Einsam im Wald - die neue Trekkingroute in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz

Forststeig heißt der erste Fernwanderweg durch das Elbsandsteingebirge. Rund 100 Kilometer über Stock und Stein führt diese Trekkingroute in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz. Wanderer, die sie gelaufen sind, fanden vor allem eines: Stille.

Schöna.

Der ausgetretene Weg windet sich langsam nach oben. Durch die Bäume hindurch ist noch die Elbe zu erkennen, unten liegt Schöna, der letzte Ort vor der tschechischen Grenze auf linker Elbseite. Ein Weilchen noch, bis es tiefer hineingeht in den Wald. Ein Trampelpfad zweigt scharf nach links ab, es geht straff abwärts. Zuweilen muss man genau hinschauen, um nicht an den gelben Balken, der Wegmarkierung für den Forststeig, vorbeizulaufen. Manchmal verdecken Äste den Farbstrich, und manchmal prangt er auch erst an einem Baum in der dritten Reihe. Man muss sich auch daran gewöhnen, dass der Weg ein unscheinbarer Pfad sein kann, der durch einen dichten Fichtenbestand führt. Kerstin Rödiger, Pressesprecherin beim landeseigenen Sachsenforst und zuständig für den Steig, zeigt auf Birken, die in einer Reihe zwischen den Fichten stehen. Die seien einst als Markierung gepflanzt worden - ein Zeichen, dass bereits einmal ein Weg existierte.

So ist das auf dem Ende April offiziell eröffneten Forststeig. Die rund 100 Kilometer lange Trekkingroute führt von Schöna über Tyssa in Tschechien nach Bad Schandau. In Schleifen durchstreift der Steig linkselbisch die Staatswälder der Sächsisch-Böhmischen Schweiz. Zwei Drittel der Route verlaufen auf sächsischem, der Rest auf tschechischem Territorium. 13 Tafelberge sind zu überqueren - und locken mit grandiosen Aussichten.

Vor fünf Jahren entstand beim Sachsenforst die Idee für den Weg. Die Planer orientierten sich an den Fernwanderwegen in Skandinavien. Zwar gibt es auch in Deutschland längst Trekkingrouten, die mehrere Tage in Anspruch nehmen, etwa der durch Hessen und Nordrhein-Westfalen verlaufende Rothaarsteig oder der Soonwaldsteig in Rheinland-Pfalz. Doch in Sachsen existierte bisher nichts Vergleichbares. Ein Novum, sagt Rödiger. Zwei Jahre haben die Sachsenforst-Leute gebraucht, um das Projekt zu realisieren - um Wege zu finden, alte Forsthütten zu entrümpeln, die eine und andere Schneise zu schlagen und für die Markierungen zu sorgen. Vor einem Jahr zogen die ersten Trekkingfans los, um die Route zu testen. 20 Teams waren unterwegs.

Hartmut Landgraf, Betreiber des Onlineblogs Sandsteinblogger.de und profunder Kenner der Region, war einer von ihnen. Sein Fazit: Es ist eine anspruchsvolle Tour mit Anstiegen, die steil und kräftezehrend sind. Letzteres vor allem, weil man mehrere Tage unterwegs ist mit entsprechend schwerem Gepäck. Was den Steig aus Landgrafs Sicht zu einem besonderen Weg macht: Er erschließt den stilleren Teil der Sächsischen Schweiz. "Er führt durch weniger spektakuläre Ecken. Aber wer Ruhe sucht, ist hier richtig."

Sieben Tage mit Etappen zwischen 8,6 und 20 Kilometern veranschlagen die Planer vom Sachsenforst für die Gesamttour. Die erste Etappe führt vom Bahnhof Schöna über das Gelobtbachtal auf den Großen Zschirnstein und durch stille Wälder bis zur Grenzbaude. 14,3 Kilometer sind das. Wer gut zu Fuß ist, schafft locker auch ein paar mehr.

Im Tal schlängelt sich der Steig am Gelobtbach entlang. Still ist es, und kühl. Der Bach rauscht leise, Vögel zwitschern. Sonst nichts. Die erste Etappe sei die einsamste auf der gesamten Tour, definitiv, erklärt Kerstin Rödiger. Der schwierigste Teil hingegen komme am Tag fünf - wenn es über den Rot-, Katz-, Spitz-, Lampert- und Bernhardstein gehe. "Da geht es viel rauf und runter."

Auf dem Großen Zschirnstein ist es allerdings mit der Ruhe vorbei. Der mit 560 Metern höchste Berg im deutschen Teil des Elbsandsteingebirges zieht viele Touristen an, mehr als ein Dutzend genießt an diesem Tag mitten in der Woche die Aussicht über die weitgestreckten Wälder. Wie sie hochgekommen sind? Sicher nicht auf dem Forststeig. Das ist das Faszinierende: Die Hauptwanderwege werden gemieden. Auf der Etappe eins liegen manchmal liegen nur einige Hundert Meter dichter Wald dazwischen - genug, um den Steig abzuschirmen.

Nach dem Abstieg hat man den Wald sofort wieder für sich. Das Gefühl, das einen beschleicht beim Laufen, lässt sich in drei Worte fassen: einsam im Wald. Der Weg hangelt sich jetzt kilometerweit an der Landesgrenze entlang. Was sich ab und zu ändert, sind die Waldarten: Es geht durch trockene Mischwälder auf sonnenbeschienenen Hängen, feuchte, nadelholzbewachsene Minischluchten und lichte, hochstämmige Fichtenwälder. Man überquert kahlgeschlagene Stellen, hüpft über kleine Bäche, stapft über Heidelbeersträucher und steigt über umgefallene Bäume. Nur einmal kreuzt an diesem Tag eine tschechische Mountainbikerin, die sich verfahren hat, den Weg. Nun schiebt sie ihr Rad auf dem Forststeig bergan. An der nächsten Weggabelung verschwindet sie wieder. Dann ist Stille: niemand, nichts, niente.

Verlaufen kann man sich zumindest auf diesem Stück nicht. Fast jeder zweite Grenzpfahl ist mit dem gelben Balken markiert. Einzige Schwierigkeit: den Ausstieg für die Übernachtung finden. Aber auch das gelingt. Knapp 20 Kilometer stecken jetzt in den Füßen. Am Biwakplatz am Taubenteich hat bereits ein junges Paar sein Lager aufgeschlagen. Bis zu fünf Zwei-Personen-Zelte dürfen hier aufgebaut werden - neben einer schicken kleinen Holzhütte, die Studenten der TU Dresden entworfen haben. Angelehnt ist sie an die Biwakschachteln in den Alpen, die dort Bergwanderern einen Schlafplatz bieten. Doch die Biwakhütten am Forststeig sind dafür nicht vorgesehen, sie sollen Wanderern lediglich Schutz bei schlechtem Wetter bieten. Das Gesetz sagt: Nur Schutzhütten dürfen im Landschaftsschutzgebiet Sächsische Schweiz neu gebaut werden. Und so ist nur das Zelten auf den drei Biwakplätzen am Forststeig erlaubt.

Wer ein festes Dach über den Kopf haben möchte, muss ein kleines Stück weiter marschieren - zur Forsthütte "Willys Ruh". Fünf solcher Hütten mit Schlafstellen liegen an der Route. Die Einrichtung ist spartanisch: Fließendes Wasser gibt es ebenso wenig wie Strom. Im Winter werden sie von Waldarbeitern genutzt, von April bis Oktober bieten sie nun Wanderern Domizil für eine Nacht. Dafür und für die Biwakplätze müssen Trekkingtickets gekauft werden - zur Pflege und zum Erhalt. Zehn Euro kostet die Nacht in der Forsthütte, fünf der Biwakplatz. Knapp 2000 solcher Tickets hat der Staatsbetrieb bereits verkauft beziehungsweise an Verkaufspartner geliefert. "Wir müssen jetzt erst mal nachdrucken", sagt Sachsenforst-Mitarbeiterin Rödiger. Das Angebot werde rege genutzt.

Bis Ende Juni laufen noch einmal fünf Testteams die 100 Kilometer ab, vor allem, um die Markierungen zu überprüfen. Über 80 Bewerbungen gab es dafür. Für Rödiger ein Zeichen, dass Sachsenforst mit dem Forststeig den richtigen Riecher hatte. Sie glaubt, dass der Steig auch Trekkingfans aus dem Ausland anziehen wird. "Die ganz weite Landschaft haben wir zwar nicht", sagt sie. "Aber die Natur genießen, so wie sie ist, das kann man hier schon."

Weitere Bilder vom Forststeig finden Sie in unserer Bildergalerie unter www.freiepresse.de/forststeig

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