Kirche wirbt für Tempo 130 auf Autobahnen - 25.000 unterstützen Petition

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland mischt sich in die Tagespolitik ein. Darf sie das? In Sachsen sagt der Bischof: nein. Zustimmung kommt indes von unerwarteter Seite.

Chemnitz.

"Der Bundestag möge beschließen: Auf deutschen Autobahnen wird ein generelles Tempolimit von 130 km/h eingeführt." Mit dieser Forderung hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) am Aschermittwoch eine Online-Petition gestartet. Kommen bis zum 3. April 50.000 Unterschriften zusammen, muss sich der Petitionsausschuss des Bundestages mit dem Thema befassen. Die Landeskirche für Sachsen-Anhalt und Thüringen, zu deren Gebiet auch kleinere Teile Brandenburgs und Sachsens gehören, greift damit ein hochumstrittenes Thema auf. Und die Petition könnte Erfolg haben: Rund 25.000 Unterstützer haben bis zum Freitag unterschrieben. "Die politischen Parteien wagen nicht, das Thema anzupacken", sagt EKM-Sprecher Friedemann Kahl. Dabei könne man mit diesem kleinen und einfach umsetzbaren Schritt viel erreichen - nicht nur für den Klimaschutz durch Senkung von CO2-Emissionen. Es gehe auch um weniger Unfallopfer, Reifenabrieb, der Feinstaub und Mikroplastik erzeuge, Lärmschutz, Entschleunigung.

Die Reaktionen auf die Aktion reichten von Anfragen, Unterschriften zu sammeln bis zur Androhung des Kirchenaustritts. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Marian Wendt aus Torgau in Nordsachsen sagte der "Leipziger Volkszeitung": "Über notwendige Konsequenzen meiner persönlichen Mitgliedschaft in der EKM denke ich angesichts dieser politischen Ausrichtung stark nach."

Bislang wird die Petition nur von wenigen anderen evangelischen Landeskirchen aktiv unterstützt, darunter Nordkirche, Bayern sowie Hessen und Nassau. Der Dachverband, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), äußerte sich zurückhaltend. Man habe diesbezüglich bereits vor Jahren einen Impuls gegeben, schrieb ein Sprecher.

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens informierte ihre Gemeinden über die Petition, fordert aber nicht zur Unterschrift auf. Bischof Carsten Rentzing sagte: "Als sächsische Landeskirche vertreten wir keine tagespolitischen Einzelpositionen." In Erfurt sieht man das anders. "Kirche hat auch die Aufgabe, sich in Politik einzumischen", so Sprecher Kahl. Das Evangelium sei immer ein Stück politisch.

Unterstützung bekommt er von den Linken in Sachsen. Kirchen seien selbstverständlich politischer Akteur, "der sich auch tagespolitisch positionieren darf und soll. Das gehört zu einer demokratischen, politisch aufgeklärten Gesellschaft dazu", erklärte der Landesverband der Partei, der sich für das Tempolimit 130 ausspricht. Ähnlich sehen das die Grünen. "Dass aus der Führung der sächsischen Landeskirche Töne zu hören waren, die EKM-Initiative gehe an der Lebenswirklichkeit vorbei, spricht leider für sich", kritisierte Verkehrsexpertin Katja Meier.

Klar gegen die Initiative sind CDU, FDP und AfD in Sachsen. Generell sei es zu begrüßen, wenn sich die Kirchen in gesellschaftliche Debatten einmischen, heißt es bei den Christdemokraten. Die Kirche solle es jedoch nicht als ihre Aufgabe ansehen, einer Verbotspolitik das Wort zu reden. Die AfD warf der Kirche vor, immer öfter gegen nichtgenehme politische Meinungen zu hetzen.

Die SPD schwieg zu dem Thema. "Dazu sagen wir nichts", hieß es aus der Pressestelle in Dresden.

Bewertung des Artikels: Ø 3.3 Sterne bei 4 Bewertungen
12Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    saxon1965
    25.03.2019

    Und wie so oft, wieder einmal ein Thema für einen Volksentscheid, aber die scheuen die Herren, Damen und Diversen Politiker wie der Teufel das Weihwasser. Wo wir dann doch wieder bei der Kirche (katholisch) wären.
    Noch darf auch ich schneller fahren, aber mal ehrlich, mit "Freiheit" hat das nichts zu tun. Es gibt genügend Gründe, die für ein Tempolimit sprechen und das Leben ist immer noch das höchste Gut was wir (nur einmal) haben.
    Dass wie so oft Lobbyinteressen (Autoindustrie) über dem Schutz der Allgemeinheit stehen, wundert schon längst nicht mehr wirklich.

  • 2
    1
    Jemand
    25.03.2019

    @Distelblüte,
    Mit blutiger Geschichte der Kirche meine ich nicht nur die Kreuzzüge, sondern generell die verhängnissvollen Verbindungen von Thron und Altar.

    Gegen ein Tempolimit spricht gar nichts.

    Bei meiner Frage ging es mir nicht um politisch aktive Muslime (dagegen ist ja nichts einzuwenden), sondern um politisch aktive Moschee(-Vereine).

    Es ist nicht mit Demokratie vereinbar, dass nicht gewählte, politisch aktive (religiöse) Gruppierungen wie die Kirchen und Moscheen staatlich subventioniert werden. Das geht nicht.
    Schaffen wir die Staatsleistungen und alle anderen Privilegien an die Kirchen ab (statt sie nun auch noch den Moschee-Vereinen zukommen zu lassen) und sie können politsch aktiv sein wir sie möchten.

  • 2
    3
    Tauchsieder
    25.03.2019

    Es sind ja schon gelbe Engel auf deutschen Straßen gesehen worden "Del...".

  • 4
    6
    Distelblüte
    25.03.2019

    @Jemand: Der Verweis auf die Kreuzzüge wird immer gern eingesetzt, um eine Kirche, die sich politisch äußert und einmischt, abzuwürgen. Sozusagen ein Totschlagargument.
    Aber einmal sachlich gefragt: Was spricht gegen ein Tempolimit von 130 km/h?

    Und ein kleiner Nachsatz: Nicht jeder politisch handelnde Mensch muslimischen Glaubens ist ein Islamist.

  • 6
    5
    Deluxe
    24.03.2019

    Natürlich muß sich die Kirche ums Tempolimit kümmern. Das ist eine ihrer Kernkompetenzen.

    Schließlich wissen nur Kirchenvertreter wirklich genau, wie schnell Schutzengel fliegen können...

  • 4
    5
    Jemand
    24.03.2019

    @ Distelblüte: "Und falls jetzt wieder Einwände kommen, "die Kirche" gehe Politik nichts an: das ist falsch. Das Evangelium hat seit jeher auch politische Sprengkraft."

    Richtig. Schauen Sie sich z. B. die blutige Geschichte des Christentums; dann noch die Misstände in der kath Kirche - das ist wirkich "Sprengstoff" - aber eben nicht wirklich positiver.

    Distelblüte, würden Sie auch folgenden Satz unterschreiben:
    "Und falls jetzt wieder Einwände kommen, "die Moschee" gehe Politik nichts an: das ist falsch. Der Koran hat seit jeher auch politische Sprengkraft." ?
    Politschen Islam wollen wir nicht, aber poliotisches Christentum ist o.k.?

  • 10
    7
    osgar
    23.03.2019

    So weit sind wir also schon, daß die Kirche (mit)bestimmt, welches Tempo auf deutschen Autobahnen gefahren werden soll.
    Ich dachte eigentlich, daß diese Truppe in ihren Reihen genug Probleme hat ( wenn auch die Katholiken sicher mehr als die Protestanten). Darum sollten sie sich kümmern.

  • 9
    5
    Zeitungss
    23.03.2019

    130 km/h ist ok. Wenn die Kirche sich neuerdings um die STVO kümmert, ist sie nicht ausgelastet, denn sie hat genug eigene Baustellen, welche im höheren "Geschwindigkeitsbereich" wahrscheinlich untergegangen sind. Das BVM kümmert sich bekanntlich auch nicht um geistige Belange in den Kirchen. Hat man Bedenken, dass bei höheren Geschwindigkeiten die Autobahnkirchen nicht mehr erkannt werden und die entsprechenden Spendenbüchsen vernachlässigt werden ?

  • 9
    4
    Einspruch
    23.03.2019

    Auf der A4 ist doch schon nur 60 erlaubt. Die Kirche kommt zu spät.
    Gibt es in der Religion nichts mehr zu tun?

  • 6
    6
    Distelblüte
    23.03.2019

    Die sächsische Landeskirche versucht durch, nennen wir es Zurückhaltung, keinen zu verprellen. In meinen Augen ein falscher Ansatz. Andere Landeskirchen sind da zum Glück viel deutlicher. Persönlich halte ich ein Tempolimit von 130 für ausreichend, um zügig ans Ziel zu kommen. Ich fahre allerdings auch nur einen Kleinwagen.
    Auch wenn Herr Bischof Rentzing hier eher nicht mitliest: eine Kirche sollte nicht mit Opportunismus glänzen. Wer keinem auf die Zehen treten will, ist irgendwann völlig verbogen. Auch bei den Herausforderungen der letzten Jahre hat es die sächsische Landeskirche vermieden, klare Worte gegen rechten Populismus zu finden. Es wäre dringend nötig gewesen, sich zu positionieren, stattdessen wurde sozusagen in aller Stille Geflüchteten geholfen.
    Und falls jetzt wieder Einwände kommen, "die Kirche" gehe Politik nichts an: das ist falsch. Das Evangelium hat seit jeher auch politische Sprengkraft.

  • 1
    5
    Tauchsieder
    23.03.2019

    Das wäre auch hilfreich - Pub praestare permanens tua!

  • 2
    1
    BuboBubo
    23.03.2019

    Wie immer bei der Bewertung politischer Agitation hilft auch hier die Antwort auf die Frage weiter: Cui bono?



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