Kitas: Vorn bei Erzieherqualität, hinten beim Betreuungsschlüssel

Mit dem Vergleich von eineinhalb Jahre alten Daten hinkt die neue Kita-Studie der Bertelsmannstiftung der Wirklichkeit zwar hinterher. Aber einiges ist dennoch aufschlussreich.

Dresden.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Kita-Studie aus Gütersloh Sachsens Landespolitik in Wallung bringt. "Die Bertelsmannstiftung setzt auf Masse statt Klasse. Sie geht westdeutsch geprägten Phantasiegebilden nach", monierte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) am Donnerstagmorgen per Pressemitteilung - und sprach gleich noch vom "Vergleich von Äpfeln mit Birnen".

Da war die Nachricht, dass Sachsen bei der Betreuung von Krippenkindern bundesweit immer noch Schlusslicht sei, allerdings schon längst in der Welt. Zur "kindgerechten" Betreuung würden noch 9341 Fachkräfte fehlen - was im Vergleich zu den von der Bertelsmannstiftung vor zwei Jahren angegebenen 9400 Fachkräften übrigens kein allzu großer Unterschied ist.

Werden die laut der neuesten Studie für die Betreuung der (ab dreijährigen) Kindergartenkinder fehlenden 7619 Fachkräfte noch dazu gerechnet, ergibt sich ein Personalbedarf von knapp 17.000 Fachkräften in Vollzeit - was jedes Jahr zusätzliche Kosten in Höhe von 813 Millionen Euro verursachen würde.

Die Dimension dieses Vorschlags ergibt sich daraus, dass die Studie die Idealempfehlung der Bertelsmannstiftung zum Maßstab nimmt. Das sind ein Erzieher für drei Kinder in der Krippe, während das Verhältnis für die Älteren bis zum Schulanfang bei 1:7,5 liegen soll. In der Praxis liegen die Sachsen-Schlüssel laut Studie jedoch bei 1:6,2 in der Krippe und bei 1:12,7 im Kindergarten. Tatsächlich werden sie zumindest in der Krippe längst höher sein, wurde die gesetzliche Vorgabe doch im September 2018 auf 1:5 erhöht - zu spät für die aktuelle Bertelsmannstudie, die die bundesweiten Daten vom März 2018 verglichen hat.

Diese letzte Stufe der von der CDU/SPD-Koalition vor fünf Jahren versprochenen und danach stufenweise realisierten Schlüsselverbesserung kann sich also erst im Ländermonitoring nächstes Jahr niederschlagen. Behält die Bertelsmannstiftung ihren bisherigen Rhythmus bei, wird sich sogar erst übernächstes Jahr die im Juni eingeführte Berücksichtigung von bis zu zwei Wochenstunden an Vor- und Nachbereitungszeit für Sachsens Erzieher auf den Ländervergleich auswirken. Allein mit dieser Maßnahme hat sich der Personalumfang der Kitas laut Kultusministerium landesweit um knapp 1400 Vollzeitkräfte erhöht. Trotzdem darf die Güteklasse der Betreuung nicht nur nach dem Personalschlüssel bewertet werden, findet Piwarz. Wichtig sei auch der Ausbildungsgrad des Kitapersonals.

Während in Sachsen gerade mal ein Prozent der Beschäftigten nur über einen Abschluss als Sozialassistent verfügt, seien es bundesweit 13 Prozent. Dagegen hätten 83,4 Prozent der sächsischen Betreuer einen Abschluss als Erzieher, bundesweit hingegen nur 70 Prozent. Mit zehn Prozent weise Sachsen von allen Ländern "den höchsten Anteil an pädagogischem Personal mit einem fachlich einschlägigen Hochschulabschluss" auf, stellen selbst die Autoren der Bertelsmannstiftung fest.

An 60 Schulen - die meisten davon freie - werden in Sachsen Erzieher ausgebildet. Jährlich gibt es etwa 2000 Absolventen. Allein zur Bewältigung des Generationswechsels braucht Sachsen jedes Jahr 800 neue Erzieher. Das Ergebnis einer ersten Absolventenumfrage stimmt das Kultusministerium jedenfalls optimistisch: Demnach würden die meisten nach Abschluss ihrer Ausbildung gern in Sachsen bleiben - wenn auch vorwiegend in Teilzeit und im Umkreis ihres Heimatortes.

5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    Interessierte
    27.09.2019

    Im Land fehlen 100.000 Erzieher ...
    Wenn der Satz 1:8 und 1:11 liegt , dann durchschnittlich 1: 10
    Damit benötigt man für 1 Million Kinder Erzieher
    Wie viele Flüchtlingskinder gibt es denn neuerlich im Land bis zu 3 Jahren ?

    Und was mir aufgefallen ist :
    Es wurden die letzten Jahre immer gemischte Kinder gezeigt , als Deutsche und Vietnamesen und Chinesen und Syrer und Türken und Afrikaner ...
    Gestern hatte man nur hellhäutige blonde Kinder in den Kitas gesehen ...

  • 2
    1
    cn3boj00
    27.09.2019

    Man hatte die Chance, den Betreuungsschlüssel zu ändern. Dies war bei der neuerdings so vielgepriesenen Bürgerbeteilung auch die Hauptforderung bei der Umfrage, welche die Regierung mit großem Brimborium inszeniert hatte. Doch gemacht hat man eben was anderes. Wahrscheinlich hatte man schon vorher beschlossen was man macht.
    Um es vorweg zu nehmen: Vor- und Nachbereitung sind auch wichtig. Und eine gute Entlohnung sowieso. Aber zuerst sollte es um die Kinder gehen. Mehr Vor- und Nachbereitung (auch wegen bürokratischer fraglicher Pflichten!) heißt noch weniger Zeit für Kinder. Aber Kinder haben keine Lobby.

  • 6
    0
    Lexisdark
    27.09.2019

    Innerhalb der nächsten 5 Jahre gehen reichlich Erzieher im Chemnitzer Hort in den Ruhestand. Eben wegen der Schönrechnerei der sächsischen Regierung. Mangelnde Unterstützung, für die geleistete Arbeit trotzdem noch immer zu wenig Geld und jahrelanges Hinhalten in verschiedenen Bereichen sorgten für Frust. Damit geht dann übrigens auch die gepriesene Qualität.

  • 4
    0
    Leser10
    26.09.2019

    Sicher sagt solch ein Abschluss nicht alles. Jedoch kann doch eine vierjährige (im übrigen ohne jede Entlohnung) Ausbildung nicht unter den Tisch gekehrt werden. Es muss doch auch auf die Qualität der Betreuung unserer Kinder geachtet werden.

  • 5
    1
    Pixelghost
    26.09.2019

    Ein „fachlich einschlägiger Hochschulabschluss“ sagt nichts darüber aus, ob die Absolventen den Beruf eines Erziehers/-in auch können.



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