Keine Absolution fürs Ossitum

In Plauen diskutieren 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution Bürgerrechtler von einst und Politikerinnen von heute über Protest und Verantwortung. Brauchen wir Respekt vor der Lebensleistung der Ostdeutschen? Ja, sagt einer von ihnen. Aber nicht für alle.

Plauen.

Die Lutherkirche in Plauen ist 300 Jahre alt, ein Barockbau mit Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert. Berühmt wurde er vor 30 Jahren, als Menschen, die Mut gefasst hatten, hier in einem Seitenportal hunderte Kerzen aufstellten. Es war das Licht der Friedlichen Revolution, entzündet von Einwohnern der Stadt, die damit zu Bürgern wurden.

In der DDR, sagt Joachim Gauck, habe es mangels Bürgerrechten keine Bürger gegeben - nur Staatsinsassen. Und Werner Schulz erinnert sich, er kenne den Begriff Bürger aus dem SED-Staat nur von dem Moment, in dem man am Steuer seines Trabants die Scheibe runterkurbelte, der Volkspolizist seinen Kopf hineinsteckte und fragte: "Na, Bürger, was haben wir falsch gemacht?"

Joachim Gauck und Werner Schulz, der eine wurde Hüter der Stasiakten und Bundespräsident, der andere Bundestags- und Europaabgeordneter der Grünen, sie sind Protagonisten von damals, Bürgerbewegte von 1989. Die Grünen-Bundestagsfraktion mit Katrin Göring-Eckardt an der Spitze hat sie an diesem Montagabend in Plauen mit Vertreterinnen ihrer Enkelgeneration zusammengebracht: Aminata Touré, Jahrgang 1992, Grünen-Abgeordnete in Schleswig-Holstein, Deutschlands jüngste Landtags- vizepräsidentin mit afrikanischem Migrationshintergrund, und Paula Piechotta, Ärztin und politisch aktive Bürgerin aus Leipzig.

Es ist ein Abend im Zeichen historischer Ereignisse: Am 7. Oktober 1989 wich die DDR-Staatsmacht erstmals vor friedlich demonstrierenden Menschen in Plauen zurück. 10.000 sollen es damals gewesen sein. 30 Jahre später haben sich immerhin rund 2000 am Wendedenkmal versammelt, Ansprachen von Rednern aus nah und fern gehört. Und dann wurden auch wieder Kerzen ins Seitenportal der Lutherkirche gestellt. Drinnen nun, nach einem Friedensgebet, sprechen die Bürgerrechtler von einst und die Politikerinnen von heute darüber, wie es damals war - und was das heute bedeutet. Es treffen dabei nicht nur Alt und Jung aufeinander, sondern auch Gegner und Befürworter direkter Demokratie. Am Ende hat man eine Ahnung davon, warum sich die Menschen in Ostdeutschland bis heute uneins sind über die eigene Vergangenheit - und wie es einer Partei gelingt, den Wende-Gedanken für sich zu vereinnahmen.

Da sind zunächst die Kirchen. Sie waren das Basislager der Demokratie in Ostdeutschland, erinnert Werner Schulz. Von dort ging die Friedliche Revolution aus, nicht von Klubs oder Kulturhäusern. Theologie, das weiß auch Paula Piechotta von ihren Eltern, war oft das einzige Fach, das kritische Geister in der DDR studieren durften. Das habe die Kirche im Osten politisiert. Jene Kirche, der damals wie heute nur eine Minderheit der Bevölkerung angehört. Und die sich zugleich wieder zunehmend gesellschaftlich positioniert - von Seenotrettung bis Klimaschutz.

In der Lutherkirche wird über demokratische Mitbestimmung geredet. Aminata Touré sieht Parallelen zwischen Ostdeutschen und Migranten, "wenn bestimmte Menschen nicht vernünftig repräsentiert sind oder gehört werden". Ihre Eltern waren 1991 nach einem Putsch aus Mali geflohen. In Deutschland, so erzählt sie, sei sie mit der Frage groß geworden, ob sie überhaupt hierbleiben dürfe. "Demokratie habe ich deshalb nie als Selbstverständlichkeit wahrgenommen." Daraus sei der Wille entstanden, sich politisch zu engagieren.

Die Demokratie als Selbstläufer: Das ist eine Gefahr, vor der Joachim Gauck eindringlich warnt. Die Existenz freier Bürger, so sagt er bereits in seiner Eingangsrede, sei eine, die immer wieder neu errungen werden müsse. Aktuell beobachte er jedoch, dass "plötzlich eine Lust an Führung, an autoritärem Gestus, an Ordnung und Sicherheit über große Bevölkerungsgruppen kommt". Er erklärt dies mit einem Verlust an Wirklichkeit nach 12 plus 44 Jahren, die die Ostdeutschen unter totalitärer bzw. diktatorischer Herrschaft lebten. Der Altbundespräsident - er wird die Debatte dominieren - spricht von Angst vor der Freiheit, vor der Vielfalt von Möglichkeiten in der Demokratie und von der Furcht, dafür nicht ausgestattet zu sein. "Ein strukturell bedingtes Angstanpassungssystem prägt diese Gesellschaft." Zugleich stellt er klar: "Wer das organisiert hat, dem kann ich nicht Respekt für seine Lebensleistung zubilligen." Es sei denn, er distanziere sich von seiner Vergangenheit. Gauck spricht von Anerkennung für Menschen, die ihre Arbeit verloren und neu beginnen mussten. Aber er wendet sich gegen diejenigen, "die jetzt jeder Art von Ossitum Absolution erteilen". Einstige Angehörige der in der DDR herrschenden Großbürokratien - von Volkspolizei über NVA bis Staatssicherheit - hätten den Bürgerrechtlern von einst trotz finanziell abgesicherten Ruhestands nie verziehen, "dass wir sie von der Macht gebracht haben". Auch Menschen aus diesen einst privilegierten Gruppen seien es, die sich heute nach einer "besseren Obrigkeit" sehnten. Und die der AfD applaudierten, wenn sie "das System" bekämpfe.

Wie nun ist dem zu begegnen? Gauck hält nichts von neuen runden Tischen oder anderen Dingen, die aus seiner Sicht nur die repräsentative Demokratie in Frage stellten. Werner Schulz widerspricht: Volksbefragung und Volksentscheide, heute etwa zum Klimaschutz, "das wäre wichtig". Natürlich sei dies auch die Stunde von Demagogen und Populisten. Doch damit umzugehen, das mache die Reife der Demokratie aus. Paula Piechotta sagt, sie wolle das eine wie das andere nicht missen, Aminata Touré beklagt, vielen Menschen seien die demokratischen Strukturen und Prozesse nicht bekannt.

Eine echte Kontroverse entsteht daraus nicht. Es bleibt ein Abend voller kluger Gedanken, aber letztlich ohne Widerspruch, der wehtut. Es ist zu spüren, dass die Grünen, die Kirche und ihre Anhänger hier weitgehend unter sich sind. Und den Zuhörer beschleicht ein Gedanke: Was wohl denken diejenigen, die nicht gekommen sind?

Als Katrin Göring-Eckardt am Ende den Blick in die Zukunft richtet und fragt, worüber man in Plauen in zehn Jahren diskutieren wird, äußert Gauck die Hoffnung, "dass die Bäume der AfD nicht in den Himmel gewachsen sind, sondern auf ein realistisches Maß an Unbedeutsamkeit geschrumpft". Zuvor hatte er noch festgestellt: Die Verwerfungen aus der DDR wirken lange nach. Seine Prognose lautete: "Wir werden noch mindestens eine Generation lang Streit über die Vergangenheit haben." Die Gräben zwischen Ossis und Ossis seien heute tiefer als zwischen Wessis und Ossis. Es scheint, als ginge den Wortführern einer "Wende 2.0" der Zündstoff so schnell nicht aus.

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
4Kommentare
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  • 12
    1
    Freigeist14
    09.10.2019

    Mit "Bürgerrechtler von einst" kann ja wohl kaum Ex-Pfarrer Gauck gemeint sein . Die Legende wird zwar gern kolportiert aber Rostocker Bürger als Zeitzeugen haben da andere Erfahrungen geschildert . Und ein Peter-Michael Diestel im Besonderen ,werte Rote Daumen .

  • 13
    6
    Malleo
    09.10.2019

    Mit Gauck und KGE saßen die "richtigen" Protagonisten auf der Bühne.
    Wäre bestimmt spannend gewesen, Vera Lengsfeld mal zu hören.....

  • 15
    2
    Echo1
    09.10.2019

    Es ist ja nicht alles falsch, was Gauck sagt.
    Aber für mich ist er der Mann des Stillstandes. Keine Basisdemokratie, keine
    Runde Tische mit Dialog. Das war für mich
    das spannendste und hoffnungsvollste der
    Wendezeit.

  • 16
    5
    Freigeist14
    09.10.2019

    Das sagt alles "Gauck hält nichts von Runden Tischen ...die die repräsentative Demokratie in Frage stellen ." Einmal mehr bestätigt sich : "Wessen Brot ich ess` ,dessen Lied ich sing`" . Vielleicht hätte man als Gegenpol Peter Michael Diestel zur Diskussion einladen sollen ............



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