Jedes sechste Lebenmittel in Sachsen beanstandet

Neben Unappetitlichem fanden Kontrolleure auch Krankmachendes. Den Verursacher erfährt der Kunde nicht.

Dresden.

Salmonellen im Hackfleisch, ungekühlte Sahnetorte und Keime in Eiswürfeln: Amtliche Lebensmittelkontrolleure fanden im Freistaat im vergangenen Jahr wieder jede Menge Unappetitliches. "Von 21 146 überprüften Lebens- und kosmetischen Mitteln mussten wir 3 561 beanstanden", sagte Gerlinde Schneider, Präsidentin der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen am Freitag in Dresden. "Die Mängelquote ist damit von 15,3 auf 16,8 Prozent gestiegen." 2013 lag sie bei 12,3 Prozent.

Gründe waren in mehr als 80 Prozent der Fälle Kennzeichnungsfehler sowie irreführende oder nicht zugelassene Versprechen - vor allem bei Nahrungsergänzungsmitteln, Speiseeis und alkoholfreien Getränken. Bei 17 Prozent der Proben fanden sich aber auch Verunreinigungen, die in 49 Fällen gesundheitsgefährdend waren. So mussten 22 Hackepeter- und Hackfleischproben, aber auch fünf Milchprodukte wegen krankmachender Keime aus dem Verkehr gezogen werden. "Wir haben Strafverfahren eingeleitet", sagte Schneider.

Erfreulich: Nach dem Skandal um fipronilbelastete Eier im Sommer 2017 waren voriges Jahr alle Proben in Sachsen sauber. Auch sächsische Weine und Sekte kann man wieder bedenkenlos trinken. Nach fast flächendeckender Untersuchung wurden in nur fünf Proben Rückstände von Pflanzenschutzmitteln gefunden. Neben der Analyse im Labor haben die Kontrolleure 2018 mehr als jeden zweiten Lebensmittel-Betrieb in Sachsen inspiziert - darunter Hersteller, Händler, Gaststätten und Imbisse. "In fast jedem zwanzigsten fanden wir erhebliche Mängel vor - insgesamt fast 2 000", sagte Sachsens Verbraucherschutzministerin Barbara Klepsch (CDU). Zu 85 Prozent habe es sich um Hygieneprobleme gehandelt. Für 21 Betriebe verfügten die Behörden daraufhin die Schließung. Sie leiteten 157 Bußgeld- und 18 Strafverfahren ein. Gegen welche Betriebe, erfährt der Verbraucher allerdings nicht.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat deshalb die Online-Plattform "Topf Secret" ins Leben gerufen, über die jedermann die Herausgabe der Hygieneberichte beantragen kann. "Schwarze Schafe sollen nicht länger geschützt werden", sagt Dario Sarmadi von Foodwatch. Bislang lägen aus Sachsen 923 Anträge auf Veröffentlichung vor, bundesweit etwa 29 000. Erste Betriebe im Freistaat haben bereits behördliche Anhörungsschreiben dazu bekommen. Die Dehoga Sachsen empfiehlt ihren Mitgliedern, der Herausgabe zu widersprechen und notfalls zu klagen, denn die Plattform sei rechtswidrig. Laut Foodwatch klagen deutschlandweit bereits Hunderte Gastronomen. Die ersten beiden Urteile in der Hauptsache seien widersprüchlich.

Die neun gröbsten Lebensmittelverstöße

Amtliche Kontrolleure fanden 2018 in Sachsen nicht nur Unappetitliches, sondern auch Verbotenes bis hin zum Betrug.

Wer in Sachsen Lebensmittel einkauft, kann grundsätzlich darauf vertrauen, dass sie in Ordnung sind. Doch es gibt Ausnahmen, zeigt der neue Jahresbericht der Landesuntersuchungsanstalt:

1. Krank machende Keime: Hackfleisch ist gerade im Sommer mit Vorsicht zu genießen. Denn bei den 38 Proben, die 2018 wegen Erregern wie Salmonellen oder Campylobacter als gesundheitsschädlich aus dem Verkehr gezogen werden mussten, handelte es sich in 22 Fällen um Hack. Aber auch in Rohwürsten, Wildknackern, Rindsmettwurst, Wiegebraten und Entenfleisch wurden krank machende Keime nachgewiesen. Gleiches gilt für vier Käseprodukte und Rohmilch.

2. Gefährliche Inhaltsstoffe: In Bratnudeln mit Huhn entdeckten die Kontrolleure mehrere Glassplitter, in Kräuter-Schmelzkäse zwei Metallklammern. Außerdem mussten sie acht Produkte zurückrufen, weil sie gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe enthielten - darunter Aluminium im Tee und Gluten in Nudeln mit Gulasch, die als "glutenfrei" beworben worden waren. Zudem fanden die Behörden in fünf Apfelsaftproben massive Überschreitungen des Pilzgifts Patulin. Ursache sind meist von Braunfäule befallene Äpfel. "Betroffen waren vier Chargen einer sächsischen Kelterei, die wir zurückrufen mussten", sagt Gerlinde Schneider, Präsidentin der Landesuntersuchungsanstalt.

3. Verbotene Hanfprodukte: Seit es Cannabis auf Rezept gibt, werden zunehmend auch Lebensmittel mit Hanf angeboten. Erlaubt ist das, wenn dafür Hanfsamen verwendet wurden, die in der Regel keine Cannabinoide enthalten - beispielsweise für Hanfsamen-Salatöl , -Bier oder -Schokolade. "Es gibt aber auch Produkte wie Kaugummi oder Nahrungsergänzungsmittel, die mit Cannabidiol - kurz CBD - angereichert sind", sagt Untersuchungschefin Schneider. "Sie bedürfen einer Zulassung." Laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit steht sie noch aus. Insofern wurden in Sachsen 2018 zwei CBD-Nahrungsergänzungsmittel eingezogen.

4. Aus alt mach neu: Frischer Thunfisch sieht rot aus. Er wird jedoch auf dem langen Weg vom Fanggebiet bis zum Kunden schnell braungrau - und ist dann nur noch wenig wert. "Durch Injektion verbotener Zusatzstoffe oder unzulässige Behandlungsmethoden versuchen Betrüger, den Fisch wieder rot zu färben und damit aus alt neu zu machen", sagt Schneider. Das könne allergische Reaktionen auslösen, da älteres Fischfleisch hohe Histaminmengen bilde. Sachsens Kontrolleure haben sich deshalb an einer europaweiten Operation beteiligt und im Freistaat 20 Proben genommen. Zwei waren manipuliert. Schneider: "Wir können ausschließen, dass das in Sachsen passiert ist."

5. Aufgespritzter Fisch: Eine andere Betrugsmasche ist es, Fisch mit Wasser aufzuspritzen. Damit erhöht sich das Gewicht und der Gewinn. Die Landesuntersuchungsanstalt hat deshalb 47 Produkte chemisch getestet: Pangasius, Kabeljau, Alaska-Seelachs und Garnelen. "Bei 40 Prozent der Proben konnten wir den Wasserzusatz eindeutig nachweisen, bei weiteren 23 Prozent bestand zumindest der Verdacht", so Schneider. Besonders negativ fielen Pangasius und Garnelen auf. Erkennen können Verbraucher den Betrug am glasig-wässrigen Aussehen und einer wabbeligen Konsistenz.

6. Irreführung am Eisstand: Im Speiseeis fanden die Kontrolleure zwar keine gesundheitsgefährlichen Keime. Allerdings wurden bei 74 Proben die mikrobiologischen Warnwerte überschritten. Neben Kennzeichnungsmängeln beanstandeten die Behörden bei einigen regionalen Herstellern Irreführung - zu wenig Milchfett, unzulässige pflanzliche Fette, als natürlich gepriesene Früchte und Vanille, die sich als Aromen entpuppten, falsche Nährwertangaben.

7. Ungekühlte Sahnetorte: Die wenigsten Bäcker - nur 14 Prozent in Sachsen - transportieren ihre Ware vom Herstellerbetrieb in die Filiale in Kühlfahrzeugen, haben Kontrollen im Sommer ergeben. Etwas mehr als die Hälfte kühlt zumindest passiv, zum Beispiel mit Akkus. Doch jeder sechste kontrollierte Betrieb kühlt beim Transport gar nicht. "Ergebnis waren deutliche Temperaturanstiege, oft bis zum Inneren der Backware", sagt Schneider. Teils sei das Doppelte der geforderten sieben Grad gemessen worden.

8. Unzulässige Werbung: Mehr als jede vierte Getränkeprobe musste beanstandet werden - vor allem wegen unzulässiger und irreführender Angaben. So wurden Vitamine, Nährstoffe und Früchte ausgelobt, obwohl diese nicht wie vorgeschrieben in "signifikanter Menge" enthalten waren. Zusatzstoffe waren bei Getränken kein Problem. Der Trend geht zu färbenden Lebensmitteln, die Farbstoffe ersetzen.

9. Verunreinigte Eiswürfel: Mehr als 60 Prozent der 106 untersuchten Eiswürfelproben waren im vergangenen Jahr auffällig - das heißt, der Anteil von Mikroorganismen darin war hoch. Ursachen: schlechte Reinigung und lange Eislagerung.

Fazit: Mit 73.415 Inspektionen in rund 66.000 Lebensmittelbetrieben und 21.146 untersuchten Proben in einem Jahr haben die amtlichen Kontrolleure ein enormes Pensum bewältigt. Nur 0,24 Prozent der Proben waren gesundheitsschädlich oder -gefährdend. Daraufhin wurden 55 Strafverfahren eingeleitet, 87 Bußgelder verhängt und zwölf Verkaufsverbote ausgesprochen. Hinzu kamen Sanktionen nach Betriebskontrollen - darunter 21 Betriebsschließungen, 36 Betriebsbeschränkungen und 18 Strafverfahren.

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