Freie Wähler: Polizistin vorn, Strategin hinten

Bei der Kür um Platz eins erhält Cathleen Martin 34 von 43 Stimmen. Überraschender war indes die Platzierung einer anderen Frau.

Grimma.

Der Kurs der Freien Wähler in Sachsen liegt für ihren Landeschef Steffen Große "in einem Bundesland, in dem 65 Prozent der Bürger liberal-konservativ wählen", klar auf der Hand. Nach dem Sieg bei der Stadt- und Gemeinderatswahl wolle man in den Umfragen zur Landtagswahl auf vier bis fünf Prozent klettern, um "in die Aufmerksamkeitsschleife" zu kommen, sagt der 51-Jährige zur Landesmitgliederkonferenz am Samstag in Grimma. "Mit uns will jeder koalieren, es gibt niemanden, der uns nicht mag, die Freien Wähler haben ein gutes Image und eine weiße Weste." Für "frischen Wind im Landtag" wollte Große auch schon 2014 sorgen, als die lokalen Wählervereinigungen ebenfalls ein gutes Kommunalwahlergebnis erzielt hatten. Mit 1,6 Prozent scheiterte das Vorhaben damals jedoch recht deutlich. Dieses Mal baut der Referatsleiter im Kultusministerium nicht nur auf den von ihm so beobachteten "Substanzverlust" etablierter Parteien, sondern vor allem auf die Unterstützung zweier Frauen.

Die eine davon ist Cathleen Martin. Als Spitzenkandidatin soll die parteilose Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft das Kernthema Innere Sicherheit abdecken. Martin beklagt Lücken in der Kriminalstatistik und beim Opferschutz sowie die Benachteiligung des ländlichen Raums. "Sachsen sollte sich seine politische Meinung in Zukunft von unten nach oben bilden", sagt die 45-Jährige in ihrer Bewerbungsrede in Grimma. "Die Bevölkerung in Sachsen ist deutlich weiter als die Regierung in Dresden." Die solle in Berlin und Brüssel endlich für die Interessen der Sachsen in Städten und Dörfern eintreten "anstatt Füße zu küssen". Martin erhält schließlich 34 von 43 möglichen Stimmen, acht Mitglieder stimmen mit Nein, eines enthält sich.

Etwas besser (35 Ja, 6 Nein, 1 Enthaltung) schneidet Große auf Platz zwei ab. Auf Platz drei behält Gymnasiallehrer Ralf Zeidler aus Hoyerswerda die Oberhand gegen einen überraschenden Herausforderer aus Dresden. Auf Platz fünf setzt sich der Peniger Tierarzt Mario Stein gegen den vom Landesvorstand vorgeschlagenen Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Vogtland, Jürgen Petzold, durch.

Die größte Überraschung aber ist wohl die Nominierung von Landesgeschäftsführerin Antje Hermenau auf Listenplatz 20, die am Samstagabend mit 29 von 32 Stimmen erfolgt. Die parteilose 54-Jährige, die bis 2014 für die Grünen im Landtag saß, bevor sie nach dem Scheitern schwarz-grüner Sondierungsgespräche hinwarf und sich als Beraterin selbstständig machte, hatte vorher eine eigene Kandidatur genauso vehement abgelehnt wie der zweite prominente Unterstützer der Freien Wähler, Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger. Berger, der bei der Kommunalwahl sechs Tage zuvor mit 11.500 Stimmen die meisten aller Kreistagskandidaten überhaupt gewonnen hatte, hielt sich am Samstag dran, nur Hermenau entschied sich nach eigenen Angaben kurzfristig um. Mit 15 Prozent, rechnet Große vor, erhalte auch Hermenau noch einen Sitz im Landtag. Ein Argument, das offenbar neben den anderen eigenen Kandidaten die Wähler motivieren soll.

Am 2. Juli wollen die Freien Wähler ein "Regierungsprogramm" beschließen, um im Fall des Falls nach der Wahl auf Koalitionsverhandlungen vorbereitet zu sein. Bereits am 17. Juni soll die Kür einiger noch nicht nominierter Direktkandidaten erfolgen. Schon jetzt steht fest, dass es deutlich mehr als 2014 geben wird. Mindestens zwei der 60 Wahlkreise aber werden wohl ohne Freie Wähler bleiben - aus Rücksicht auf die dortigen CDU-Kandidaten Stephan Meyer (Zittau) und Jan Hippold (Limbach-Oberfrohna), wie die örtlichen Freien Wähler entschieden - obwohl Große eindringlich für flächendeckende Direktkandidaturen geworben hatte. Die Besetzung aller Wahlkreise sei "das A und O, auch wenn der eine oder andere meint, Rücksicht auf einen politischen Kumpel nehmen zu müssen".

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