Große Abhöraktion in der linken Fußballszene

Ermittler nahmen Gespräche von 900 Telefonanschlüssen auf - Betroffene: Ultras von Chemie Leipzig und jede Menge Unbeteiligte

Hunderte Leipziger bekamen Ende Juni Post von der Staatsanwaltschaft. In dem Schreiben wurden sie darüber informiert, dass die Polizei Telefongespräche aufzeichnete, die sie zwischen August 2015 und Mai 2016 geführt hatten. Damals lief eine groß angelegte Abhöraktion gegen zehn Beschuldigte aus der Ultra-Fanszene des Fußballclubs Chemie Leipzig. Jetzt stellte sich heraus: Sie war erfolglos.

Wie die "Leipziger Volkszeitung" (LVZ) berichtete, wurde das Verfahren wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung am 7. Juni 2018 eingestellt. Die Bilanz der vom Amtsgericht Dresden angeordneten Telefonüberwachung: Gespräche von 921 Anschlüssen wurden mitgeschnitten. Von 484 Telefonierenden wurden Identitäten ermittelt und aktenkundig gemacht. Darunter waren 371 Drittbetroffene, gegen die kein Anfangsverdacht bestand.

Die Ermittlungen, so die Generalstaatsanwaltschaft Dresden, seien aus einem ersten, 2016 eingestellten Verfahren hervorgegangen, bei dem schon einmal zahlreiche Personen abgehört wurden, die mit den Leipziger Ultras Kontakt hatten, darunter Journalisten und Rechtsanwälte. "Damals haben wir Fehler gemacht", sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein der "Freien Presse". So seien Betroffene im Nachhinein nicht informiert worden. Das sei diesmal erfolgt. Dass nun erneut Gespräche mehrerer Anwälte und eines Journalisten aufgezeichnet wurden, erklärte Klein so: "Man hat keinen Einfluss darauf, welche Leute bei den Beschuldigten anrufen."

Begonnen hatten sämtliche Ermittlungen nach einer Vielzahl von Überfällen mit Körperverletzung im zeitlichen Zusammenhang mit Fußballspielen in Leipzig. "Leute wurden von einer Gruppe junger vermummter Männer zusammengeschlagen", berichtete Klein. Das Vorgehen sei immer ähnlich gewesen, bei den Opfern habe es sich um Anhänger anderer Mannschaften gehandelt, denen eine politisch rechtsgerichtete Gesinnung unterstellt wurde. So habe der Anfangsverdacht bestanden, dass hier eine Bande agiere, die "Rechte vertreiben" wolle. Entsprechende Beweise habe die Telekommunikationsüberwachung jedoch nicht erbracht.

Bei Chemie Leipzig herrscht Empörung. Dass Fans und ein Verein, der gegen rassistische, antisemitische und menschenfeindliche Einstellungen in den Leipziger Stadien steht, wiederholt ins Visier willkürlich anmutender Ermittlungen gerate, werfe Fragen nach der Zielrichtung solcher Verfahren auf, heißt es in einer Presseerklärung des Vereinsvorstands. (oha)

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