Dreimal trocken - dreimal rückfällig

Mindestens 163.000 Sachsen sind alkoholkrank. Ein Abhängiger schildert seinen jahrelangen schweren Kampf gegen die Sucht.

Dresden.

Die erste Bekanntschaft mit Alkohol macht Timo, da ist er gerade zwölf. In der Clique will er mithalten, als das Bier die Runde macht. Mit 16 zieht er von zu Hause aus ins Lehrlingswohnheim. Mit seinen Eltern hat er keine Probleme, aber er will frei sein. Als er nach der Wende mit 20 auf dem Bau in Bayern arbeitet, ist der Zwang, Alkohol zu trinken da. "Mittags, nachmittags Bier, das ist dort normal und erlaubt", sagt der Dresdner. "Die gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol - das Glas Wein beim Geschäftsessen, das Glas Sekt beim Empfang und ganz legal Bier auf Baustellen - das halte ich für ein großes Problem", sagt Chefarzt Sven Kaanen von der Diakonie-Suchtfachklinik in Weinböhla.

Nach der Arbeit auf der Baustelle trinkt Timo weiter. Am Wochenende sowieso. Er verliert die Kontrolle und weiß am nächsten Tag manchmal nicht, wie er nach Hause gekommen ist. Dabei braucht er keine harten Sachen. Sechs bis acht Flaschen Bier am Tag reichen ihm.

"Es kommt nicht darauf an, was man trinkt, sondern in welcher Menge", sagt Kaanen. Auch wenn das von Mensch zu Mensch verschieden sei, gebe es eine Faustregel: Wer als Mann mehr als 20 Gramm Alkohol am Tag konsumiert - entspricht einem halben Liter Bier oder 0,2 Liter Wein und einem Schnaps - zählt als gefährdet. Bei Frauen ist es die Hälfte.

Timo lässt sich wegen seiner Alkoholprobleme in der Fachklinik Weinböhla behandeln. "Alkoholabhängigkeit ist in Sachsen die Suchtkrankheit Nummer eins", sagt Olaf Rilke von der Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren. "Wir gehen von 163.000 Alkoholabhängigen im Freistaat aus. 78.000 von ihnen verändern bereits auffällig ihr Verhalten und werden krank." Allerdings würden nur etwa 13.000 Hilfe in den Suchtberatungsstellen in Anspruch nehmen. Die wenigsten schaffen den Weg aus der Sucht auf Anhieb - auch Timo nicht. Jetzt versucht er es zum vierten Mal. Immer wieder sei er durch Lebensumstände rückfällig geworden.

Timo geht weg von den täglichen Versuchungen auf der Baustelle. Ein Jahr lang fährt er einen Viehtransport. Es gelingt ihm, nur am Wochenende zu trinken - in Maßen. Die Firma geht pleite und er nach Meißen zurück, wo seine Mutter lebt. Auch hier schafft er es einige Jahre, ohne Alkohol auszukommen: Er fährt Lkw. Er lernt eine Frau kennen. 1996 kommt sein erstes Kind zur Welt. 1998 dann die Trennung von der kleinen Familie, und wieder macht die Firma dicht, bei der er gearbeitet hat.

Er fällt in ein Loch. Alkohol hilft ihm raus. Kurzzeitig hat er wieder Freude am Leben, verliert aber auch seinen Führerschein, weil er unter Alkoholeinfluss am Steuer sitzt. Irgendwann findet er den Weg zum Hausarzt und zur Entgiftung. Er kommt zu seiner ersten Langzeittherapie. Wieder geht es einige Zeit gut. Er macht sich nach eigenen Erzählungen im Baugewerbe selbstständig und bleibt trocken - bis seine neue Lebensgefährtin eine Flasche Wein auf den Tisch stellt. Irgendwann kommt wieder Bier dazu, und die Menge wächst. Streitereien, Trennung, Obdachlosenheim: Der Kampf beginnt erneut. Rückfälle, wie sie Timo erlebt hat, gibt es nach den Erfahrungen von Sven Kaanen bei etwa der Hälfte der Patienten - bei Frauen schneller als bei Männern. Dass der heute 46-Jährige dennoch immer wieder allein den Weg zu Entgiftung und Therapie gefunden hat, sei bemerkenswert. Denn Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, die nicht jeder für sich annimmt. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen Alkoholismus 1952 als Krankheit anerkannt hatte, zog Deutschland 1968 nach. Seitdem werden die Kosten für Behandlungen von der Kranken- oder Rentenversicherung übernommen. Dazu kommen oft Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Nach dem Suchtbericht für Sachsen ist von jährlich 1,4 Milliarden Euro Kosten die Rede. Mehr als 1000 Menschen sind im Freistaat allein 2014 an den Folgen des Alkoholmissbrauchs gestorben. Bundesweit steht Sachsen damit an vierter Stelle.

Timo weiß, dass seine Behandlung viel kostet: "Ich möchte das irgendwann zurückgeben, wenn ich Arbeit habe, Steuern bezahle und mit beiden Beinen fest im Leben stehe." Noch aber ist sein Leidensweg nicht zu Ende. Nach seinem ersten 20-wöchigen Aufenthalt in der Weinböhlaer Klinik 2010 wird seine zweite Tochter geboren - ein Frühchen. Es gibt wieder Probleme. Den Ausweg suchen die Eltern im Alkohol. Timo schafft es mit Frau und Tochter zur Familientherapie. Anfang 2016 die Trennung. "Schwierig wird es, wenn beide Partner abhängig sind", sagt Kaanen. "Angehörige können nämlich frühzeitig erkennen, ob ihr Mann, ihre Frau oder das Kind trinkt: Wenn sich Betroffene zurückziehen, Freunde wechseln, die Arbeit vernachlässigen, die Kontrolle verlieren, so sind das Alarmzeichen", sagt er. Gespräche sind dann erste Hilfsmaßnahmen.

Inzwischen wieder obdachlos, gibt Timo die Klinik in Weinböhla als Wohnsitz an - vorübergehend, wie er sagt. Er weiß, dass es eine der letzten Möglichkeiten für ihn ist. Dass er mit Eckart Thomsen den gleichen Therapeuten wie vor sechs Jahren zur Seite hat, ist ihm wichtig. Woher aber nimmt er die Gewissheit, dass er es nun schafft? "Weil ich mich erstmals nur auf mich konzentriere, Angebote und Gespräche nutze, viel lese und zudem weiß, dass ich auch an Borderline erkrankt bin", sagt er. Manchmal aber zieht er sich zurück, braucht Ruhe, läuft durch den angrenzenden Wald. Psychologe Thomsen gibt ihm das Gefühl, dass er ein wertvoller Mensch ist - mit all seinen Problemen. Der Betreuer schaut hin, wo bei seinem Patienten etwas schiefläuft. Er hilft ihm. Doch den Weg aus der Sucht muss Timo selbst gehen. Das Ziel ist ihm klar: "Ich möchte endlich ein selbstbestimmtes Leben führen - frei von Abhängigkeiten - und als Einzelhandelskaufmann arbeiten." Bis dahin helfen ihm Gespräche, Arbeiten in der Gärtnerei, Bücher und Sport. Was für andere normal ist, bedeutet für Timo täglichen Kampf mit dem eigenen Körper.

Die Serie: In den kommenden Wochen wird "Freie Presse" über die häufigsten Süchte in Sachsen berichten: Teil 2 am 7. 9. Crystal, 10. 9. Medikamente, 14. 9. Cannabis, 17. 9. Heroin, 21. 9. Pflanzen & Pilze; Telefonforum, 24. September Antworten auf Leserfragen.

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