Gewalt gegen Polizisten in Sachsen wächst

Im Freistaat hat es im vergangenen Jahr 1269 Angriffe auf Polizisten gegeben. Das waren 128 mehr als 2011. Bundesweit wurde ein Anstieg von 9,9 Prozent auf 60.294 Übergriffe registriert.

Chemnitz.

Die Ordnungshüter werden beleidigt, bespuckt, geschubst, geschlagen und mit Waffen bedroht. Laut Statistik nehmen vor allem die sogenannten Widerstandshandlungen zu. Im Moment haben sie am Gesamtgeschehen einen Anteil von 70,8 Prozent. An zweiter Stelle bei den Gewaltdelikten stehen mit 18,4 Prozent die Körperverletzungen.

Die Gewalt sei allgegenwärtig. Oft reiche schon die Uniform, die manchen Rot sehen lasse, sagte Hagen Husgen, Sachsens Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). "Die Lage ist äußerst beunruhigend."

Im Freistaat wurden nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) im Vorjahr 1269-mal Angriffe auf Polizisten verübt. Das sind 128 mehr als 2011. Nicht nur bei Großeinsätzen, wie Demonstrationen oder Fußballspielen schlage den Polizisten oft Gewalt und Hass entgegen. Auch bei Familienstreitigkeiten, Verkehrs- oder einfachen Personenkontrollen würden sie angegriffen, weiß Husgen. Die meisten Übergriffe - nämlich 60 Prozent aller Fälle - ereignen sich auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen. Mit größerem Abstand (17 Prozent) folgen Privathäuser, -wohnungen oder Grundstücke. 2012 hat es laut LKA in Sachsen zwar keine Verletzungen mit Todesfolge gegeben, aber Delikte wie versuchter Mord und versuchter Totschlag. Laut der aktuellen Statistik werden die meisten Übergriffe in den Großstädten Leipzig, Dresden und Chemnitz sowie in den Städten Zwickau, Görlitz und Aue verübt. Wobei in Aue vorwiegend Straftaten in Verbindung mit Fußballspielen gezählt wurden.

Insgesamt sind im Vorjahr 445 Frauen und Männer verletzt worden. Laut LKA hatte dies insgesamt 284 Tage Dienstausfall zur Folge. Die Aufklärungsquote bei diesen Delikten beträgt 95 Prozent. Erschreckend sei, so Husgen, dass die Beamten immer häufiger ohne Anlass angegriffen würden. Deshalb fordere die GdP seit drei Jahren die Einführung eines neuen Paragrafen 115 im Strafgesetzbuch, mit dem ein Angriff, der aus dem Nichts kommt, geahndet werden könnte. "Der Angreifer könnte dann auch bestraft werden, wenn der Beamte nicht verletzt wird. Damit bekäme man vor allem hinterhältige Attacken besser in den Griff", so der GdP-Mann. Bisher müsse sich der Polizist bei einem Angriff in einer ,Vollstreckungssituation' befinden, - etwa bei einer Festnahme - damit dem Täter Sanktionen auferlegt werden können.


Berlin führt traurige Statistik an

Im Vergleich der Bundesländer gibt es die meisten Übergriffe auf Polizeibeamte in Berlin. Dort kamen 95,3 erfasste Fälle auf 100.000 Einwohner. In Sachsen waren es (31 Fälle).

Mehr als zwei Drittel der im gesamten Bundesgebiet ermittelten Tatverdächtigen waren Männer. 67,6 Prozent der Verdächtigen standen unter Alkoholeinfluss.

Im Bereich der gefährlichen und schweren Körperverletzung verzeichnet die Statistik des Bundeskriminalamtes für 2012 einen Anstieg auf 2777 Delikte - ein Plus von 8,8 Prozent im Vergleich zum Jahr davor.


Angriffe machen viele Polizisten seelisch krank

445 Frauen und Männer in Uniform sind im vergangenen Jahr im Freistaat Sachsen durch gewalttätige Übergriffe verletzt worden. Das bedeutet nicht nur Arbeitszeitausfall, sondern vor allem seelischen und körperlichen Schmerz.

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat sich in mehreren Studien intensiv mit dem Thema Gewalt gegen Polizeibeamte befasst. Dabei ging es nicht nur um Zahlen und Fakten. Dabei ging es eben auch um die Psyche der betroffenen Frauen und Männer. "Wir haben 20.000 Opfer schriftlich befragt, ob sie etwa an Schlafstörungen oder posttraumatischen Belastungen leiden. Oder ob sie Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen. Von den Betroffenen, die mehr als zwei Monate nach der Tat noch dienstunfähig waren, hatten zum Beispiel noch 40 Prozent Schlafprobleme", berichtet Diplompsychologin Karoline Ellrich vom KFN. Ihre Kollegin Bettina Zietlow, ebenfalls Diplompsychologin, fügt hinzu: "Ja, wer Übergriffe erlebt hat, ist hohen psychischen Belastungen ausgesetzt."

35 Betroffene befragt

Für die Studien hatte sie mit 35 Betroffenen gesprochen. "Natürlich bewertet jeder Einzelne die Situation anders. Das hängt unter anderem eben von der Schwere des Ereignisses ab", so Zietlow. Es gebe Frauen und Männer, die die Angriffe direkt auf die eigene Person beziehen, diese hätten es besonders schwer bei der Verarbeitung. "Ein Beamter erzählte, dass der Angreifer ihm direkt in die Augen gesehen hätte. Er habe ihn also als Mensch wahrgenommen und trotzdem mit einer Eisenstange zugeschlagen. So brutal, dass die Wirbelsäule gestaucht wurde. Der Angreifer habe ihn gemeint, nicht die Polizei, nicht die Staatsmacht." So etwas mache die Seele krank. Es gebe aber durchaus auch Beamte, die gerade beim Fußball das Geschehene rasch verarbeiten könnten. "Sie sagen: ,Das ist alles nicht schön, aber es gehört wohl zum Ritual.'" Und dann erzählt die Psychologin noch von einer Polizeibeamtin, die von einem Täter brutal geschlagen und getreten wurde. Letztlich habe sie mit Todesangst am Boden gelegen. "So etwas steckt man nicht weg. Die Frau hat posttraumatische Belastungsstörungen - braucht professionelle Hilfe", sagt Zietlow. 3,2 Prozent der Befragten mussten aus gesundheitlichen Gründen den Dienst quittieren.

Das Verhalten jener, die in den Dienst zurückkehren, sei sehr unterschiedlich. "Einige gehen wachsamer, forscher in die Einsätze. Unter dem Motto: ,Wenn, dann will ich der Erste sein, der reagiert.' Sie legen dann auch mal schneller Handfesseln an - Selbstschutz sozusagen." Doch wer zu rigide auftrete, der riskiere eben auch, dass die Situation durch ihn eskalieren könnte. Die Psychologen sagen, dass die Opfer nicht selten damit rechnen müssten, dass ihnen Fehlverhalten vorgeworfen und rechtliche Konsequenzen angedroht würden. Das kennt auch Hagen Husgen von der Gewerkschaft der Polizei. "Die Beamten sind nicht selten massiven Vorwürfen ausgesetzt, auch in der Bevölkerung. Egal was sie tun. Greifen sie ein, ist es nicht recht, warten sie ab, auch nicht." Werde der Eingriff zu hart empfunden, stünde die Staatsanwaltschaft vor der Tür. Seien sie unentschlossen, werde ihnen nicht selten unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen. Die Beamten müssten besser geschützt werden. Das mahnte am Montag auch Innenminister Markus Ulbig (CDU) an. "Gewalt gegen die Polizei ist nicht zu akzeptieren. Wer Polizisten angreift, greift unseren Staat und die Gesellschaft an", so Ulbig.

"Situation wird sich verschärfen"

Husgen jedoch sagt voraus, dass sich die Situation weiter verschärfen werde. Personalentscheidungen trügen dazu bei, dass die Polizei nur noch wenig Präsenz vor Ort zeigen könne. "Mit dem Projekt ,Polizei.Sachsen.2020' werden von den 72 Revieren nur noch 41 übrigbleiben. Die anderen sollen zu Standorten umfunktioniert werden. Dort wird es nur wenige Beamte geben, wenn überhaupt", so Husgen. "Wie soll man da rund um die Uhr für Sicherheit sorgen können?"

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11Kommentare
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  • 3
    0
    gelöschter Nutzer
    13.09.2013

    Passend zum Thema eine Reaktion, die durchaus verständlich und völlig richtig ist.
    Zitat: ""Die Polizei wird sich bis auf Weiteres nicht mehr im Stadion (Anm.: Schalke) aufhalten. Die Sicherheit hat dann der Verein zu gewährleisten. Die Polizei wird aber in einem Bereitschaftsraum außerhalb des Vereinsgeländes zur Verfügung stehen. Und wenn eine Gefahr für Leib und Leben, Gefahr für Dritte vorhanden ist, dann wird sie natürlich einschreiten", sagte der SPD-Politiker im Interview mit Radio Emscher Lippe.

    Jäger kritisierte den Verein harsch. "Wer nicht in der Lage ist, für die Sicherheit der eigenen Fans zu sorgen, dann die Polizei um Hilfe bittet und anschließend den Einsatz öffentlich kritisiert, ist kein Partner für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit", wurde der Minister in einer Pressemitteilung zitiert: "Es kann nicht sein, dass einem millionenschweren Klub wie Schalke 04 die VIPs in den Business-Loungen wichtiger sind als die Ultras auf den Stehplätzen."!

  • 3
    0
    kartracer
    12.09.2013

    Kommentare sollten sich wirklich auf die Artikel beziehen, und hier gebe ich nur @A809626 Recht.
    Es geht nicht um Pfefferspray, sondern um handfeste Sachen,
    die ein Trauma für die Beamten nach sich ziehen.
    Also bitte bei den Fakten bleiben!

  • 4
    1
    Ballfreund
    10.09.2013

    @ A809626: Keine Frage, Gewalt gegen Polizeibeamte ist nicht zu tolerieren. Selbst wenn das Vorgehen von BFE oder Bereitschaftspolizei solche Reflexe auslösen. Ich meinte mit meinem Einwurf lediglich, dass die signifikant höhere Zahl verletzter Polizisten u.a. (!) auf den exzessiven Pfeffersprayeinsatz beruht, der aus dieser Statistik -nicht- herausgerechnet wird.

  • 6
    0
    gelöschter Nutzer
    10.09.2013

    @ Ballfreund, ich glaube zwar, daß es diese Fälle der Verletzungen in eigenen Reihen gibt und ich sehe auch, daß Pixelghost die erste Antwort falsch interpretiert hätte (hätte ich übrigens auch) - aber die Diskussion um Verletzte Beamtenkollegen geht ohnehin am eigentlichen Thema vorbei und verharmlost den Ernst der Lage, der in diesem Artikel dargestellt wird. Letztlich steckt in jeder Uniform ein Mensch, der zum Prügelknabe der Nation und der Geselschaft, vornehmlich aber zum Sündenbock von Demonstranten, Kriminellen und Verkehrsrowdys sowie Fußball"fans" wird. Und das geht definitiv zu weit und ist nicht hinnehmbar!

  • 4
    0
    Ballfreund
    10.09.2013

    @Pixelghost: Einfach mal Google oder eine andere Suchmaschine befragen. Gibt genügend Treffer.

    U.a.: "Das Landeskriminalamt bearbeitet mit Priorität Strafermittlungen gegen Angehörige einer Einsatzhundertschaft der Polizei. Die beschuldigten Polizisten sollen zwei Kollegen, die in Zivil am 1. Mai dieses Jahres gegen 22.45 Uhr am Kottbusser Tor in Kreuzberg im Einsatz waren, mit Pfefferspray besprüht haben. Zudem sollen sie die Zivilbeamten mit Faustschlägen traktiert haben. Die Zivilbeamten mussten anschließend »aufgrund von Augenreizungen und Prellungen« den Dienst beenden. Weitere sechs Polizisten sollen in diesem Zusammenhang durch das Reizgas verletzt worden sein. Waren also acht der insgesamt 75 verletzten Polizisten am 1. Mai Opfer von Reizgasattacken aus den eigenen Reihen?"

  • 4
    0
    Pixelghost
    10.09.2013

    @Ballfreund, damit ich es besser verstehe: Wo kann man diese detaillierten Einsatzberichte lesen - in der Zeitung, oder wo?

    Ein Link wäre hilfreich.

  • 3
    7
    Pixelghost
    10.09.2013

    @Annaberg, Denken Sie erst noch mal nach, bevor Sie Noten verteilen.

  • 3
    3
    Annaberg
    10.09.2013

    @Pixelghost Verstehendes Lesen 6 - setzen.

  • 3
    2
    Ballfreund
    10.09.2013

    Falsches Textverständnis, Pixelghost? Ich fragte danach, wieviele Polizisten von eigenen Kollegen verletzt wurden. In detailierten Einsatzberichten liest man nämlich ab und zu, dass Polizeikräfte durch Pfefferspray (und ja, der fällt unter chemische Waffen!) verletzt wurden. Tendenz übrigens steigend, laut Fanbeobachtern und Fanprojekten. Aber dies zuzugeben, ficht die Polizei selbst nicht an. Bitter.

  • 2
    4
    Pixelghost
    10.09.2013

    @Ballfreund, Demonstranten oder "Fußballfans" sprühen auch mit Pfefferspray? Ist im Übrigen ein Verstoß gegen das WaffG, richtig?
    Denn nicht anders wären Verletzungen von Polizeibeamten durch Pfefferspray der eigenen Kollegen als Gewalt gegen Polizeibeamte "zu verkaufen" und in irgend einer Statistik zählbar, oder nicht?

    Warum trägt ein Mensch, der genehmigt demonstrieren will, Pfefferspray bei sich? Wozu braucht er das? Um gegen Polizisten vorzugehen, die die Straße absperren damit er in Ruhe an der genehmigten Demo teilnehmen kann?

    Wozu braucht ein FUSSBALLFAN Pfefferspray? Zum Feiern nach dem Sieg? Oder für die Trauerfeier nach der Niederlage seines Vereins?

  • 1
    6
    Ballfreund
    10.09.2013

    Und, wieviele Beamte haben durch den übermütigen Einsatz von Pfefferspray gegen Demonstranten oder Fussballfans die eigenen Kollegen verletzt? Wird darüber auch eine Statistik geführt? Nein? Warum nicht?



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