In Espenhain ist Ruhe eingekehrt

Espenhain gibt es zweimal. Einmal links, einmal rechts neben der Bundesstraße, die wie eine Schneise den Ort teilt. Nun ist die Autobahn da. Der Durchgangsverkehr weg. Die Blitzer sind abgebaut. Und auch beim Obstladen um die Ecke kommt weniger Geld in die Kasse.

Espenhain.

Verschlafen und ruhig wirkt Espenhain - mittlerweile. Über die breite Bundesstraße fahren nur noch vereinzelt Autos. Es wirkt, als hätten die lang gezogene Gemeinde südlich von Leipzig und deren gut 2300 Einwohner ein Stück Lebendigkeit verloren.

Jahrzehntelang war der jetzige Ortsteil der Stadt Rötha, durch den die B 95 von und nach Leipzig führt, Durchfahrtsstrecke. Blechlawinen gab es Tag für Tag. Nun ist jedoch ein weiteres Teilstück der A 72 geöffnet, der meiste Verkehr zieht am Ort vorbei. Das macht sich in der Gemeinde bemerkbar - positiv wie negativ.

"Der Ort hat nun die Chance, wieder zusammenzuwachsen. Die vierspurige B 95 wird im nächsten Jahr zurückgebaut. Die breite Teilung Espenhains in zwei Seiten des Ortes wird damit ein Stück weit aufgehoben", sagt Bürgermeister Stephan Eichhorn. Die Bundesstraße, die auf gut 105 Kilometern von Oberwiesenthal nach Böhlen führt, soll dann wieder direkt an der Gaststätte "Aspe" vorbeiführen. Dort, wo jetzt eine alte Pflasterstraße an den einstigen Verlauf erinnert.

Eine Unterführung unter der entschlackten Bundesstraße wird aufgeschüttet. Dadurch gewinnt Espenhain nicht nur an Fläche, auch der Verbindung zwischen den beiden Teilen des Ortes wird dies guttun. Bisher musste ein Umweg gefahren werden, um von hier nach da zu kommen, denn ein Abbiegen war wegen der durchgezogenen Leitplanken in der Mitte nicht möglich. Zwei Spuren in jede Fahrtrichtung werden nicht mehr benötigt. Dafür soll ein Radweg zwischen Borna und Leipzig entstehen, erklärt Eichhorn, der Bürgermeister.

In den 1970er-Jahren war die breite Straße mitten durch Espenhain notwendig geworden - für die Infrastruktur der Industrie im Ort und im Umland. Seitdem trennt die Trasse die Gemeinde in zwei Teile - und scheinbar auch die Lebenswelten. Links der Straße stehen Wohnblöcke, rechts eine Siedlung mit Eigenheimen. Dort, wo heute das Gewerbegebiet angesiedelt ist, war zu DDR-Zeiten der VEB BV Espenhain, einer der größten Betriebe der DDR, die Braunkohle verarbeiten.

Im Ort nannte man ihn nur: das Kombinat. Zeitweise war der Betrieb, der 1954 in Volkseigentum überging, Arbeitgeber für 6000 Menschen. Auch sie kamen nach Espenhain, Arbeiterwohnungen entstanden. Die Blöcke erinnern heute noch an damals, als in der Region ein großes Braunkohlekraftwerk in Betrieb war. Die Gemeinde galt allerdings auch als der "dreckigste Ort der Republik", besonders als in den 1970er-Jahren die Kohlechemie in der Region weiter an Bedeutung gewann. Ascheschichten bedeckten die Straßen und Gehwege, am Himmel hingen Schadstoffwolken. Für die Lebensqualität und -erwartung der Bevölkerung war dies ein Übel.

Auch wenn das Kraftwerk seit der Wende stillsteht und zurückgebaut wurde - der Tagebau ist aus Espenhain noch nicht ganz verschwunden, doch die Luft ist mittlerweile sauberer. 2004 entstand das damals größte Solarstormkraftwerk der Welt. Im Gewerbegebiet hat die Mitteldeutsche Bergbau GmbH TDE einen ihrer Standorte und ist seit 1991 Dienstleister für verschiedenste Bergbauunternehmen. Im Werkstattkomplex werden Maschinen für den Tagebau gewartet oder Stahlkonstruktionen gefertigt.

Während die Umgestaltung der Bundesstraße der Gemeinde erst im kommenden Jahr ein anderes Aussehen geben wird, macht sich die Ruhe im Ort schon jetzt deutlich bemerkbar. Bis auf wenige Autos, die vorbeifahren, nimmt man in der Siedlung rund um die Straße des Friedens direkt an der B 95 um die Mittagszeit nichts als Stille wahr.

Für die Anwohner ist das gut, hörten sie doch bis zur kompletten Freigabe der Autobahnumfahrung Mitte Oktober Tag wie Nacht Autos und Laster an ihren Grundstücken vorbeirauschen. "Die Ruhe ist erholsam. Endlich habe ich keinen Verkehrslärm mehr vor meiner Haustür", sagt Monika Hengst. Sie wohnt seit mehr als 40 Jahren in einem Eigenheim in der Siedlung. Am frühen Nachmittag schlendert sie, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, über den Gehweg. Den Spaziergang durch eine Gegend, wo es früher nur laut war, kann die Rentnerin mittlerweile genießen.

Monika Hengst erinnert sich auch noch an die dreckigen Zeiten von Espenhain, als sie in ihr Eigenheim zog. "Ich habe damals morgens alles geputzt, und nach Feierabend konnte ich schon wieder ran. Besonders die Fenster waren immer dreckig, man konnte kaum nach draußen schauen." In der Siedlung stehen Ein- und Mehrfamilienhäuser, die dort schon Jahrzehnte der Ortsgeschichte Espenhains erlebt haben. Dazwischen gibt es einige Neubauten, moderne Einfamilienhäuser mit großem Garten. Voll bebaut ist es neben den Straßen aber nicht. Sicher können hier in den kommenden Jahren neue Grundstücke erschlossen werden und weitere Häuser hinzukommen. Ob die Preise für die Grundstücke mit der Ruhe steigen werden, ist unklar.

Während einige Bewohner des Ortes die Ruhe in der Siedlung begrüßen, profitieren andere Espenhainer auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom fehlenden Verkehr über die Bundesstraße allerdings ganz und gar nicht. Denn was für die einen eine Asphaltwüste gewesen ist, war für die anderen eine Lebensader. Besonders trifft der Verlust die Imbisse und kleinen Läden, die dank des Durchfahrtsweges von und nach Leipzig durch Laufkundschaft ihre Geschäfte machten - Ilona Enge zum Beispiel.

Die ältere Frau mit dem jugendlichen Kurzhaarschnitt verkauft im Laden ihres Lebensgefährten Obst und Gemüse aus der Region, freut sich über jeden Kunden. Einem Mann, der eigentlich nur Pilze wollte, empfiehlt sie noch Äpfel. Die schweren Kisten schleppt sie mit Leichtigkeit durch den kleinen Verkaufsraum. "Seit die Autobahn auf ist, ist auch unser Geschäft eingebrochen. Viele Fahrer haben einst gehalten, wenn sie unser Schild gesehen haben", erzählt sie.

Verärgert ist Ilona Enge aber auch über die für sie verwirrende Ausschilderung an der Autobahn: "Die Ausfahrt heißt: Espenhain-Nord. Das erweckt doch nicht den Eindruck, dass man von dort aus auch einfach in das Ortszentrum kommt. Auch deshalb machen nur wenige hier noch halt." Auch wenn die wegbleibende Kundschaft die Existenz des kleinen Ladens bedroht, will Ilona Enge trotzdem weitermachen. Auch weil ihr einige Stammkunden noch die Treue halten und die Rente nicht mehr so weit sei, wie sie sagt. Ähnlich geht es auch dem Döner-Imbiss wenige Meter weiter. Um die Mittagszeit sitzen einige Bauarbeiter an den Tischen. Die Stammkundschaft ist geblieben, die Laufkundschaft fehlt aber auch hier, wie ein Mitarbeiter erzählt.

Auch an ganz anderer Stelle kommt kein Geld mehr in die Kasse: Die beiden Blitzer an der Bundesstraße sind verschwunden, wurden bereits gut drei Wochen nach Eröffnung der Autobahn abgebaut - nur die Säulen stehen noch an der Straße. Und erinnern daran, wie schwer es manchen der tausenden Autofahrer fiel, sich nicht schneller als im gefühlten Kriechgang - mit Tempo 50 - über die breite, fast kerzengerade Straße zu bewegen.

"Mit der Öffnung der A 72 hat sich die Verkehrslage in Espenhain deutlich entspannt", sagt Konstanze Morgenroth, eine Sprecherin des Landratsamtes Leipzig. Seit Januar 2014 blitzten die Geräte - in beiden Fahrtrichtungen. Auswirkung auf die Kasse der Gemeinde Espenhain habe das aber nicht gehabt. "Die Blitzer gehören dem Landkreis Leipzig, Gelder hat Espenhain daher nie eingenommen. Die Geräte wurden nun an einem Unfallschwerpunkt an der S 43 in Naunhof aufgestellt", verrät Espenhains Bürgermeister Stephan Eichhorn.

Teure Fotos wurden in den vergangenen fünf Jahren an der B 95 in Espenhain jede Menge geschossen. Allein zwischen Juli und September dieses Jahres reagierten die Sensoren und damit auch die Kameras auf insgesamt 13.937 Geschwindigkeitsüberschreitungen.

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4Kommentare
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  • 8
    0
    Hankman
    08.11.2019

    Ich bin diese Strecke sehr oft gefahren. Ich habe mich immer über die Blitzer geärgert. Aber ohne diese Dinger hätte sich kaum jemand an das zuletzt geltende Tempo 50 gehalten. Früher galt mal Tempo 70, wenn ich mich recht entsinne. Da war es ähnlich. Zu DDR-Zeiten, als die vierspurige Straße entstand, war das Verkehrsaufkommen noch nicht so hoch, für den Ort war das noch halbwegs zu ertragen. Aber nach 1990 wurde es schwierig. Für den geschundenen Ort kann es nur gut sein, dass der Durchgangsverkehr weitgehend entfällt. Aber klar: Wie schon in anderen Orten entlang der B 95 hat die neue Ruhe ihre Nebenwirkungen. Um Espenhain muss einem jedoch nicht bange sein. Es dürfte mehr als bisher vom Tourismus profitieren, etwa dank des nahen Störmthaler Sees. Und der neue Radweg wird Ausflügler anlocken.

  • 19
    4
    Pixelghost
    07.11.2019

    Wir fuhren die alte Strecke sehr häufig und die neue jetzt auch. Blitzer? Frage an Siri: Siri, was sind Blitzer?
    Siri: „Ich weiß nicht was du mit Blitzer meinst.“

    Will sagen: Da stehen Schilder die das Blitzen vorher ankündigen - mit großen Zahlen in einem roten Kreis oder ein gelbes Rechteck mit Ortsnamen.

    Wer bei der Sendung mit der Maus nicht aufgepasst hat...

  • 1
    16
    jese
    07.11.2019

    Viel Geld reingekommen durch die Blitzer - für die neue Autobahn.

  • 15
    3
    michaviola
    07.11.2019

    Es war eine echte Herausforderung für Autofahrer,ich selbst wurde einmal Opfer der Blitzer.Kann mir gut vorstellen das es auch negatieve Auswirkungen hat,ob da wohl noch viele Leute in die anliegende Fleischerrei kommen ? Ich habe dort immer einen vollen Parkplatz gesehen.
    Aber wie es halt so ist,des einen Freud des andren Leid.Wenigsten können die Einwohner ihr Kinder nun mut ruhigerem Gewissen raus lassen.



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