Erstmals seit elf Jahren wieder mehr Abtreibungen in Sachsen

Am häufigsten entscheiden sich Sächsinnen für einen Schwangerschaftsabbruch, weil sie sich überfordert fühlen. Meist ist das aber nicht der einzige Grund.

Chemnitz.

Erstmals seit 2005 und gegen den Bundestrend ist die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche im vergangenen Jahr im Freistaat wieder gestiegen, und zwar nach Angaben des Statistischen Bundesamts um mehr als fünf Prozent. Demnach ließen 5368 Sächsinnen ein Kind abtreiben. Bundesweit sank hingegen die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche laut Statistikbehörde im Vergleich zum Vorjahr um 0,5 Prozent auf rund 98.700.

Eine eindeutige Erklärung für die Zunahme der Schwangerschaftsabbrüche in Sachsen gebe es nicht, sagt Wilfried Jeutner von der Diakonie, die im Freistaat 19 anerkannte Beratungsstellen unterhält. Für die Entscheidung gegen ein Kind gebe es meist mehrere Ursachen.

Psychische oder physische Überforderung wird aber mit 43 Prozent am häufigsten von den Frauen in den Beratungsgesprächen bei der Diakonie als Beweggrund genannt. Ein oder ein weiteres Kind werde oft als zu große Last empfunden, sagt Jeutner. Dabei spielten auch der gesellschaftliche und der eigene Anspruch, einem Kind etwas bieten zu wollen oder zu müssen, eine große Rolle. "Und mit dem tendenziell steigenden Alter, in dem Frauen gebären, steigt dieser Anspruch."

Das mit 40 Prozent am zweithäufigsten genannte Motiv für eine Abtreibung ist laut Diakonie, dass eine Schwangere in ihrer derzeitigen Lebenslage kein Kind will. "Für Frauen ist es noch immer schwierig, Familie, Beruf und Kind unter einen Hut zu bekommen", sagt Jeutner. Die Geburt eines Kindes führe oft zu einem Karriereknick.

"Vor allem bei befristeten Arbeitsverträgen haben Frauen Sorge, durch die Schwangerschaft arbeitslos zu werden", erklärt auch Steven Brentrop vom sächsischen Landesverband der Arbeiterwohlfahrt AWO, die ebenfalls Beratungsgespräche anbietet. Die Folge wäre dann, Arbeitslosengeld beziehen zu müssen. Dadurch würde aber auch das Elterngeld sinken oder es müsste ergänzend Hartz IV beantragt werden. Zudem ließen sich inzwischen im Freistaat mehr geflüchtete Frauen beraten, die sich zurzeit kein oder kein weiteres Kind zutrauen.

Ein Drittel der Schwangeren führt nach Angaben der Diakonie auch Beziehungsprobleme als Grund für einen Abbruch an. "Unser Eindruck ist, dass Frauen sich häufiger durch ein oder ein weiteres Kind überfordert sehen, wenn das Netzwerk aus Familie und Freunden nicht gut funktioniert", sagt Bentrop. "Viele Sachsen müssen berufsbedingt pendeln", ergänzt Jeutner. "Dadurch fällt dann auch die Unterstützung bei der Betreuung eines Kindes weg."

2009 waren nach Angaben der Diakonie noch finanzielle Probleme am häufigsten als Grund für eine Abtreibung genannt worden. Sowohl bei der Diakonie als auch bei der AWO rangiert dieser Anlass, sich beraten zu lassen, inzwischen allerdings nur noch an vierter Stelle.

Flexiblere Kitabetreuungs- und Arbeitszeiten könnten helfen, die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche in Sachsen zu verringern, sagt Bentrop. Familien mit Kindern müssten außerhalb von Hartz IV zudem besser abgesichert werden. Frei zugängliche und kostenlose Verhütungsmittel sowie die Übernahme von Sterilisationskosten für sozial Schwache könnten ebenfalls Abbrüche verhindern helfen.

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