Die Renaissance aus dem Projektor

In Leipzig werden Wände eines alten Heizwerks mit Meisterwerken aus der Renaissance illuminiert. Eine Spezialfirma aus dem Erzgebirge war in Florenz an der Digitalisierung der Kunstschätze aus den Uffizien beteiligt.

Leipzig.

Die Uffizien in Florenz sind berühmt für ihre Kunstschätze und berüchtigt für die Warteschlange vor ihrem Eingang. In Leipzig bietet sich zurzeit die Möglichkeit, etwas vom Glanz der Meisterwerke zu erhaschen. Nicht Gemälde sind vom Arno an die Pleiße gereist, sondern Daten hochaufgelöster digitaler Fotografien, die 1150 Kunstwerke zeigen. In einem alten Heizwerk außer Dienst werden sie an die rohen Wände projiziert und lassen sich am großen Bildschirm im Detail betrachten - detaillierter, als das im Museum möglich ist.

Das Zwönitzer Familienunternehmen Dr. Clauß Bild- und Datentechnik hat einen Teil des Systems geliefert, mit dem an Ort und Stelle in Florenz, während der Schließzeiten der Uffizien, die digitalen Abbilder entstanden sind. Die erzgebirgische Firma mit gut 15 Mitarbeitern gilt als "hidden champion" - ein Weltmarktführer in seinem Segment, der öffentlich wenig bekannt ist. Schlagzeilen machen die Zwönitzer regelmäßig, wenn internationale Fotografenteams die Marke für das größte Foto der Welt wieder ein Stück hinaus verschieben. Das aktuelle Rekordfoto ist ein Panorama der Hauptstadt von Malaysia. Es umfasst 864 Gigapixel, wobei ein Gigapixel etwa dem 70-Fachen der Auflösung einer herkömmlichen Handkamera entspricht. Neue Rekordjäger sind bereits am Start. "An jedem Weltrekord in den vergangenen Jahren war ein Gerät von uns beteiligt", erklärt Roland Clauß, ein Sohn des Zwönitzer Unternehmensgründers.

Die Firma Dr. Clauß stellt Panoramaköpfe her, die auf ein Stativ gespannt werden und die Kamera kontrolliert bewegen. Sie richten computergesteuert die Optik so aus, dass Stück für Stück, Bild für Bild ein großes Ganzes entsteht. Die Detailtiefe dieser Aufnahmen ermöglicht riesige Ausdrucke und Projektionen, aber auch das Studium von Details, die dem "unbewaffneten" Auge entgehen. Nicht nur Gigapixel-Fotografen und Industriebetriebe, auch Polizei und Sicherheitsbehörden setzen auf Produkte von Clauß.

Das erste Kunstwerk von Weltrang, das mit einem Kamerakopf aus Zwönitzer Produktion digitalisiert wurde, war wohl Leonardo da Vincis "Abendmahl" in der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie. Das 16-Gigapixel-Bild markierte damals die Leistungsgrenze. Inzwischen sind Museen und historische Stätten weltweit dazu übergegangen, ihre Schätze zu digitalisieren. Sie dokumentieren ihre Bestände, machen sie der Forschung zugänglich und verschaffen sich nicht zuletzt über die Vergabe von Nutzungsrechten an den Digitalaufnahmen neue Einnahmequellen. Auf der Webseite des Google-Art-Projekts lassen sich ganze Museen am heimischen Bildschirm virtuell besichtigen - was das Originalerlebnis freilich so wenig ersetzt wie Google Street View den Besuch einer fremden Stadt.

Das Leipziger Kunstkraftwerk geht bei der Präsentation der digitalisierten Kunstschätze aus den Uffizien einen eigenen Weg. Hier werden im industriellen Ambiente 360-Grad-Projektionen gezeigt, die Susanne Tenzler-Heusler, Sprecherin der Veranstalter, als "Immersionen" bezeichnet. Alle halbe Stunde beginnt das Programm. Die seit Januar laufende "Renaissance experience" ist Teil eines dreiteiligenZyklus, der sich über zwei Jahre mit dieser Epoche des Aufbruchs befassen soll. Ab Herbst wird eine Präsentation dem Maler Caravaggio gewidmet sein. Im nächsten Jahr geht es um Raffael, Michelangelo und Leonardo da Vinci, dessen Todestag sich 2019 zum 500. Mal jährt. Das Kunstkraftwerk bietet dazu ein Rahmenprogramm sowie unterrichtsbegleitende Aktivitäten für Schulen an.

Der Schauplatz der "Renaissance experience" ist ein früheres Heizwerk in Plagwitz, das private Investoren zum Ausstellungs- und Veranstaltungsort umgestaltet haben. Der Architekt Ulrich Maldinger und Markus Löffler, Professor für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie, haben es 2016 zugänglich gemacht. Ihnen schwebe eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft vor, die jeder Besucher versteht, sagt Sprecherin Tenzler-Heusler. Der Einsatz elektronischer Medien und die Präsentation von "Immersionen" hätten sich als Schwerpunkt herauskristallisiert.

Neben der "Renaissance experience" wird im Kraftwerk derzeit eine Präsentation zur Industriekultur gezeigt. Teil der Installation unter dem Titel "Werk in Progress" sind Aufnahmen, die zeigen, wie der letzte Arbeiter des alten Heizwerks dieses bei Stilllegung 1992 abschloss.

Die Digitalisierung der Florentiner Schätze war bereits um die Jahrtausendwende im Gespräch, berichtet Roland Clauß. In Kooperation mit Hitachi aus Japan begann die italienische Firma Centrica ab 2008, in den Uffizien zu fotografieren. Der digitale Datenschatz lässt sich im Kunstkraftwerk an der Saalfelder Straße nicht nur als Wandprojektion erleben. Große Touchscreens, berührungsempfindliche Bildschirme, ermöglichen es dem Besucher, einzelne Bilder aufzurufen und hineinzuzoomen. Dabei spielen die Aufnahmen ihren Detailreichtum aus.

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