Viele Ostdeutsche und Bahnreisende kennen sie noch: grüne Waggons mit Kunstledersitzen. In Tschechien sind diese einst in Bautzen gefertigten Züge noch immer im Einsatz - aber nicht mehr lange.
Die tschechische Staatsbahn České dráhy dreht alles auf links - und hat das größte Modernisierungsprogramm in ihrer Geschichte gestartet. Laut Bahnchef Michal Krapinec sind in den vergangenen vier Jahren 822 neue Wagen und Lokomotiven mit fast 45.000 Sitzplätzen in klimatisierten Abteilen angeschafft worden, darunter moderne Regio-Panter-, Regio-Fox- und Comfort-Jet-Züge.
Für die neuen Züge müssen jedoch die alten Platz machen. Deshalb haben die Tschechischen Eisenbahnen im vergangenen Jahr 279 Fahrzeuge verschrottet - darunter zahlreiche aus DDR-Produktion. „Das entspricht im Grunde genommen einem ausgemusterten Wagen oder einer Lokomotive pro Arbeitstag, die zum Schrottplatz geschickt wurden“, sagt Krapinec.
In Bautzen und Görlitz produziert
Von 1964 bis 1985 hatten die ehemaligen Tschechoslowakischen Staatsbahnen (ČDZ) über 3500 Reisewagen des Typs UIC-Y/B 70 von Waggonherstellern aus der DDR und Ungarn geliefert bekommen. Die Wagen wurden in verschiedenen Ausführungen geliefert, vorwiegend als Wagen 2. Klasse, später aber auch als Wagen 1. Klasse oder als kombinierte Wagen 1. und 2. Klasse, als Service- und Gepäckwagen in Kombination mit Abteilen der 2. Klasse und als Liege- und Schlafwagen sowie in weiteren Varianten. Ein Teil dieser Wagen wird nur noch saisonal eingesetzt oder dient als Ergänzung an bestimmten Wochentagen oder als Reserve. Der Rest ist schon oder wird jetzt verschrottet.
Die letzten unbeliebten „Honecker“-Waggons werden nun ausgemustert
Die Tschechischen Bahnen mustern vor allem ältere Lokomotiven aus. Hinzu kommen Hunderte Personenwagen der Bauart UIC-Y/B 70. Dabei handelt es vor allem um „Koženky“ - alte Eisenbahnwaggons mit Kunstledersitzen und aufklappbaren Fenstern aus sozialistischer Produktion. Ausgemustert wird unter anderem die Baureihe B249, verschiedene Ausführungen der Wagentypen B, Bm, Bmee, die von Eisenbahnfans oft einfach „Béčka“ oder „Bs“ genannt werden. Verschrottet werden aber auch die unbeliebten Wagen des Typs Bdmtee mit Abteilen für acht Personen, im Volksmund „Honecker“ genannt. Die wurden von Mitte der 1980er-Jahre bis 1990 beim VEB Waggonbau Bautzen produziert. Die Bezeichnung „Honecker“ geht auf den damaligen Staatschef der DDR, Erich Honecker, zurück. Viele Jahre lang bildeten sie das Rückgrat des Schnell- und Personenverkehrs in Tschechien, häufig wurden sie von Blechlokomotiven gezogen. Im Kreis Aussig (Ústecký kraj) fahren zwar noch einige „Honecker“, wie Bahnsprecher Petr Šťáhlavský auf Anfrage der „Freien Presse“ erklärt. „Aber nur noch bis Dezember 2026. Dann werden auch sie ausgemustert.“
Ausgemusterte Waggons nach Deutschland verkauft
Ein Teil der ausgemusterten Fahrzeuge fand neue Besitzer. 43 Wagen und Triebzüge wurden verkauft, teils an Interessenten aus Deutschland und Polen, wie České dráhy berichten. Unter anderem sollen sie als Räumlichkeiten für die Gastronomie, als Hotel oder für Nostalgiefahrten weitergenutzt werden.
In den kommenden Monaten wollen České dráhy die Stilllegung und Verschrottung älterer Fahrzeuge fortsetzen. So planen sie, noch einmal mehr als 400 ältere, nicht mehr benötigte Fahrzeuge von den Gleisen zu nehmen und durch moderne Lokomotiven und Waggons zu ersetzen. (juerg)





