Gescheiterte al-Bakr-Fahndung: Einsatzleiter wird befördert

Chaos herrschte beim Antiterroreinsatz in Chemnitz. Taugt die größte Pleite bei Sachsens Polizei als Karrieresprungbrett?

Dresden.

Eine bisher nicht bekannte brisante Personalentscheidung aus dem Herbst 2016 schlägt derzeit Wellen in der Landespolitik. Die Mitteilung, dass die Stelle des Kripochefs in der Polizeidirektion Dresden mit dem ehemaligen Abteilungsleiter Spezialkräfte/Spezialeinheiten im Landeskriminalamt, Volker Lange (57), besetzt wird, war wohl in den Nachwehen des Terroranschlags von Berlin untergegangen. Für Lange ist dieser Wechsel ein Glücksfall - mehr Verantwortung, mehr Personal, mehr Geld. Für die Opposition im Sächsischen Landtag ist die Personalie allerdings ein katastrophales Signal.Denn Lange leitete den inzwischen auch intern heftig kritisierten Einsatz gegen den mutmaßlichen syrischen Bombenbauer Dschabir al-Bakr in Chemnitz. In ihrem Abschlussbericht sprach eine extra zur Untersuchung dieses Fehlschlags eingesetzte Sonderkommission von groben fachlichen Schnitzern. So hätten Führungschaos, Kompetenzgerangel und Kommunikationspannen dazu geführt, dass al-Bakr nicht wie geplant am 8. Oktober in der Straße Usti nad Labem 97 im Chemnitzer Heckertgebiet festgenommen wurde, sondern fliehen und zeitweise untertauchen konnte. In seiner Wohnung ließ der Syrer etwa 1,5 Kilogramm hochexplosiven Sprengstoff zurück. Gefasst und der Polizei übergeben wurde al-Bakr am Tag darauf in Leipzig - durch Landsleute.

Doch Recherchen der "Freien Presse" zufolge wurde Kriminaldirektor Lange unmittelbar nach der Chemnitzer Pleite befördert. Da seine Stelle als Leitender Kriminaldirektor mit der Besoldungsgruppe A16 ausgestattet ist (6488 Euro im Monat), musste diese Personalie sogar durchs Kabinett, wie Regierungssprecher Christian Hoose bestätigte. Es entschied - vermutlich ahnungslos - bereits am 11. Oktober zugunsten Langes. Innenminister Markus Ulbig (CDU) waren zu diesem Zeitpunkt viele Einsatzdetails zugänglich. Er versäumte es offenbar, die Personalie - wie sonst in solchen Situationen üblich - vorsichtshalber bis auf weiteres auf Eis zu legen. Keine Woche später, am 16. Oktober, setzte die Staatskanzlei die Sonderkommission zu al-Bakr ein, der - eine weitere Panne - sich im Leipziger Gefängnis am 12. Oktober das Leben genommen hatte.

Dem Untersuchungsbericht zufolge trägt Lange als "Polizeiführer des Einsatzes" erhebliche Mitschuld an der misslungenen Verhaftung des Terrorverdächtigen. Der Vorgang hatte deutschlandweit für viel Kritik gesorgt. Die Beförderung Langes, die am Montag die "Bild"-Zeitung in Dresden aufdeckte, bewegt deshalb die Gemüter. Die Stelle war am 18.Februar 2016 im Intranet des Innenministeriums ausgeschrieben worden. Es gab dem Vernehmen nach nur zwei Bewerber. Die Vorentscheidung zugunsten Langes fiel am 18. August - vorbehaltlich einer Kabinettsentscheidung. Die Polizeidirektion Dresden teilte mit, dass sich Lange zum Fall nicht äußern werde. "Bild" zitiert einen Sprecher des Innenministeriums, demzufolge Lange noch "in Probezeit" arbeite. Seine Beförderung werde nun beamtenrechtlich überprüft.

Die Grünen im Landtag sehen im Fall Lange "ein Führungsversagen Ulbigs". Ihr Innenexperte Valentin Lippmann sagte, dass diese Personalentscheidung "jegliches Maß an politischer Sensibilität" vermissen lasse. Der Bericht der Sonderkommission hätte abgewartet werden müssen. Ulbig sei nicht willens oder in der Lage, "innerhalb der Polizei die notwendigen Konsequenzen zu ziehen", so Lippmann. Für den innenpolitischen Sprecher der Linksfraktion, Enrico Stange, hat Ulbig "den Ernst der Lage noch nicht begriffen".

Dabei hat Ulbig Anfang 2016 gezeigt, dass er auch anders kann. Als der künftige Chef der Polizeidirektion Dresden nur drei Wochen vor Dienstbeginn einen schweren Unfall unter Alkohol verursacht hatte, war er seinen neuen Job los. Ein anderer bekam die Chance.

Der Landtag erwartet für Mittwoch eine Fachregierungserklärung zum Fall al-Bakr. Die Beförderung von Lange werde nach Ankündigung der Opposition "ein Punkt für scharfe Nachfragen" im Plenum sein.

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1Kommentare
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  • 3
    1
    Mabel
    31.01.2017

    Ja, wir brauchen mehr Langes und mehr Ulbigs (und Tillichs), dann wird alles gut! Wie der Herre, so das Gescherre, von oben nach unten.



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