Gewerkschaft hält Polizei für zu schwach im Kampf gegen Crystal

In allen Regionen Sachsens ist inzwischen die Droge angekommen, sagen Experten. Die Polizei fordert eine Gegenstrategie.

Dresden.

Die Probleme mit der Droge Crystal Meth in Sachsen wachsen und selbst den Ordnungshütern wird langsam bange. Vertreter der Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderten gestern in Dresden von der Politik eine stärkere Bündelung der Aktivitäten von Land und Bund. Inzwischen habe sich erwiesen, so GdP-Landeschef Hagen Husgen, dass die Einsatzkräfte von Landes- und Bundespolizei sowie dem Zoll im Freistaat "personell, finanziell und strukturell völlig überfordert sind".

Husgen verwies auf rasant ansteigende Fälle von Drogendelikten, wo Crystal Meth an der Spitze liegt. Jedes zweite Verfahren hängt mit diesem Rauschgift zusammen. Erst gestern wurde ein Crystal-Kurier in Dresden zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er über zwei Kilogramm aus Tschechien über die Grenze geschmuggelt hatte. Es war die zweitgrößte Einzelmenge, über die in Sachsen je verhandelt wurde. Im Frühjahr 2013 waren ein anderer Kurier mit 2,5 Kilogramm ertappt worden, wofür er inzwischen eine über acht Jahre lange Haftstrafe absitzt. Der Absatz in kleineren Mengen erfolgt oft über die grenznahen Asia-Märkte auf tschechischer Seite.

Gegenüber der "Freien Presse" bestätigte Helmut Bunde von der sächsischen Landesstelle gegen Suchtgefahren den Trend. Für 2014 erwartet er einen neuerlichen Anstieg der Zahl von Hilfe suchenden Abhängigen in den Beratungsstellen um 15 bis 20 Prozent. Derzeit nutzten etwa 4200 Crystal-Konsumenten diese Angebote, mit 5000 rechnet Bunde zum Jahresende. Weitere 1000 ließen sich in Sachsens Gefängnissen betreuen. Wer zu den Beratern komme, sei "im Durchschnitt fast sieben Jahre Crystal-Konsument", so der Experte. 2013 gab es in Sachsen 14 Drogentote, wovon vier auf das Konto dieses vor allem in Tschechien hergestellten Rauschmittels gingen.

Die Polizisten halten Crystal Meth für die gefährlichste Droge der Gegenwart. "Die Zahlen sagen, es muss etwas passieren", so Husgen. Drogen-Delikte kämen überwiegend durch Kontrollen ans Licht. Sachsen brauche für seine Anti-Drogen-Strategie einen besseren Personalbestand. "Das ist nicht der Fall", sagte er. Immer öfter würden nur noch Polizeistreifen gerufen, die oft anderweitig im Einsatz seien. Mobile Einsatzkommandos seien "gnadenlos ausgebucht - für andere Aufgaben", so der Polizist. Das Fazit sei, dass immer öfter Täter entkommen könnten.

GdP-Vertreter von Bundespolizei und Zoll äußerten sich ähnlich. Beide Behörden sind in Sachsen im Antidrogen-Einsatz. Die Bundespolizei verfolgt die grenzüberschreitende Kriminalität, der Zoll sämtliche Schmuggeldelikte. "Wir sind auf Zusammenarbeit angewiesen", so Jörg Radek für die Bundespolizei. Es gehe, darum Kräfte zu bündeln, ohne Personal abzubauen, hieß es.

Frank Buckenhofer macht für den Zoll klar, dass seine zum Bundesfinanzministerium gehörende Behörde nicht für diese Herausforderungen gewappnet sei. Für die Verfolgung von Schwarzarbeit und Mindestlohn-Verstößen habe der Zoll bundesweit 8000 Mann, für alle Spielarten von Schmuggel lediglich 6000. "Hier liegt Reformbedarf", sagte er und kritisierte erste Ansätze eines Behördenumbaus. So würde gerade der Zollfahndungsdienst - die Kriminalpolizei des Zolls - geschwächt. In Sachsen sei das nächstgelegene Revier zur tschechischen Grenze in Dresden. Das verursache lange Wege. Intern, so Buckenhofer, gelte der Fahndungsdienst inzwischen als "Zollreisedienst".

Hoffnungen setzt die GdP auf die für Januar avisierte Unterzeichnung eines deutsch-tschechischen Polizeiabkommens. "Wir hoffen darauf, dass in den Protokollen unsere Forderung nach Schließung der Asia-Märkte aufgenommen wird", so Buckenhofer. Dies wäre ein Schritt, "um die Vertriebswege von Crystal Meth empfindlich zu stören".

Eine Droge auf dem Vormarsch

Sachsen und Bayern sind derzeit besonders mit dem Phänomen Crystal und seiner wirksameren Form Crystal Meth beschäftigt. Die Drogen stammen zumeist aus oder kommen über Tschechien in den Umlauf. In Dresden und München wird derzeit deutschlandweit der höchste Zuwachs an Drogendelikten registriert.

2013 wurden in Deutschland 77,3 Kilogramm Crystal Meth sichergestellt. 2011 waren es noch 40 Kilogramm.
14 Drogentote wurden 2013 in Sachsen gezählt. Vier Opfer gelten nachweislich als Opfer von Crystal & Co.

Als Gründe für die Einnahme von Crystal Meth geben Betroffene nach Studien zur Suchtforschung an: 53 Prozent zur sexuellen und 50 Prozent zur beruflichen Leistungssteigerung. Wegen seiner Appetit hemmenden Eigenschaft nehmen oft junge Frauen die Droge als Diäthilfe. Mit 23 Prozent hat fast jeder vierte Crystal-Konsument mindestens ein Kind. (uk)

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