Görlitzer Gretchenfrage: Wie hast du's mit der AfD?

Bei der Oberbürgermeisterwahl in der Grenzstadt rechnen viele mit einer knappen Entscheidung. Der AfD-Kandidat gibt sich moderat - und die CDU hat Schwierigkeiten.

Dresden/Görlitz.

Octavian Ursu ist bisher nicht als ausgewiesener Umweltpolitiker aufgefallen. Der 51-Jährige CDU-Landtagsabgeordnete sitzt im Wissenschafts- und Europaausschuss des Landtags, öffentliche Statements zu Klimafragen seinerseits sind kaum bekannt. Am Pfingstmontag aber verschickte Ursu spätabends eine Pressemitteilung, in der er sich eindeutig positionierte: Er unterstützte wortreich das Ansinnen ortsansässiger Unternehmen, Görlitz zur Modellstadt für Klimaneutralität zu machen. Wer wollte, konnte darin eine Charmeoffensive des OB-Kandidaten Ursu an die Sympathisanten der Grünen erkennen. Auf diese Wähler ist er am Sonntag schließlich angewiesen, wenn in der Grenzstadt der zweite Wahlgang ansteht.

Seitdem sich die Grünen-Politikerin Franziska Schubert aus dem Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt zurückgezogen hat, konzentriert sich in Görlitz alles auf das Duell Octavian Ursu gegen Sebastian Wippel von der AfD. Ursus Chancen sind im Prinzip nicht schlecht. Immerhin hat seine ehemalige Konkurrentin Schubert de facto dazu aufgerufen, Ursu die Stimme zu geben. Auch die Linken, deren Kandidatin Jana Lübeck nicht mehr antritt, wollen mit der Faust in der Tasche dieses eine Mal einen CDU-Mann wählen, um ein noch größeres Übel zu verhindern. Addiert man die Ergebnisse aus dem ersten Wahlgang - Ursu erhielt 30,3 Prozent, Schubert 27,9 Prozent und Lübeck 5,5 Prozent - kommt man theoretisch auf einen ausreichenden Vorsprung für den CDU-Kandidaten. Wippel, der Ende Mai 36,4 Prozent bekam, hätte das Nachsehen. Nur kann man überhaupt so kalkulieren?

In der Landespolitik erinnern sich derzeit einige beim Blick auf die Görlitzer Verhältnisse an den Oberbürgermeisterwahlkampf 1994 in Hoyerswerda. Damals setzte sich der PDS-Kandidat Horst-Dieter Brähmig im zweiten Wahlgang mit 51,61 Prozent gegen Klaus Naumann von der SPD durch. Obwohl die CDU keinen Kandidaten mehr ins Rennen geschickt und selbst der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) zur Wahl des Sozialdemokraten aufgerufen hatte. Das Wohl der Stadt sei wichtiger als das einer Partei, hatte Biedenkopf gesagt. Am Ende wählten die Bürger mit Brähmig dann doch eben jenen Kandidaten, der auch im ersten Wahlgang vorn lag. Von einem Denkzettel war danach die Rede.

Auch in Görlitz haben sie ihre Erfahrungen mit Empfehlungen von außerhalb gemacht. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass Schauspieler wie Daniel Brühl und Regisseure wie Stephen Daldry in einem offenen Brief an die Görlitzer appellierten, für Weltoffenheit zu stimmen: "Bitte wählt weise!" Die Künstler mussten nicht explizit sagen, dass ihr Engagement gegen Wippel gerichtet war. Wer das kurze Schreiben las, verstand das auch ohne Weiteres.

Die AfD reagierte mit zweierlei Taktik. Zum einen zeigte sie sich entrüstet. Der Görlitzer Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla verbat sich etwaige Einmischungen in innere Angelegenheiten der Stadtpolitik: "Bevormundung, nein danke!", twitterte er. Die Görlitzer bräuchten keine Wahlempfehlung von Stars und Sternchen. Zum anderen nutzte OB-Kandidat Wippel aber die Gelegenheit, sich als umsichtig und tolerant zu inszenieren: "Ich kann damit gelassen umgehen", sagte der 37-Jährige. "Görlitz bleibt auch mit einem AfD-Oberbürgermeister eine Europastadt. Görlitz bleibt offen für Touristen aus aller Welt und heißt jeden Einzelnen herzlich willkommen." Er lud die Stars nach seiner Wahl zum OB auf einen Kaffee ins Rathaus ein.

Die AfD hat sich in Görlitz kaum eine Blöße gegeben. Beobachter sind überrascht, wie gut die sie den Wahlkampf vor Ort orchestriert. "Der Wippel macht es nicht schlecht", heißt es selbst beim politischen Gegner. Er habe die richtigen Schlüsse aus dem ersten Wahlgang gezogen. Im Gegensatz dazu nutze Ursu seine Möglichkeiten kaum. Der CDU-Mann hat es nicht geschafft, in eine Position der Stärke zu kommen. Er wird vor allem als Wippels Herausforderer wahrgenommen. Und die AfD unterstreicht das auch noch. Mit dem Slogan "Wippel bleibt erste Wahl!" mobilisiert sie ihre Wähler für den 16. Juni.

Die Hoffnungen von Wippels Gegnern ruhen auf der polarisierten Stimmung in der Stadt. Darauf, dass viele Bürger wählen gehen und einige trotz ihrer Bedenken Ursu ihre Stimme geben. Ob Ursu am Ende wirklich vorn liegt, traut sich momentan dennoch kaum jemand zu prognostizieren. Das Rennen ist derzeit einfach zu knapp.

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