Kaiserschnitt wird in Sachsen am seltensten angewendet

Normalgeburten sind in Sachsen weitaus häufiger als im übrigen Deutschland. Das bestätigten neue Zahlen der Krankenkasse KKH. Warum ist das so?

Chemnitz.

Seit längerem kommt fast jedes dritte Kind in Deutschland per Kaiserschnitt (Sectio) auf die Welt. Ebenfalls seit Jahren liegt die Quote in Sachsen erheblich unter dem Bundesschnitt. Die KKH, eine der größten gesetzlichen Krankenkassen, hat gestern ihre eigene Erhebung für das vergangene Jahr veröffentlicht. Demnach lag der Bundeswert für Kaiserschnitte bei 31,6 Prozent - die Sachsen-Rate aber nur bei 24,0 Prozent. Der zweitniedrigste Wert wurde für Brandenburg ermittelt: mit immerhin 29,4 Prozent.

Der Leitende Oberarzt der Geburtshilfe im DRK-Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein, der größten Geburtsklinik im Regierungsbezirk, führt den erheblich höheren Anteil an Normalgeburten in Sachsen vor allem auf die Kompetenz der Ärzte, Schwestern und Hebammen zurück. 1900 Kinder kamen 2018 in Rabenstein auf die Welt. "Erfahrung schärft das Urteil und mindert die Angst", sagt Dr. Gunter Leichsenring. "Unsere Prämisse lautet: Jedes Kind soll die Chance haben, normal auf die Welt zu kommen. Das wird in den großen Kliniken in Dresden und Leipzig, wie ich höre, genauso gesehen. Der Kaiserschnitt ist ein Segen für diejenigen, die ihn benötigen. Aber er ist auch eine Operation mit Risiken - und nicht der zu bevorzugende Weg."

Im Zweifel entscheide die Erfahrung der Beteiligten, ob etwa bei auffälligen Herztönen eine Sectio eingeleitet werde oder nicht, so der Oberarzt. Daher arbeiteten im Klinikum Rabenstein immer erfahrene mit jungen Kollegen im Team. Eine große Geburtenzahl bedeute für den Geburtshelfer auch umfassende Praxis. "Statistisch lässt sich sagen: Je kleiner die Klinik, desto häufiger Kaiserschnitt", so Dr. Leichsenring. In seinem Verantwortungsbereich lag die Eingriffsrate voriges Jahr bei 22 bis 23 Prozent und damit noch unter dem sächsischen Schnitt.

Der Chemnitzer Gynäkologe ist überzeugt, dass auch in anderen Bundesländern Werte wie in Sachsen erzielt würden, ginge es allein nach medizinischer Notwendigkeit. Einflussfaktoren auf die Zahl der Kaiserschnitte werden seit Jahren breit diskutiert. Da eine Sectio in der Regel mehrere Tage Klinikaufenthalt nach sich zieht, stehen Normalgeburt und Kaiserschnitt in der Abrechnung unterschiedlich da. Manche Krankenkassen haben Projekte gestartet, Normalgeburten quasi zu belohnen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht bisher von einem medizinisch notwendigen Anteil an Kaiserschnitten von 10 bis 15 Prozent aus. Die tatsächlichen Zahlen schwanken zwischen einem Prozent in Armutsländern südlich der Sahara und bis zu 50 Prozent in der Türkei, Brasilien und Ägypten. Eine im Februar veröffentlichte wissenschaftliche Studie zweier Wiener Evolutionsbiologen hat einen Zusammenhang zwischen dem Wohlstandsniveau eines Landes und der Zahl der Kaiserschnitte hergestellt. Nimmt der Wohlstand zu, sind Neugeborene größer und schwerer - der Geburtsapparat der Mütter halte damit nicht Schritt. So müsse häufiger operiert werden. Das 15-Prozent-Ziel der WHO, so die Forscher, dürfte nicht zu halten sein. Die sächsischen Zahlen könnten also ziemlich gut die tatsächlichen medizinischen Notwendigkeiten widerspiegeln.

"Unsere Leute in Sachsen können Geburtshilfe", sagt Oberarzt Leichsenring. Das zeigten nicht nur die Kaiserschnitt-Raten, sondern auch niedrige Zahlen etwa bei der Säuglingssterblichkeit.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    thelittlegreen
    26.07.2019

    Danke für die interessante Information zu diesem Thema.
    Solane aber wirtschaftliche Interessen eine stärkere Rolle spielen als medizinische ... so lange wird sich an dieser Praxis nichts ändern. Auch wie ein Kaiserschnitt beworben wird ist dabei von Bedeutung.
    Für die Fälle in denen es keine medizinische Notwendigkeit gibt, heißt es: kein Vorteil für das Kind aber ein Risiko für die Mutter.



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