Jugendämter in Sachsen greifen öfter zum Schutz von Kindern ein

Akute Kindeswohlgefährdungen nahmen innerhalb eines Jahres um zehn Prozent zu. Ein Experte sagt: Die Aufmerksamkeit wächst, aber es gibt auch neue Probleme.

Dresden/Wiesbaden.

Die Jugendämter in Sachsen schreiten wieder häufiger ein, um Gefahren für Kinder in ihren Familien durch Vernachlässigung oder Misshandlungen abzuwenden. Nach Rückgang und Stagnation der Fallzahlen in den vergangenen Jahren gab es 2015 im Freistaat deutlich mehr Verfahren zur Einschätzung des Kindeswohls. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Kamenz wurden im vergangenen Jahr 5826 Fälle geprüft, 168 mehr als 2014. Besonders deutlich fiel der Anstieg mit rund zehn Prozent bei den akuten Fällen aus. So griffen Behörden im Freistaat 1120-mal ein, um eine unmittelbare Gefährdung Minderjähriger zu beenden.

Die sächsischen Zahlen folgen dem Bundestrend. Das Statistische Bundesamt meldete am Dienstag für 2015 rund 129.000 Verfahren, 4,2Prozent mehr als 2014. Eine akute Gefahr für die Kinder wurde in 20.800 Fällen festgestellt, ein Plus von 11,7 Prozent. Die meisten Kinder, bei denen eine Gefährdung vorlag, wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf (63,7 Prozent). In 27 Prozent der Fälle gab es Belege für eine psychische Misshandlung. Etwas weniger häufig (23,1 Prozent) wiesen die Kinder Anzeichen für körperliche Misshandlung auf. Sexuelle Gewalt wurde in 4,4 Prozent der Fälle festgestellt.

Etwa jedes vierte Kind in Deutschland, für das ein Verfahren bearbeitet wurde, war jünger als drei Jahre alt. Am häufigsten machten Polizei, Gericht oder Staatsanwaltschaft das Jugendamt auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung aufmerksam - und zwar bei 21,7 Prozent der Verfahren. Bei je 12 Prozent waren es Bekannte oder Nachbarn und Schulen oder Kindertageseinrichtungen. Jeden zehnten Hinweis erhielten die Jugendämter anonym.

Der Deutsche Kinderschutzbund sieht eine gestiegene Aufmerksamkeit - sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei Behörden. "Möglicherweise fallen mehr Kinder auf", sagte der Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen, Olaf Boye. Er sprach zugleich von einem wachsenden Kostendruck. "Die Hilfen zur Erziehung werden immer teurer, aber sie sind Pflichtleistungen." So versuchten die Landkreise und kreisfreien Städte die Ausgaben zu deckeln, indem sie mehr Hilfen mit geringerem Aufwand vergeben. So sei etwa der Anteil von Hilfsleistungen im Umfang bis fünf Stunden wöchentlich zwischen 2004 und 2010 von 33 auf 43 Prozent gestiegen. Boye plädierte auch für mehr Prävention, etwa durch Netzwerke für frühe Hilfen.

Entfällt Mitsprache für Eltern?

Mit einer Gesetzesreform will der Bund auf die steigenden Kosten in der Jugendhilfe reagieren. Gut 25 Jahre nach Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes soll das Achte Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII) geändert werden. Einem ersten Gesetzentwurf zufolge soll sich die Hilfeplanung künftig am individuellen Bedarf des Kindes oder Jugendlichen orientieren- ohne den Bedarf der Eltern zu berücksichtigen. Der Rechtswissenschaftler Reinhard Wiesner, der als "Vater des SGB VIII" gilt, übt scharfe Kritik: Damit maße sich der Staat die Definition des Kindeswohls an und missachte das Grundgesetz, nach dem die Eltern die primäre Erziehungsverantwortung tragen.

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