FDP-Spitzenkandidat Holger Zastrow: Mit Vollgas

Holger Zastrow ist der dienstälteste Parteivorsitzende in Sachsen. Nach fünf Jahren Pause will er die FDP zurück in den Landtag führen. Sein wichtigstes Anliegen ist der Bürokratieabbau im Land. Die Klimadebatte hält er für Hysterie.

Dresden.

Holger Zastrow könnte eigentlich aufs Fahrrad steigen an diesem sonnigen Spätsommertag. Er fährt gern mit dem Mountainbike durch die Dresdner Heide. Doch zweieinhalb Wochen vor der Landtagswahl, da schwingt er sich vor Journalisten lieber aufs Motorrad. Auf eine BMW GS 1250 Adventure mit 136 PS, Höchstgeschwindigkeit 219 km/h, die fast so viel verbraucht wie ein Kleinwagen. Die fette Geländemaschine ist Zastrows neueste Anschaffung. Und im Wahlkampf ist sie ein Statement. Gegen Spaßbremsen, die den Menschen in Zeiten des Klimawandels den Verbrennungsmotor madig machen wollen.

Vier Tage lang fährt der Spitzenkandidat der FDP zusammen mit liberalen Bikern 800 Kilometer durch den Freistaat. Die Tour startet und endet mit Aktionen zum Schutz der sächsischen Natur. Zastrow sagt: "Wir wollen zeigen, dass man Umweltproblemen nicht mit Hysterie, Panikmache und Sonntagsreden begegnen kann, sondern nur mit Machen und Anpacken."

Eine gute Handvoll Parteifreunde in Lederkluft hat der FDP-Spitzenkandidat samt ihren Motorrädern zum Auftakt in seinem Ausflugslokal "Hofewiese" versammelt. Für ein Gruppenfoto stellen sich die Biker vor eine zwei mal drei Meter große Hartholzwand mit 13.000 Löchern - "Sachsens größtes Insektenhotel", wie FDP-Mann Tino Günther aus dem Erzgebirge erläutert. Der Seiffener Spielzeugmacher hat die Anlage gebaut. Wildbienen und Motorräder - bei der FDP geht das zusammen.

Die "Hofewiese", wo sich die Runde trifft, ist eine Traditionsgaststätte mitten im Landschaftsschutzgebiet Dresdner Heide. Nach der Wende stand sie leer und verfiel, vor drei Jahren kaufte Zastrow das Objekt, seine Ehefrau führt die Geschäfte. Im Biergarten unter großen Linden sitzen an guten Tagen hunderte Leute, doch es ist noch viel zu tun. Zas-trow mäht hier den Rasen und steht auch manchmal hinterm Tresen - doch seine Frau, so scherzt er, achte darauf, dass das nicht zu häufig passiere: "Ich quatsche viel zu viel, halte hier immer Maulaffen feil."

Holger Zastrow ist 50 Jahre alt, geschäftsführender Gesellschafter der Dresdner Werbe-, PR- und Eventagentur Zastrow+Zastrow und der dienstälteste Parteivorsitzende in Sachsen. Zur Politik kam er mit der Fiedlichen Revolution in der DDR, als er miterlebte, wie am Dresdner Hauptbahnhof die Volkspolizei gegen Demonstranten vorging. Die damals gewonnene Freiheit sei noch heute seine Motivation: "Das Recht, meine Meinung zu sagen, lasse ich mir nie wieder nehmen." Seit 1999 steht Zastrow an der Spitze der FDP in Sachsen, erlebte Aufstieg und Absturz: 2004 zogen die Liberalen mit 5,9 Prozent in den Sächsischen Landtag ein, fünf Jahre später landeten sie bei über 10 Prozent - und in einer Regierung mit der CDU. 2014 war die schwarz-gelbe Koalition zu Ende, die FDP flog mit 3,8 Prozent aus dem Landtag. Am 1. September nun will Zastrow mit seiner Partei den Wiedereinzug schaffen.

Entbürokratisierung und Kampf gegen die Misstrauenskultur - das sind die wichtigsten Schlagworte, mit denen der Liberale bei den Wählern punkten möchte. "Wir stehen uns nur noch selbst auf den Füßen, wir ersticken in Bürokratie. Jeder, der hier was tun will, leidet unter Gängelei, Bevormundung." Landauf, landab werde das alles immer wieder diskutiert, doch folgenlos. "Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Handlungsproblem." Hürden und Unwägbarkeiten beim Wiederaufbau der "Hofewiese" prägten hier sein Denken. Er verstehe jetzt, warum andere, die als Betreiber des Lokals besser geeignet wären, sich nicht rantrauten.

Von Freistaat und Politik erwartet Zastrow: "Wir müssen den Leuten vertrauen, wir müssen sie machen lassen." Doch wie lief das zwischen 2009 und 2014, als die Liberalen selbst in der Regierung saßen? Für ihn sei das eine unbefriedigende Zeit gewesen, antwortet Zastrow. "Der Fehler war, dass wir zu wenig radikal waren. Dass wir zu viele Kompromisse geschlossen haben, dass wir Zeit vergeudet haben. Wir haben uns hinter die Fichte führen lassen - vom Koalitionspartner, von Ministerien, von der Verwaltungsbürokratie." Man habe als FDP Verbesserungen erreicht mit dem Schulschließungsmoratorium und mehr Stellen bei der Polizei, man habe die Lehrerausbildung nach Chemnitz geholt. "Alles war richtig und gut, aber viel zu wenig."

Sorgen macht sich der FDP-Chef um die Zukunft von Mittelstand und Handwerk, über Lehrlingsentgelte, die nur gut halb so hoch liegen wie der Bafög-Satz: "Vielleicht hören wir mal auf, den Leuten zu sagen: Nur wenn du studierst, bist du was Vernünftiges." Es herrsche Müßiggang in der Gesellschaft. Allenthalben gehe es um Freizeitgestaltung, Work-Life-Balance und um Leute, die mit Anfang 30 mal in einen Beruf gehen wollen, aber bitte höchstens vier Tage in der Woche. Zastrow sagt: "Wir müssen uns um die kümmern, die anders drauf sind."

Klimaschutz, das Thema, das immer stärker die öffentliche Debatte prägt, steht im Wahlprogramm der FDP Sachsen auf Seite 80. Ganze neun Zeilen finden sich dort. "Köpfchen statt Hysterie", sagt Zastrow dazu. Beim Klimawandel handele es sich um eine "enorme Überzeichnung von Entwicklungen, die es durchaus gibt." Den Braunkohle-ausstieg bis 2038 halten die Liberalen für einen schweren Fehler. "Mit den Maßnahmen, die wir hier machen, werden wir den CO2-Ausstoß in der Welt nicht ansatzweise beeinflussen." Zastrow spricht von Panikmache aus Kalkül, von Parteien und Verbänden, die von dieser Hysterie lebten. "Ich lasse mir nicht einreden, dass wir nur noch zwölf Jahre Zeit haben, um die Welt zu retten. Was für ein Blödsinn!"

Der zweite trockene Sommer in Folge hat auch in der Dresdner Heide Spuren hinterlassen. Viele Fichten haben braune Nadeln, es muss massiv gefällt werden. Klimawandel? "Wir haben Wetter", beharrt Zastrow. Und seine Gäste hier, im Biergarten unter den immer noch grünen Linden, die könnten mit der Fridays-for-Future-Bewegung auch wenig anfangen. Gerade in Dresden spürt Zastrow Rückenwind. Bei der Kommunalwahl im Mai holte er über 11.000 Stimmen - so viele wie kein anderer Kandidat. Damit blieb er auch Fraktionschef im Stadtrat.

Zur Landtagswahl kämpft der FDP-Spitzenkandidat um ein Direktmandat im Wahlkreis Bautzen 1. Sollte seine Partei erneut an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, dann ist für ihn nach 20 Jahren Schluss an der Spitze der sächsischen Liberalen. Gelingt aber der Wiedereinzug ins Parlament, dann würde Holger Zas-trow, anders als noch 2009, gegebenenfalls auch für ein Ministeramt zur Verfügung stehen. In diesem Fall aber, so stellt er klar, werde man in einer Koalition keine falschen Kompromisse mehr eingehen.

Die Biker-Partei will Vollgas geben, Zastrow zeigt sich entschlossen: "Wir haben schon mal regiert. Wir wissen, wo wir falsch abgebogen sind. Ich mache diese Fehler kein zweites Mal."


Fünf Fragen an Holger Zastrow


Aus dem Wahlprogramm der FDP Sachsen 

Arbeit und Wirtschaft

Die FDP strebt flexible Arbeitszeitmodelle an. Tarifverträge sollen möglichst nicht für allgemeinverbindlich erklärt werden. Beim Mindestlohn soll es auch für Flüchtlinge Ausnahmen geben, wie sie etwa bereits für Langzeitarbeitslose gelten.

Bildung

An den Schulen gilt das Leistungsprinzip - mit Kopfnoten und Sitzenbleiben. Fürs Gymnasium sollen nur Schüler mit Bildungsempfehlung zugelassen werden. Den Unterrichtsausfall will die FDP in den nächsten fünf Jahren halbieren. Höchstens zehn Prozent der Neueinstellungen bei Lehrern soll mit nicht grundständig ausgebildetem Personal erfolgen. Jeder sächsische Schüler bekommt die Möglichkeit für einen vier- bis sechswöchigen Austausch im Ausland. Spätestens 2022 erhält jeder Schüler und Lehrer ein mobiles digitales Endgerät.

Polizei und Verfassungsschutz

Die Liberalen lehnen die Ausweitung der Kennzeichenerfassung und die verstärkte Bewaffnung von Polizeibeamten ab und wollen dazu das neue Polizeigesetz wieder ändern. Befürwortet wird eine anonymisierte Kennzeichnung der Beamten. Das Landesamt für Verfassungsschutz soll aufgelöst, als Außenstelle des Bundesamtes oder als Teil eines mitteldeutschen Dienstes betrieben werden.

Energie, Klima und Umwelt

Der Atomausstieg soll überprüft und gegebenenfalls gekippt werden. Sachsen braucht kein eigenes Klimaschutzgesetz. Die FDP will den EU-Emissionshandel mit CO2-Zertifkaten auf Verkehrs- und Wärmesektor ausdehnen. Für die Artenvielfalt werden zwei Prozent der Landesfläche als Wildnis deklariert. Der Waldanteil an der Landesfläche soll von 29 auf 33 Prozent wachsen.

Öffentliche Verwaltung

Sämtliche sächsischen Gesetze und Verordnungen werden bis 2023 hinsichtlich eines möglichen Bürokratieabbaus begutachtet; alle zwei Jahre wird dem Landtag ein Bericht zum Bürokratieabbau vorgelegt.

Asyl

Asylsuchende sollen während der gesamten Antragsbearbeitung in der Erstaufnahmeeinrichtung bleiben und erst mit einem positiven Asylbescheid in die Kommunen umverteilt werden.

Verkehr

Für ein einheitliches Tarifsystem beim ÖPNV sollen die Verkehrsverbünde fusionieren. Schülerbeförderung soll komplett vom Land bezahlt werden.

Digitalisierung

Ziel ist, das bis 2025 mindestens 98 Prozent der Landesfläche Internet mit mindestens 100 Mbit/s haben. (oha)

Zum Landtagswahl-Spezial

3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Interessierte
    22.08.2019

    Der Herr Lindner spricht heute im Radio ...

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    Interessierte
    21.08.2019

    Die hatten Fehler gemacht , hatte er gesagt , aber die haben sich viel vorgenommen , und vielleicht wäre es gar nicht so schlecht , wenn sie zumindest wieder einmal mitreden können , was Schlechtes habe ich bisher weder von ihm noch von dem Lindner gehört ...

  • 3
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    Interessierte
    16.08.2019

    Schöner Biergarten , richtig gemütlich , einladend ..



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