogen nachts die Front ab und störten den Nachschub für die Deutschen. Das 46. Gardefliegerregiment ging als die "Nachthexen mit den fliegenden Nähmaschinen" in die Geschichtsbücher ein. "Die Motoren klingen wie das ,Singen' einer Nähmaschine", klärt Fiedler auf. In der DDR schleppte die Po-2 Segelflugzeuge in die Höhe oder setzte Fallschirmspringer ab.

Eigentlich dürfte es die Podwa mit dem Kennzeichen DM-WAH gar nicht mehr geben. Denn alle Maschinen, die der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) gehörten und aus Altersgründen nicht mehr abheben durften, mussten verschrottet werden. In Riesa, wo die Po-2 einst zu Hause war, brachte das niemand fertig. "Wir haben sie in einer alten Flugzeughalle, hinter alten Autoreifen versteckt. So hat sie überlebt", erzählt Lutz Kern, der damals in Riesa geflogen ist und heute die Stelle des Geschäftsführers im Luftsportverband Sachsen innehat. "Ein Glück. Denn für mich ist die Podwa das schönste Flugzeug überhaupt", fügt Maria Schreiber zu.

Das Versprechen, dass die Po-2 im Herbst 2011 wieder flugtauglich sein würde, konnten die Jahnsdorfer nicht halten. "Anfangs haben wir das geglaubt, weil die Baufortschritte zu Beginn enorm waren", denkt Heiner Bauer zurück. "Aber dann kam der Kleinkram, die Innereien." Doch Maria, die Sportfliegerin, Heiner und Ludwig, die Flugmodellbauer, ließen nicht locker. Rund sechs Jahre lang haben sie sich zweimal pro Woche getroffen, getüftelt, geschraubt, genäht, bespannt ... Heute sagen sie, sie hätten nie Zweifel am Gelingen der Mission gehabt. Dabei hat ihnen die alte, hölzerne Dame immer wieder Grenzen aufgezeigt. "Sie hat uns gezwungen, ständig Neues zu lernen, zu probieren", sagt Maria, die ehemalige Lehrerin.

"Manchmal war es eigenartig", überlegt Bauer, einst Tischler. "Du hast im Innern der Maschine ein Problem kommen sehen, musstest es aber vor dir herschieben, weil du im Moment nicht rangekommen bist." Erfindergeist war gefragt. Manchmal gab es kein Werkzeug, um bestimmte Arbeiten zu bewältigen. "An der Tragflächenbespannung etwa mussten ein paar Nähte gemacht werden. Aber womit? So lange Nadeln hatte niemand", erinnert sich Ludwig Bergert, der einstige Auslandsmonteur. Er verpasste einem langen, dicken Draht ein Nadelöhr! Auch einen Schraubenschlüssel hat er für eine ganz spezielle Verbindung entwickelt.

Perfektionist Fiedler hat die Truppe ebenfalls vor so manche, nicht leichte Aufgabe gestellt. Etwa mit der Devise: Ein historisches Flugzeug muss mit historischer Technik wieder flottgemacht werden. "Klingt gut. Ist aber oft hart", meint Maria Schreiber und erinnert sich mit gewissem Respekt an das Spleißen der Drähte und Seile. "Das ist wie flechten mit starkem Draht. Blutige Hände sind da oft inklusive." Da die alte Po-2 nur einen Hecksporn hat, mit dem es sich auf Rasen, aber nicht auf Asphalt gut landen lässt, meinte der Fiedler-Gerd: "Ein paar Rädeln wären gut." Maria hat im Internet gesucht und dann die größten und härtesten Räder von Inlineskatern bestellt.

Wenn die kleine Truppe erzählt, betont sie immer wieder, dass die Wiedergeburt der Podwa ein Gemeinschaftswerk von vielen Flugsportlern, Enthusiasten und Sponsoren ist. Zu den Verbündeten gehörte etwa die Elbe-Flugzeugwerft in Dresden, in der der Motor der Po-2 überholt wurde. "Ohne die Lehrwerkstatt und die Lehrlinge wäre manches nicht möglich gewesen", betont Lutz Kern. Zwar gab es für den Aufbau der Maschine vom Flugsportverband 35.000 Euro, aber wie das so ist, mit dem lieben Geld. "Viele Einzelaktionen haben geholfen, die Kasse zu entlasten", sagt Kern. So spendierte der Fliegerklub Auerbach im Vogtländischen eine alte Luftschraube. "Die wieder aufzuarbeiten hat 2500 Euro gekostet. Für eine neue hätten wir 10.000 Euro bezahlen müssen", rechnet Kern vor.

Endlich: Am 6.6.2016 gab Gerd Fiedler die Starterlaubnis zu einem Probeflug. Gemeinsam mit Gerold Weber, einem Freund, Meteorologen und Flieger, hat er die Maschine geprüft, in der Luft sozusagen. Und, keine Angst, sich in ein "zusammengebasteltes" Flugzeug zu setzen? Da ist es wieder, das ansteckende Lachen. "Wieso, die Maschine wurde einst zum Fliegen konstruiert und sie ist geflogen. Die Senioren-Crew hat hervorragend gearbeitet, professionell", lobt der Mann. Das tun auch andere Prüfer, wie Wernfried Gordziel aus Schönhagen. "Es wurde sehr sauber gearbeitet." Maria Schreiber steht neben Gerd Fiedler. "Beim zweiten Probeflug hat Gerd mich mitgenommen - weil ich Geburtstag hatte. Das war das schönsten Geschenk, das ich je bekommen habe!" Jetzt hat die 68-Jährige beschlossen, mit dem Sportfliegen aufzuhören. "Was soll denn nach dem Podwa-Flug noch Schöneres kommen?"

Wenn der hölzerne Vogel die offizielle Zulassung erhalten hat, wird er das Nest im Erzgebirge verlassen und in Roitzschjora in Nordsachsen stationiert. Ein extra gegründeter Betreiberverein aus Flugsportlern wird mit der Po-2 vor allem Gästeflüge absolvieren. Maria Schreiber, Heiner Bauer (70) und Ludwig Bergert (78) sagen, sie haben sich "abgenabelt" und es tut ihnen nicht weh. Richtig glauben kann man ihnen das nicht.

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5Kommentare
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  • 3
    0
    ommi22
    14.07.2016

    Jaja, jeder will fliegen aber der Flugplatz soll woanders sein, nur nicht in meiner Nähe aber auch nicht zu weit weg wegen der Autobahn vorm Haus.

  • 0
    2
    Erhard34
    13.07.2016

    Dann sollten Sie mal an der Ein- und Abflugsschneise am Flugplatz leben (müssen). Weit ab und Applaus. Reflektionen? Fehlanzeige!

  • 3
    0
    Blackadder
    13.07.2016

    Es geht hier um einen Oldtimer und somit um den Erhalt von technichem Kulturgut. Beschweren Sie sich auch über zu laute Motorräder aus den 1920er Jahren bei einer Ralley?

  • 5
    0
    ommi22
    13.07.2016

    Ja, ist schon irre, dieser Fluglärm.
    Der Himmel ist dunkel vor lauter Fluggeräten.
    Und dann noch die Rettungshubschrauber , die den Notarzt absetzen.Soll der doch mit dem Fahrrad kommen.
    Mal über den Lärm nachdenken,lieber Herr Erhard34,wenn Sie mit dem Benzinrasenmäher ums Haus ziehen.

  • 0
    5
    Erhard34
    12.07.2016

    Fluglärm? Uninteressant, solange die Lobby bedient wird!



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