Ins Erzgebirge zurückgeholt

Niemand weiß genau, ab wann im Erzgebirge Osterfiguren gedrechselt wurden. Eine Chemnitzerin hat frühe Exponate aus der Zeit um 1900 in den USA gefunden - und gibt für kurze Zeit Einblick.

Chemnitz/Gelenau.

Nanni Zeuner hat ein Faible für Spielzeug. Vielleicht weil sie in Sachsen-Anhalt in einer Familie mit drei Geschwistern aufgewachsen ist, in der es Spielsachen nicht gerade im Überfluss gab, sagt sie. Oder weil die Mutter für die frühere Käthe-Kruse-Fabrik Bad Kösen zu DDR-Zeiten in Heimarbeit Teddys herstellte. "Außerdem hatte ich einen Großvater, der nichts weggeschmissen hat." Davon ist Nanni Zeuner zwar weit entfernt. Aber sie wird von der Leidenschaft getrieben, Dinge zu sammeln, mit denen früher gespielt wurde. Das Wissen darum nutzt die Sozialpädagogin auch für ihre Arbeit im Kinder- und Jugendverein "Young Connections" in Chemnitz-Ebersdorf. Spielekonsolen und Fernseher sind dort tabu.

Miniaturen auf Reisen

Bei der Suche im Internet stieß sie auf Sandra Wood. Die Amerikanerin aus Powhatan in Virginia/USA handelt nicht nur mit Antiquitäten, sondern mit naiver Volkskunst - auch aus dem Erzgebirge. "Sie ist Nachfahre englischer Auswanderer, die nach Amerika gingen, um dort ihr Glück zu machen", weiß Zeuner. Sie habe ihr erzählt, dass unter den wenigen persönlichen Dingen, die die Menschen damals in die neue Heimat mitnehmen konnten, mitunter ganz Einfaches, fast schon Banales war. So erklärt sich Zeuner auch die Weltreise einiger österlicher Miniaturen, die sie nun nach rund 100 Jahren wieder zurück ins Erzgebirge geholt hat. Sie hat damit eine Vitrine für die Osterschau des Pohl-Ströher-Depots in Gelenau gestaltet. "Ich habe die Sachen gern leihweise zur Verfügung gestellt, weil mir das Konzept des Depots gefällt", sagt sie.

Zu den Raritäten gehört eine sechs Zentimeter kleine Holzdose, in der sich 18 Amseln - kaum größer als einen Zentimeter - verstecken. Zeuner ist überzeugt, dass es ursprünglich 24 Vögel waren, und dass solche Dosen im Raum Seiffen um 1900 speziell für englische Kunden angefertigt wurden. Denn die Dose geht offenbar auf ein altes englisches Kinderlied zurück: "Sing a song of sixpence" (Sing ein Lied von Sixpence), das 1744 veröffentlicht wurde. Darin geht es um 24 Amseln in einem Napfkuchen. Als der Kuchen geöffnet wird, beginnen die Amseln zu singen. "Die Verbindung zwischen der in Seiffen gedrechselten Dose samt Vögeln und dem Lied ist offensichtlich", so die Pädagogin. Auch wenn sich dazu in der Literatur bisher keine Hinweise fanden.

Anfänge der Osterware unklar

Der Leiter des Seiffener Spielzeugmuseums, Konrad Auerbach, kennt weder das Lied noch die Vogeldose. "Aber es ist tatsächlich so, dass es damals Aufträge an hiesige Handwerker zur Herstellung ganz lokal bezogener Dinge gab", sagt der promovierte Kunstwissenschaftler. Er räumt ein, dass das Wissen über die Anfänge und Umfänge österlicher Produktion im Erzgebirge bescheiden sei. Vor 1900 finde sich in den Unterlagen quasi nichts. Die ersten Osterhasen tauchten um 1910 auf. Die Ostervitrine in der ständigen Ausstellung seines Museums umfasst etwa 40 Exponate, das Meiste davon sind jedoch Erzeugnisse aus den jüngeren Jahrzehnten. "Aus der Anfangszeit besitzen wir wenig."

Auch der Chemnitzer Volkskundler Klaus Leichsenring tut sich schwer mit Aussagen zu den Anfängen gedrechselter Osterware. Nur anhand alter Warenausgangsbücher lasse sich einiges nachvollziehen. Autos und Flieger mit Osterhasen am Steuer tauchen 1916 auf, Miniaturspielzeug schon ab 1905. Osterschaukel und -karussell finden sich in den Jahren 1930 und 1938. Konrad Auerbach ist überzeugt, dass Ostern für die Seiffener Hersteller damals auch deshalb eine neue Herausforderung war, weil sich für dieses Fest Geschenk und Spielzeug gut vereinen ließen und weil Ostern in jener Zeit noch mit dem Schulanfang zusammenfiel.

Dass Seiffener Handwerker nach 1900 ganz spezielle Wünsche ausländischer Kunden erfüllten, belegen in der Sammlung von Nanni Zeuner noch andere Dinge. Zum Beispiel gedrechselte Ostereier, die sich nach dem Prinzip der russischen Matrjoschkas ineinander schachteln lassen und offenbar für russische Kunden bestimmt waren. Für einen weiteren Kundenauftrag aus England stehen Fülleier, die mit viktorianischen Motiven bemalt wurden. Andere Fülleier sind mit Puppenstubengeschirr gefüllt, ein Größeres sogar mit einem Mini-Bauernhof. Gar nicht zuordnen lässt sich ein Ruderboot mit zwei Osterhasen und bunten Eiern an Bord sowie dem Schriftzug "Fröhliche Ostern!". Auch Miniaturfahrzeuge mit Osterhasen am Steuer sind zu sehen.

Für den Restaurator und Betreuer der Pohl-Ströher-Sammlung in Gelenau, Eckart Holler, sind das ausgesprochen seltene Stücke. Und er glaubt zu wissen, warum Exportware in jener Zeit als Miniaturen hergestellt wurde: "Anfangs wurde der Ausfuhrzoll nach dem Wert berechnet, ab Ende des 19. Jahrhunderts richtete er sich nach dem Gewicht." So erklären sich auch kleine Seiffener Spanschachteln mit bunten Eiern darin oder eine Minipostkutsche mit Hasen als Kutscher.

Die Osterschau des Pohl-Ströher-Depots in Gelenau, Emil-Werner-Weg, ist bis 10. April Freitag bis Sonntag sowie am Ostermontag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.lopesa.de

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