Hinter Gittern: Neuer Chef und alte Sorgen

In Sachsens Gefängnissen fehlt nicht nur Personal und nimmt der Ausländeranteil zu. Immer mehr Insassen bringen psychische Probleme mit. Viel zu tun für einen neuen Mann.

Dresden.

Sachsens größte Justizvollzugsanstalt in Dresden wird nun von einem früheren Chemnitzer und Waldheimer Gefängnisdirektor geleitet. Jörn Goeckenjan wurde am Montag von Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) ins Amt eingeführt. Der neue Anstaltschef war lange Referatsleiter im Justizministerium, wo er unter anderem für das Neubauvorhaben in Zwickau-Marienthal mit zuständig war. Anderthalb Jahre führte er zuletzt das Personalreferat im Kultusministerium.

Die Personalsituation im sächsischen Justizvollzug gilt als zentraler Engpass. In der JVA Dresden sind 774 von 805 Haftplätzen belegt. Es gebe keinen Personalpuffer für ungeplante Vorkommnisse mehr, so der neue Leiter. Letzte Woche habe es fünf Krankenhausbewachungen gegeben, von denen jede sechs Bedienstete binde, 30 Leute. Notwendige Dienstposten blieben unbesetzt. Um die Sicherheit nicht zu gefährden, wurden Aufgaben eingestellt, die den Gefangenen wichtig sind, etwa ein Teil des Sportbetriebs.

Der Freistaat hatte in einer ersten Reaktion 100 Stellen im Vollzug für ganz Sachsen zusätzlich finanziert. Eingestellt wurden Tarifangestellte und Anwärter, die teilweise ihre Ausbildung zum Vollzugsbediensteten parallel absolvieren. "Das hat eine erste Entlastung gebracht", resümierte Minister Gemkow am Montag. "Im nächsten Haushalt muss das Thema wieder eine Rolle spielen."

Die Anzahl ausländischer Inhaftierter hat sich seit 2014 verdoppelt und liegt jetzt bei 28 Prozent, sagte Gemkow. Die Dresdner JVA reagiert unter anderem mit der Einstellung dreier Dolmetscher - zwei für Arabisch, einer für Russisch und Georgisch. Die Mehrheit nichtdeutscher Häftlinge stammt aus Nordafrika.

Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede sind aber nicht die einzigen Herausforderungen. Seit Jahren nehme die Zahl psychisch auffälliger Häftlinge zu, während das Bildungsniveau sinke, so der Justizminister. Er schätzt, dass 40 Prozent der Gefangenen eine Vorgeschichte mit mentalen Problemen haben. Meistens gehe es um Süchte und deren Folgen, etwa Hirnschädigungen. "In der JVA werden klassische Drogen wie Kokain kaum noch festgestellt. Crystal Meth ist schwer zu unterbinden", sagte Gemkow. "Es kursiert oft in Verbrauchsportionen, manchmal ein einzelnes Gramm. Crystal wurde schon hinter aufgeklebten Briefmarken gefunden."

Jörn Goeckenjan tritt in Dresden die Nachfolge des langjährigen Anstaltsleiters Ulrich Schwarzer an, der 1990 auf dem Chemnitzer Kaßberg den sächsischen Teil seiner Karriere in Angriff genommen hatte, nach zehn Jahren im Westen. Im Rückblick stellte Schwarzer am Montag fest, dass der Strafvollzug über die Jahre wichtige Veränderungen erfahren hat. "Als ich anfing, waren Telefonate von Strafgefangenen quasi nicht möglich - Bayern ist da heute noch sehr streng. Ein eigener Fernseher galt vor zwanzig Jahren als undenkbar. Das war übertrieben. Es ist gut, solche Verbote immer wieder auf den Prüfstand zu stellen." Das Gefängnis sei ein Spiegel der Gesellschaft, sagte Gemkow. Und Jörn Goeckenjan: "Mit den Jahren und mit der Erfahrung sieht man die Gitter vor den Fenstern nicht mehr."

Der neue Anstaltsleiter bekennt sich zu "zukunftsweisenden Behandlungsansätzen": familienorientierten Wohngruppen, großzügigen Besuchsregelungen, unüberwachten Langzeitbesuchen für Eheleute. Vier Kunsttherapeuten arbeiten in der JVA. Der Neubau eines therapeutischen Zentrums ist in konkreter Planung. Um mit islamistischen Gefährdern zurechtzukommen, seien spezielle Hafträume, Aufsichtsprozeduren und Beraterkreise entwickelt worden. In Dresden sitzen regelmäßig radikale Islamisten ein.

Daneben gibt es in Sachsens größtem Gefängnis aber das ganze Spektrum an Gefangenen - bis hin zu jenen Delinquenten, die Ersatzfreiheitsstrafen wegen nicht bezahlter Geldstrafen absitzen. 350 von derzeit 3500 in Sachsen Inhaftierten gehören zu dieser Kategorie, so Minister Gemkow. Angesichts der Personalprobleme im Strafvollzug stellen Experten die Frage, ob für diese Klientel nicht sinnvollere Bestrafungen ohne Haft - oder zumindest eine weniger intensive Bewachung - geboten wären. "Das kann man diskutieren", sagte auch der Justizminister. "Wenn es vernünftige Ansätze gibt, würde ich mich dem nicht verschließen."

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