"Ein langer Weg bis zur inneren Einheit"

Mauerfall 89: Schon seit 1987 begleitet die Sächsische Längsschnittstudie eine identische Gruppe Ostdeutscher auf dem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Die Studie über den Systemwechsel hinweg gibt Aufschluss über Lebenseinstellungen und Mentalitäten im vereinten Deutschland.

Chemnitz.

Wann ist die deutsche Einheit vollendet? Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist dies eine offene Frage geblieben. Die Sächsische Längsschnittstudie von Dresdner und Leipziger Wissenschaftlern hat sich diesem und vielen anderen Themen seit der Wende gestellt. Hendrik Berth, Psychologe und Professor an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden, fasste die Antworten der Studienteilnehmer so zusammen: "Es ist Jahr für Jahr ein gleichbleibender Trend: 1990 haben unsere Befragten noch etwa sechs Jahre bis zur wirtschaftlichen Einheit angeben und acht Jahre bis zur inneren Einheit. Heute werden im Schnitt zwölf beziehungsweise 20 Jahre angegeben. Die Zeiträume werden immer länger."

Die Studie hat Seltenheitswert: Denn schon 1987 hatte das Zentralinstitut für Jugendforschung der DDR damit begonnen, damals 14-jährige Schüler und Schülerinnen an 41 Schulen in den Bezirken Leipzig und Karl-Marx-Stadt sehr detailliert über ihre Lebenssituation und ihre politischen Einstellungen zu befragen. Die Zufallsauswahl war repräsentativ für den DDR-Geburtsjahrgang 1973. Es begann mit 1407 Teilnehmern, in der bislang letzten Erhebungswelle 2017/18 waren es noch 313 der Schüler von 1987. Mit etwa der gleichen Anzahl ist gerade die 31. Befragung gestartet.

Dem einstigen Studienleiter, Professor Peter Förster, der 1987 zusammen mit Wissenschaftlern der Karl-Marx-Universität Leipzig und der Pädagogischen Hochschule Ernst Schneller Zwickau gearbeitet hatte, gelang es, sie auch nach dem politischen Umbruch weiterzuführen - auch als das Zentralinstitut für Jugendforschung, das dem Bildungsministerium der DDR unterstellt war, kurz nach der Wende geschlossen wurde. Seit 2002 wird die Studie in enger Kooperation mit den Universitäten Leipzig und Dresden weitergeführt. In den über 30 Jahren ist eine wahre "Schatztruhe" aus DDR-Wendebiografien, Mentalitäten, Einstellungen, Sehnsüchten und auch Enttäuschungen der ehemaligen Schüler und Schülerinnen entstanden. Es war der letzte Jahrgang vor der Wende, der die zehnklassige polytechnische Oberschule vollständig durchlaufen hatte.

Franka Jentzsch, heute 46 Jahre alt, gehörte von Anfang an dazu: "Ich erinnere mich noch: Es war in der 8. Klasse der Pablo-Neruda-Schule in Leipzig, als eines Tages ein Mann vor unserer Klasse stand und sagte, dass wir alle an einer Befragung teilnehmen sollten. Wer das war, weiß ich nicht mehr. Aber er war wohl vom Zentralinstitut für Jugendforschung. Einige Klassenkameraden machten da nur widerwillig mit."

Die in Taucha geborene Leipzigerin ist Probandin der ersten Stunde und immer noch mit Engagement dabei. Heute arbeitet sie als Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur für Arbeit. Seit der Ausbildung vor 25 Jahren ist sie bei der Agentur tätig - in unterschiedlichen Bereichen. Sie zählt sich selbst nach schwerem Anfang in den 1990er-Jahren zu den Gewinnerinnen der Wende.

Aber auch sie glaubt, dass es bis zur wirklichen Einheit noch ein weiter Weg sein wird. "Mein Sohn ist gerade 18 geworden, hat also die DDR gar nicht mehr erlebt. Aber selbst er spürt, wenn er irgendwo mit Menschen zusammenkommt, wer aus dem Westen stammt und wer aus dem Osten. Also, solange ich bewusst lebe, wird es keine innere Einheit geben", ist sich Franka Jentzsch sicher.

17 Jahre waren die Studienteilnehmer alt, als die Mauer fiel. Für viele hieß das Aufbruch, Freiheit und völlig neue Möglichkeiten. Die fest vorgezeichneten Lebensläufe waren wieder offen und formbar. Berth: "Die Fragebögen der Studie kurz nach der Wende zeigten auch, dass die DDR-Teenager Angst hatten vor dem westdeutschen System, in dem sie nun erwachsen werden mussten." Bereits 1996 war die Hälfte der Studienteilnehmer schon einmal arbeitslos - eine völlig neue Erfahrung für sie. Gab 1990 noch fast die Hälfte der Befragten an, dass sie Angst vor der Zukunft hat, waren es im Jahr 2000 nur noch 21 Prozent. Um die Relevanz des Ergebnisses zu verstehen, hilft ein Blick in die Gruppe der Befragten. Sie alle waren 1990 jung, mobil und mit einem Schulabschluss gut gebildet, hatten also beste Voraussetzungen für die kommenden Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt. Dennoch machten fast 70 Prozent der Befragten Bekanntschaft mit dem Arbeitsamt.

Förster und Kollegen starteten bereits im Frühjahr 1990 neue Befragungen bei 587 Personen, die damals noch mitmachen wollten. Dazu Berth: "Einer der Befunde von damals, der bis heute andauert, ist die tiefe Verunsicherung. Die Zukunftszuversicht für sich persönlich brach ein. Mittlerweile sind die Leute wieder zuversichtlicher, aber nie wieder so wie vor der Wende."

Beim Rückblick auf die Antworten aus den Jahren 1987 bis 1989 fiel auf, dass die Identifikation mit der DDR zurückging. Die Unzufriedenheit wuchs, die Antworten waren zum Teil sehr kritisch. Dennoch gab ein Großteil von ihnen später an, dass sie froh waren, die DDR erlebt zu haben - sozusagen als lebensweltlicher Hintergrund. Das war auch bei Franka Jentzsch nicht anders. Die Idee vom Sozialismus verblasst allerdings auch bei ihnen: Von 1993 bis 2004 gaben immerhin 44 bis 46 Prozent an, dass sie einen reformierten Sozialismus für wünschenswert halten. Als die Frage 2012 zum bisher letzten Mal gestellt wurde, waren es noch 29 Prozent.

1990 war die Zustimmung zur Vereinigung von DDR und BRD gigantisch hoch. Berth: "Das ist über all die Jahre so geblieben. Die Befragten sagten, die Vereinigung ist richtig und gut. Bei Details wie etwa der Zufriedenheit mit dem politischen System oder bei wirtschaftlichen Fragen wurde es schon etwas kritischer. Die Schulbildung in der DDR etwa wurde all die Jahre für besser gehalten als die heutige."

Eine anderer Trend unter den Befragten führt in den Bereich der Identität. Die Forscher nahmen an, dass die Identifikation mit der Bundesrepublik im Laufe der Jahre zu-, die mit der DDR im Gegenzug abnimmt. Berth: "Genau das aber war nicht der Fall. Die Menschen im Osten hatten von Anfang an eine Art Doppelidentität - als Bundesbürger, aber auch als ehemaliger Bürger der DDR und Ostdeutscher. Alte Identitäten werden nicht abgestoßen."

Bis heute füllen Jahr für Jahr mehr als 300 Teilnehmer, mittlerweile längst im Erwachsenenalter, die immer umfangreicher werdenden Fragebögen aus. "Die, die heute noch mitmachen, bilden die alte Kohorte von 1987 - trotz marginaler Unterschiede - immer noch ganz gut ab. Da nur Schüler aus dem Süden der DDR ausgesucht wurden, ist die Auswahl zwar nicht repräsentativ für den Osten heute, aber für den Geburtsjahrgang 1973 schon. Wichtige Trends für die Befindlichkeiten von Menschen um die 40 zeigt die Studie allemal auf", beschrieb Berth den Wert der Studie heute.

Hinzugekommen sind seit 1990 Themen wie Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Partnerschaft, Familiengründung, Lebensziele, Wertvorstellungen, Gesundheit. Stets wurden die Ergebnisse wissenschaftlich ausgewertet und dokumentiert. Damit zählt die Sächsische Längsschnittstudie zu den weltweit am längsten andauernden sozialwissenschaftlichen Erhebungen überhaupt. Es gibt keine zweite vergleichbare (Jugend-)Studie in Deutschland.

Hendrik Berth, der die Studie zusammen mit Elmar Brähler, Yve Stöbel-Richter und Markus Zenger im Jahr 2002 von Peter Förster übernahm, zieht eine positive Bilanz: "Die meisten Befragten stehen heute recht gut da. Am deutlichsten wird das in den Antworten auf die Frage, ob sie sich als Gewinner oder Verlierer der Einheit sehen. Anfang der 1990er-Jahre sagten viele der Teilnehmer: Ich bin ein Verlierer der Einheit, kein Gewinner." Mit der Jahrtausendwende und den nachfolgenden Jahren habe sich diese Einstellung zu drehen begonnen, bei den Männern eher als bei den Frauen. "Ab 2010 sind über 70 Prozent eher auf der Gewinnerseite, etwa 30 Prozent fühlen sich aber immer noch als Deutsche zweiter Klasse."

Die Gründe für die mehrheitlich eher positive Entwicklung in den letzten Jahren liegen laut Berth im wirtschaftlichen Bereich. Die Arbeitslosenzahlen sind im Osten so niedrig wie seit 1990 nicht mehr.

Und ein Ausblick auf die neue Befragungswelle 2019? "Auch in weiteren 30 Jahren werden wir über die Ost-West-Unterschiede diskutieren. Dann vielleicht über weniger Unterschiede, aber ein kompletter Lückenschluss auf wirtschaftlicher und mentaler Ebene wird noch viele Jahre dauern", so Berth.

Franka Jentzsch: "Es ist für mich selber schon interessant, wie ich mich im Blick auf die alten Fragebögen im Laufe der 30 Jahre entwickelt und gesellschaftliche Fragen reflektiert habe. In den ersten Jahren nach der Wende hatte ich Vertrauen zu keiner politischen Partei, war eher links orientiert. Ein klassischer CDU-Wähler war ich jedenfalls nie. Die jüngsten Wahlergebnisse sind erschreckend. Die Polarisierung der Gesellschaft finde ich nicht gut."

Eine Datensammlung zur Studie finden sie hier.

Buchtipp

Hendrik Berth, Elmar Brähler, Markus Zenger, Yve Stöbel-Richter (Hg.): 30 Jahre ostdeutsche Transformation. Erscheint demnächst, Preis: 34,90 Euro

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