Hier gibt es die meisten Wolfsrudel in Sachsen

Das aktuelle Monitoring bei Wölfen macht einen Anstieg von 18 auf jetzt 22 Rudel in Sachsen aus. Der Konkurrenzdruck in Revieren steigt, andere Orte bleiben völlig wolflos.

Dresden.

Der Wolf hat sich im Freistaat sechs weitere Territorien erobert. Allerdings befinden sich die von neu nachgewiesenen Wolfsrudeln, Wolfspaaren beziehungsweise in einem Fall von einem einzelnen Wolf besetzten Reviere im bereits angestammten Wolfsland, also östlich von Dresden beziehungsweise im nordsächsischen Raum.

In dem Ende April abgelaufenen Monitoring-Jahr hat sich die Anzahl der nachgewiesenen Rudel von 18 auf 22 erhöht. Doch rücken Territorien derzeit schlicht näher an die östliche Grenze der Landeshauptstadt heran - wie etwa in der Dresdner oder der Laußnitzer Heide - oder sie drängen sich zwischen bereits bestehende Territorien nahe der Grenze zu Polen wie etwa in Mulkwitz oder Neusorge. Um das Erzgebirge und das Vogtland macht der Wolf nach wie vor einen Bogen, so scheint es.

Einzelne Sichtungen von Wölfen auf der Durchreise schließt das nicht aus, doch gibt es keine Belege für im südwestsächsischen Raum ansässig gewordene Rudel oder Einzeltiere. "Wenn Sie mich früher gefragt hätten, hätte ich gesagt, dass gerade der Erzgebirgskamm schneller besiedelt sein wird. Warum das nicht so ist, wüssten wir auch gern." Das sagt Ilka Reinhardt vom Wolfsinstitut Lupus, das gemeinsam mit der neuen Fachstelle Wolf im Landesamt für Umwelt am Dienstag in Dresden die Jahresbilanz zur Wolfsausbreitung vorstellte. 22 Rudel mit insgesamt 85 im Monitoring-Jahr nachgewiesenen Welpen: Immer mehr Wölfe also? Auf diese Formel lasse sich die langfristige Entwicklung zwar durchaus bringen, räumt Ilka Reinhardt ein, doch nur, wenn es um den gesamtdeutschen Bestand gehe. Wo die Wolfspopulation fortan wie schnell weiter anwachse, sei kaum vorherzusagen.Im ostsächsischen Raum, wo der Wolf, vor rund 20 Jahren aus Polen eingewandert, wieder heimisch wurde, bemerke sie inzwischen aber ein langsamer werdendes Wachstum. "Und es verschwinden auch wieder Rudel", sagt Reinhardt. Das seit 2011 nachgewiesene Nieskyer Rudel etwa gibt es nicht mehr. Sein Revier hat dafür jetzt offenbar das benachbarte Biehainer Rudel für sich entdeckt. Um mehr über Wanderungsbewegungen und das Territorialverhalten zu erfahren, sind nach langer Pause erstmals wieder zwei Wölfe mit Halsbandpeilsendern versehen worden. Es handelt sich um zwei weibliche Tiere, die auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes in der Oberlausitz gefangen wurden, wo Territorien mehrerer Rudel überlappen. Nach bisher gelieferten Daten gehören beide Wölfinnen, die die Forscher auf die Spitznamen "Lotta" und "Juli" tauften, zum Neustädter Rudel im Grenzraum zu Brandenburg.

Besonders "Juli", ein einjähriges Tier, ging auf Wanderschaft - wohl auf der Suche nach einem Partner und einem "freien Grundstück" zum Gründen einer Familie. "Julis" Bewegungen beschreiben auf der Karte Zickzacklinien. "Sie hat ja kein Google-Earth", kommentiert Ilka Reinhardt. Die junge Wölfin landete zunächst in den südlichen Ausläufern von Cottbus, machte kehrt, nur um mehrfach am Queren der verzäunten A 15 zu scheitern - bis sie eine Unterführung fand. "Wir hatten schon Wölfe aus Sachsen, die bis Weißrussland oder bis Dänemark wanderten", entsinnt sich Ilka Reinhardt.

"Julis" Abstecher in die Großstadt Cottbus nimmt Vanessa Ludwig, Sprecherin der Fachstelle Wolf im Landesamt, zum Anlass für eine Erklärung. Dass Wölfe in Ortschaften oder Städten gesichtet würden, sei nicht unnatürlich, sondern normal. Allerdings fühle sich ein Wolf in der Regel nicht wohl in der Nähe von Besiedelung oder von Menschen. Problematisch werde es erst, wenn er immer wiederkehre, selbst Vergrämungsmaßnahmen ihn nicht fernhalten können.

Zu einer "Entnahme" - Expertendeutsch für Abschuss - sei es seit Februar 2018 aber nicht mehr gekommen, sagt der Leiter der Wolfsfachstelle, Matthias Rau. Das fragliche Tier hatte im Dezember 2017 bei Weißkeißel im Kreis Görlitz in zwei Fällen Hunde gerissen. Die im Mai 2019 in Kraft getretene Wolfsverordnung, die den bisherigen Wolfsmanagementplan ergänzt, schafft klare Regeln für den Umgang mit solchen "Problem-Wölfen". Ausnahmegenehmigungen für einen Abschuss sind bei Wölfen möglich, die sich Menschen auf weniger als 30 Meter nähern oder solchen, die binnen kurzer Zeit empfohlene Schutzzäune wiederholt überwinden.Das Konfliktpotenzial hat die Landesregierung durchaus erkannt, denn erneut ist die Zahl der Risse von Haus- und Nutztieren gestiegen. Konkret von 98 Vorfällen mit 383 betroffenen Tieren 2018 auf 110 Fälle, die allein bis Ende Oktober 2019 zu Buche stehen. 342 Tiere, meist Schafe und Ziegen, wurden getötet, 75 verletzt. 56 sind verschollen. Zu nachweislichen Wolfsopfern gehören auch fünf Rinder, ein Alpaka, ein Strauß und ein weiterer Hund. Aber auch zwei Wölfe kamen durch Artgenossen um. Es traf zwei Wolfsrüden, die offenbar Revierkämpfen zum Opfer fielen. "Der Konkurrenzdruck steigt", sagt Ilka Reinhardt.

 

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...