Die Revolution im Kino

Das Ende der DDR begann nicht nur in Plauen, Leipzig oder Chemnitz, sondern auch in vielen kleineren Städten.

Zschopau.

Die Revolution in Zschopau fand im Kino statt. Sie begann Sonntagnacht und an einem Dienstagabend war sie vorbei - wenn man es romantisch betrachtet. Genau genommen fand die Revolution nicht im Kino, sondern vor dem Kino statt, und realistisch betrachtet, war sie an jenem Dienstag auch nicht vorbei, aber sie wurde von jenem Moment an anders. Vielleicht hatte sie auch dann gerade erst begonnen. Wenn man sie, wie Walter Benjamin, als Notbremse der Geschichte versteht und nicht als ihre Lokomotive.

Das war so am 9. Oktober 1989 noch gar nicht absehbar, aber absehbar war seit diesem Tag in der DDR, dass die Welt veränderbar ist und dass wir selbst es sind, die sie verändern können. Absehbar war, dass für einen fast poetisch anmutenden Moment aus vielen Ichs ein Wir geworden war, mit dem jeder, der es wollte, sie oder er selbst sein konnte. "Wir bleiben hier" und "Wir sind das Volk" schienen gemeinsam schaffen zu können, wovor man allein noch Angst gehabt hatte: Ein System abzuschaffen, das noch einmal die Muskeln spielen ließ.

Selten in der Geschichte waren so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubens, mit unterschiedlichen Biografien und, wie sich bald zeigen sollte, mit unterschiedlichen Zielen, auf derselben Seite einer Barrikade. Plötzlich schien möglich, was jahrzehntelang von bornierten Funktionären verboten und diskreditiert worden war: gemeinsam über die Zukunft des eigenen Landes zu diskutieren, gemeinsam Ziele zu formulieren und sich gemeinsam auf den Weg dorthin zu machen. Anfangs ging es nicht einmal so sehr um mehr Wohlstand, sondern um Freiheit für alle. Wenn die Wende ein utopisches Moment hatte, dann in diesen Wochen, als die DDR aufhörte zu existieren und noch nichts Neues an ihre Stelle getreten war. Die Revolution war später nicht mehr so romantisch - sie wurde plötzlich Arbeit und Verantwortung.

Gorbatschow hatte eine Tür aufgestoßen, die bis dahin verschlossen war, aber er wusste nicht, wohin sie führt. Wir wussten es auch nicht. Aber wir wollten es herausfinden. "Aufbruch 89" - der nur anderthalb Seiten lange Gründungsaufruf des Neuen Forum vom 9./10. September 1989, auf Ormig-Abzügen aus Berlin besorgt, unterzeichnet unter anderem von Bärbel Bohley, Katja und Robert Havemann, dem Zwickauer Martin Böttger konnte ein Wegweiser sein. Er war es auch - ist es fast bis heute - vielleicht erst heute:

"In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Beleg dafür ist die weit verbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung, Fluchtbewegungen diesen Ausmaßes sind anderswo durch Not, Hunger und Gewalt verursacht. Davon kann bei uns keine Rede sein. Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in übel gelaunter Passivität und hätten doch wichtigeres zu tun für unser Leben, unser Land und die Menschheit. In Staat und Wirtschaft funktioniert der Interessenausgleich zwischen den Gruppen und Schichten nur mangelhaft. Auch die Kommunikation über die Situation und die Interessenlage ist gehemmt... Auf der einen Seite wünschen wir uns eine Erweiterung des Warenangebotes und bessere Versorgung, andererseits sehen wir die sozialen und ökologischen Kosten und plädieren für die Abkehr von ungehemmtem Wachstum. Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative aber keine Erwartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Neuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen freie und selbstbewusste Menschen, die doch gemeinschaftsbewusst handeln. Wir wollen vor Gewalt beschützt sein, ohne einen Staat von Spitzeln und Bütteln ertragen zu müssen...Wir wollen an Export und Welthandel teilnehmen, aber weder zum Schuldner und Diener der führenden Industriestaaten noch zum Ausbeuter und Gläubiger der wirtschaftlich schwachen Länder werden. Um all diese Widersprüche zu erkennen, Meinungen und Argumente dazu anzuhören und zu bewerten, allgemeine und Sonderinteressen zu unterschreiben, bedarf es eines demokratischen Dialoges über die Aufgaben des Rechtsstaates, der Wirtschaft und der Kultur. Über diese Frage müssen wir in aller Öffentlichkeit gemeinsam und im ganzen Land nachdenken und miteinander sprechen. Von der Bereitschaft und dem Wollen dazu wird es abhängen, ob wir in absehbarer Zeit Wege aus der gegenwärtigen krisenhaften Situation finden. Es kommt in der jetzigen gesellschaftlichen Entwicklung darauf an, dass eine größere Auswahl an Menschen an gesellschaftlichen Reformprozessen mit-wirkt und die vielfältigen Einzel- und Gruppenaktivitäten zu einem Gesamthandeln zusammenfinden."

Diese Worte kursierten schon, als die Revolution in Zschopau begann. Ihr unmittelbarer Anlass war die Fällung einer als Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten 1920 gepflanzte Weide, die genau diese "gestörte Kommunikation" zwischen (Stadt-) Regierung und Bevölkerung offenbart hatte, die aber viel tiefer reichte. Doch die ersten Kerzen standen an jener Weide, die ersten Diskussionen über die Zukunft der Stadt und des Landes fanden an jener Weide statt. Und unter den ersten Transparenten war dann auch dieses: "Sägt Funktionäre ab, lasst Bäume stehen."

Jeder hat diese Tage und Wochen anders erlebt - für die einen sind sie friedliche Revolution, für die anderen Wende, für die allermeisten sind sie ein Glück. Für manche waren es die schönsten Tage des Lebens überhaupt. Viele von uns kannten einander, so wie in einer Kleinstadt wie Zschopau eben jeder jeden kennt - den Gemüsehändler, die Lehrerin, die Arbeiter aus dem Motorradwerk, die Frauen und Mädchen aus der Spinnerei, den Zahnarzt. Wir kannten einander und wussten, dass uns früher nicht besonders viel gelungen war. Diesmal aber war es anders - die Gesichter bei den Dienstagsdemos (der Montag war Leipzig und Chemnitz vorbehalten) waren heller oder dunkler, freundlicher oder entschlossener - irgendwie so, als wüssten alle, was sie vorhaben und dass es diesmal gelingen würde. Für einen historisch kurzen Moment konnte man "wir" sagen und sich mit fast allen einig wissen - oder sich mit fast allen einig wünschen.

Am 29. Oktober hatte es einen Schweigemarsch durch Zschopau gegeben, der, wie sich später herausstellte, zumindest von einem Stasi-Spitzel mitorganisiert war und eher wie eine Provokation wirkte, mit der die Reaktion der Polizei wie die der wirklich Oppositionellen getestet werden sollte. Zwei Tage später meldeten Niels und Arne Sigmund und ich die wohl erste freie Demonstration in Zschopau nach dem Zweiten Weltkrieg an. Dazu mussten wir auf der vorher bestens informierten Polizeidienststelle einen "Antrag auf Erteilung einer Erlaubnis für die Durchführung einer Veranstaltung im Freien" ausfüllen. Die Polizisten nahmen dies nur "zur Kenntnis". Auch sie wussten vermutlich nicht, was auf sie zukommen würde.

Es folgten Demonstrationen im Wochentakt mit bis zu 5000 Teilnehmern und Gespräche, zu denen auch die Vertreter der Staatsmacht eingeladen wurden und selbst einluden. Das Neue Forum war in Zschopau eine bunte Mischung aus Gläu-bigen verschiedener Konfessionen: Protestanten wie dem Zschopauer Kantor Hermann von Strauch und dem mutigen Krumhermersdorfer Pfarrer Johannes Roscher, der sich auch später nicht aus der Verantwortung zog. Er baute Angebote für Flüchtlinge und Arbeitslose mit auf. Oder dem Pastor Gerald Kappaun, der sich in den Stadtrat wählen ließ, Atheisten, ehemaligen SED-Genossen, Angehörigen anderer Blockparteien, Parteilosen, Arbeitern wie Gerhard Oertel, Angestellten, Lehrern, Künstlern, Intellektuellen. Ein Schäfer war dabei, und selbst der mürrische, als Bildhauer einzigartige Fritz Böhme arbeitete in einer der zahlreichen Gruppen mit an einem Kulturbauplan fürs Erzgebirge. Es ging vor allem um Mitbestimmung, Demokratie, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Religionsfreiheit, Demonstrationsfreiheit.

Die SED, die im Rathaus und im Kreistag herrschte, machte bald Zugeständnisse - es gab die ganz undemokratischen, aber teilweise sehr wirkungsvollen, auf jeden Fall diskussionsfreudigen Runden Tische, an die die neuen Organisationen Vertreter schicken durfte. Engagement entschied über Teilhabe. Die Revolution machte Arbeit und bedeutete Verantwortung.

An einem Dienstagabend im November aber wurde es anders - kaum merkbar zunächst, aber folgenreich, wie wir alle wissen. Ich weiß noch, wie wir im strömenden Regen vorm Kino standen. Der damalige Bürgermeister hatte eingeladen. Auf der Bühne war ein kleines Präsidium aufgebaut, sodass sich schön über die Köpfe der sechs-, siebenhundert Menschen hinwegreden ließ. Das letzte Mal war das Kino so voll gewesen, als "Vier Fäuste für ein Hallelujah" gespielt wurde - aber diesmal blieb das Hallelujah für den gewendeten Bürgermeister aus. Er wurde hinaus in den Regen gezwungen, weil nicht alle Demonstranten im Kinosaal Platz gefunden hatten. Draußen drängte sich auch die lokale Politprominenz ans Mikrofon, um wortreich ihre Bereitschaft zu beteuern, an der "Wende" mitzuwirken. In Ruhe und Frieden natürlich und so, wie man es eigentlich schon immer vorgehabt hatte. Es sollte über "allgemein interessierende Probleme" gesprochen werden: eine Umgehungsstraße für Zschopau, ein Hotel, bessere Arbeitsbedingungen in den Betrieben, Mitbestimmungsrechte im Stadtparlament unter Führung der Partei, die sich öffnen wollte, die alleinseligmachende SED, bessere Motorräder aus dem Motorradwerk (obwohl die gar nicht so schlecht waren).

Plötzlich bestimmten die Bürgerinnen und Bürger die Diskussion. In eine Stille hinein sagte ein Mann: "Bevor wir irgendetwas verändern, müsste doch Deutschland erst einmal wieder eins sein." Da wurde die Stille noch stiller, und hämisch triumphierend reichte mir der Bürgermeister das Mikrofon und sagte: "Hier, das ist doch deine Versammlung." Es war unsere Versammlung, weil es für einen kurzen Moment leicht war, "wir" zu sagen und "unser" - aber von diesem Augenblick an, teilte sich das "Wir" wieder in viele Ichs. Nicht, weil wir etwas gegen ein einiges Deutschland gehabt hätten - wir hatten nur nicht daran gedacht, vielleicht noch nicht. Wir wollten erst einmal unser eigenes Haus in Ordnung bringen, einen demokratischen Staat schaffen, gemeinsam nach dem besten Weg suchen, der dann sicher auch in ein einiges Deutschland geführt hätte - aber eines, in das wir selbstbewusster und stärker hätten gehen können, als wir dann ziemlich plötzlich in die deutsche Einheit gestolpert sind. Mit Gesetzen und Regeln, die sich der andere deutsche Staat in seiner ganz anderen Entwicklung selbst gegeben hatte, und die nicht unbedingt auf einen heruntergewirtschafteten Staat passen mussten, mit Bürgerinnen und Bürgern, die ihren Mut, ihre Kreativität, ihren Veränderungswillen gerade erst entdeckten. Vielleicht ist es Einbildung, verklärende Erinnerung, aber könnte es nicht sein, dass die Menschen bereit gewesen wären, für dieses eigene Land größere wirtschaftliche Opfer zu bringen, als sie ihnen später im einigen Deutschland abverlangt wurden, weil es ihre eigenen, selbstbestimmten Opfer gewesen wären? Anfangs ging es vielen um eine "bessere DDR", aber dies war vielleicht nur der unvollkommene Name für etwas vollkommen Neues, für das es noch gar keinen Namen gab. Denn wirklich wiederhaben wollte die alte DDR keiner.

Auch deshalb muss die Rede sein von einer Wende, die eine Revolution werden wollte, eine friedliche. Von Menschen, die einmal, sehr spät, aber noch zur rechten Zeit mutig waren - mutiger vielleicht, als sie es selbst wussten, mutiger, als sie es sich und andere es ihnen zugetraut hatten. Die über das, was ihnen zugetraut und zugemutet wurde, hinauswuchsen. Die am Ende einer bleiernen Zeit sich vor die anderen Menschen stellten und sie zu Rufen anfeuerten wie "Wir bleiben hier" und "Wir sind das Volk". Von denen später viele nicht hiergeblieben sind, sondern ins wirtschaftlich stärkere Westdeutschland zogen. Heute mag es lächerlich erscheinen, an Zeiten zu erinnern, da es mutig war, eine Kerze ins Fenster oder vors Rathaus zu stellen. An Zeiten, da sich die Menschen an die Runden Tische drängten, während es heute aller Überredungskunst bedarf, redliche Menschen zur Kandidatur bei einer Wahl zu bewegen.

Ob es eine Revolution war? Der Name ist gar nicht wichtig. Vielleicht haben diese Tage im Oktober 1989 ein Land auf den normalen Weg der Geschichte geführt, von dem es abgewichen war. Mit friedli-chen Mitteln. Und die nächste Revolution oder wie immer es heißen mag, wenn die Welt, wenn wir auf eine solidarische Gemeinschaft zugehen werden, die die Natur schützt, die Erde bewahrt, lebenswert und lebensfähig hält, wird wie alle künftigen Revolutionen friedlich sein müssen. Ein Dialog, wie ihn vor 30 Jahren das Neue Forum ins Leben rief, wäre dafür kein schlechter Anfang. Kann auch im Kino sein. Und statt dienstags am Freitag.

Zum Special: Herbst 89 Leipzig

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
1Kommentare
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  • 0
    0
    langi001
    09.10.2019

    Vielen Dank für den Artikel. Spricht mir aus dem Herzen.

    Langi



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