Gericht hält Kopfnoten zum Teil für verfassungswidrig

Das Verwaltungsgericht Dresden gibt einem Schüler recht. Die umstrittene Bewertung steht damit aber nicht generell vor dem Aus.

Dresden.

Kopfnoten in sächsischen Zeugnissen sind in bestimmten Fällen verfassungswidrig. Dies hat das Verwaltungsgericht Dresden in einem Eilbeschluss entschieden, wie ein Sprecher am Montag mitteilte. Das Gericht lehnt allerdings nicht generell die Noten ab, die über das Verhalten eines Schülers Aufschluss geben sollen. Es stößt sich an der fehlenden Legitimation durch den Landtag.

Konkret befand das Dresdner Verwaltungsgericht, dass Kopfnoten in einem Zeugnis, mit dem sich ein Schüler um einen Ausbildungsplatz bewerbe, die freie Berufswahl einschränken könnten. Das Zeugnis wirke nicht nur schulintern, sondern sei auch für Unternehmen und Ausbildungsbetriebe interessant. Schlechte Kopfnoten könnten deshalb verhindern, dass ein Schüler den gewünschten Ausbildungsplatz erhalte.

Über diese Einschränkung der Berufsfreiheit könne nur der Gesetzgeber entscheiden, so das Gericht. Der Landtag habe aber nie eine Norm verabschiedet, die ausdrücklich Kopfnoten erwähne, so das Gericht. Stattdessen habe das Kultusministerium Bestimmungen per Verordnung erlassen.

In dem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht klagt der Zehntklässler einer Oberschule auf Entfernung der Kopfnoten aus seinem Jahreszeugnis der neunten Klasse. Er erhält nun vorläufig ein Zeugnis ohne Kopfnoten. Ein endgültiges Urteil ist damit aber nicht gefallen. Gegen den Eilbeschluss kann binnen zwei Wochen Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt werden.

Das Kultusministerium zeigte sich überrascht von der Entscheidung der Dresdner Richter: "Die Entscheidung verwundert uns sehr", teilte ein Sprecher mit. "Nicht zuletzt deshalb werden wir den Beschluss sorgfältig prüfen und uns weitere Schritte vorbehalten."

Der Landesschülerrat sprach sich mit Blick auf den Gerichtsbeschluss wieder für die Abschaffung der Kopfnoten aus: "Kopfnoten berücksichtigen Charakter und Persönlichkeit, die familiäre Situation und außerschulische Lebensumstände im Allgemeinen in keiner Weise", sagte Landesschülersprecher Noah Wehn. Zudem hätten die Lehrer einen großen Ermessensspielraum. Die Noten seien so für Außenstehende schwer einzuordnen.

Kopfnoten werden in Sachsen in vier Kategorien vergeben: Betragen, Fleiß, Mitarbeit, Ordnung. Die Skala reicht von sehr gut bis mangelhaft. Der Freistaat ist damit eines der wenigen Bundesländer, in denen diese Praxis angewandt wird. Während die meisten westdeutschen Länder die Kopfnoten abschafften, blieben sie in der DDR zunächst bis zur Wiedervereinigung erhalten. Nach 1990 verschwanden die Kopfnoten auch in den neuen Bundesländern. In Sachsen wurden sie ab dem Schuljahr 2000/2001 wieder eingeführt. Der damalige Kultusminister Matthias Rößler (CDU) sah in der Bewertung der sogenannten Sekundärtugenden eine "Stärkung der Erziehungsfunktion" der Schule.

Die Regelungen zu den Kopfnoten sind in einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet. In Rheinland-Pfalz werden beispielsweise lediglich Mitarbeit und Verhalten benotet. Zudem dürfen nur vier Noten vergeben werden: sehr gut, gut, befriedigend und unbefriedigend.

Bewertung des Artikels: Ø 2.5 Sterne bei 2 Bewertungen
11Kommentare
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  • 2
    0
    aussaugerges
    01.12.2018

    Der Gipfel war das lesen nach Mundart.
    Ist immer noch in einigen BL gültig.

  • 6
    1
    saxon1965
    28.11.2018

    @aussaugerges: ... und wie heißt es immer so schön: "Die Kinder sind die Zukunft der Nation! Bildung ist Chefsache! Wir müssen mehr in die Bildung investieren! ..." Alles Phrasen und Pseudopolitik, denn Bildung gehört in Bundeshand, mit einheitlicher Planung und Ausführung, mit einheitlichen kostenlosen Schulbüchern (in zweifacher Ausführung, damit unsere Kinder keine kranken Rücken bekommen) und einem Bildungsinhalt, der die Menschen zum freudigen Lernen für ihre Zukunft motiviert.
    Aber wäre das wirklich gewollt?

  • 5
    2
    aussaugerges
    28.11.2018

    Es wird immer und immer wieder mehr zur Verunsicherung der Schüler und Lehrer beigetragen.
    Jede Partei jedes Land jedes Gericht, macht andere Gesetze.
    Was sich 40 Jahre in der DDR und allen nordischenLändern gut bewährt hat wird täglich
    in den 16 Fürstentümern verändert.

  • 5
    0
    Einspruch
    27.11.2018

    Damit wäre auch dem letzten Persomalchef klar, das Betragen, Fleiß und Ordnung so mies waren, das eine Lehrstelle auf Grund der zu erwartenden Unzuverlässigkeit nicht in Frage kommt. Eigentlich ein Eigentor.

  • 5
    0
    Hirtensang
    27.11.2018

    Das System "Zeugnisse ohne Kopfnoten" kann gut funktionieren , wenn der Auszubildende seinen Lehrmeister in der ersten Arbeits- oder Lehrstunde mitteilt, zu welchern Tätigkeiten er schöpferische Lust verspürt und auf welche er "keinen Bock" hat.

  • 3
    1
    Stonep
    27.11.2018

    Am meisten wundert es mich, wie es hierzu zu einen „ Eilbeschluss“ kommen konnte. Es wäre für das Gericht besser gewesen, man hätte mal eine Minute länger nachgedacht als diesen Schnellschuss los zulassen.

  • 6
    0
    saxon1965
    27.11.2018

    Mit den Noten vom Zeugnis sollen sich Arbeitgeber ein Bild vom Bewerber machen können. Für mich gehören da die s. g. Kopfnoten dazu.
    Man sollte diese bundesweit einführen, könnte sie aber umbenennen und mit zeitgemäßem Inhalten füllen:
    - Sozialverhalten
    - Verlässlichkeit
    - Teamfähigkeit
    - Ordnung und Sauberkeit
    Daraus kann sich ein Arbeitgeber heraussuchen, auf was er besonderen Wert legt.

  • 8
    0
    osgar
    27.11.2018

    Die Begründung des Landesschülerrates ist genial.
    Da erwarte ich eigentlich demnächst eine Klage gegen die Benotung in allen Fächern. Wenn man dann noch den IQ und die Gene ins Spiel bringt, sollte ein Erfolg möglich sein.

  • 8
    0
    Malleo
    27.11.2018

    In einer Zeit, wo das Schleifen gesellschaftlicher Leitplanken zur Tagesordnung zählt, Respekt, Höflichkeit und Rücksichtnahme Begriffe aus einer fernen Zeit sind, ist das Aussetzen der Kopfnoten ein falsches Signal und passt in den Zeitgeist- jeder hat das Recht auf Narrenfreiheit.
    Aber auch dieser Kläger wird sich einmal der Realität stellen müssen, wenn das Fehlen dieser Noten hinterfragt wird.
    Ob ihm dadurch die Türen bei der Jobsuche weiter geöffnet werden, ist mehr als fraglich.
    Es soll noch Personalchefs geben, die noch auf gesellschaftliche Kompetenzen- Kopfnoten sind eine Orientierung wie auch Beurteilungen bei Jobwechsel- schauen.
    Sollte der junge Mann trotz fehlender Kopfnoten bei der Jobsuche scheitern, einen Trost gibt es, wenn demnächst das BGE und damit das anstrengungslose Glück winken.
    Dann werden die Institution Schule und Studium ohnehin in Frage gestellt.
    Einige Dumme wird es schon geben, die für das vita contemplativa, dem beschaulichen Leben sorgen werden.

  • 6
    2
    Freigeist14
    27.11.2018

    Ein Hoch auf das Recht des Einzelnen . Und wieder werden bewährte Gepflogenheiten in Frage gestellt .

  • 9
    0
    Klapa
    27.11.2018

    Es könnte sein, dass sich der betreffende Bewerber mit der Klage gegen seine Kopfnoten, die wahrscheinlich nicht die besten waren und ihm deshalb bei der Bewerbung als hinderlich erschienen, eine nicht beabsichtige Hürde aufgebaut hat.

    Was von ihm nicht bedacht wurde? Ein großer Teil der Personalchefs in Sachsen hat sich, die Kopfnoten sind seit 2000/2001 wieder üblich in Sachsen, an sie gewöhnt, weil, wenn auch in eingeschränktem Maße, zusätzliche Informationen zu den Fachnoten des Bewerbers vermittelt werden. Fehlen sie, kann nachgefragt werden, u.U. mit der Bitte um Nachreichung. Was hat der junge Mann dann gewonnen?

    Dass Lehrer in Sachsen auf Anweisung Kopfnoten quasi ohne gesetzliche Grundlage erteilen müssen, ist ein Problem, das vom Kultusministerium möglichst schnell gelöst werden müsste. Sollte das Urteil Bestand haben, ist das ein weiterer Kratzer am ramponierten Image der Behörde.



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