Könige und Kurschatten im Moor

Bad Elster kennt jeder - zumindest im Osten. Vor 200 Jahren ließen Heilquellen den kleinen Ort groß und bald weltberühmt werden. Auch dank des Königs. Das Jubiläumsjahr wird am Freitag mit einem Festkonzert gekrönt. Mancher Elsteraner hat ganz besondere Erinnerungen.

Bad Elster.

Schlendert man die Parkstraße von Bad Elster hinauf, möchte man vor jeder der herausgeputzten Villen innehalten. Große Gärten mit altem Baumbestand umgeben die stilvollen alten Häuser. Viele sind Pensionen für Kurgäste. Ganz oben, wo die Beuthstraße abzweigt, versteckt sich das Haus Linde. Es gehört Martin Schwarzenberg. Der ist technischer Leiter im Fernheizwerk von Bad Elster. 1980 erbte er die Pension, die heute seine Frau betreibt. Ab und zu nimmt er als Hobbychronist seine Gäste mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte von Bad Elster. Jenes Kurortes, der sich von einem unbedeutenden Weberdorf im sächsischen Vogtland in ein Weltbad verwandelt hat, erzählt Martin Schwarzenberg stolz.

Als vor 200 Jahren das erste Heilwasser aus Quellen in einem einfachen Badeschuppen verabreicht wurde, stand sein Haus schon fünf Jahre - damals noch als Gerichtshaus. Die erste Liste mit Kurgästen aus jenem Jahr 1818, die zu Bade- und Trinkkuren kamen, enthält 129 Namen. Offenbar wegen des zunehmenden Interesses an Heilbädern wurde um 1860 aus dem Gerichtshaus ein Gasthof, die Linde.

Vorausgegangen war ein Ereignis, dem Bad Elster seinen Aufstieg zum Weltbad verdankt. Der sächsische König erhob den Ort 1848, also vor 170 Jahren, zum Königlich-Sächsischen Staatsbad. Vier Jahre später wurde der erste Flügel des Badehauses, das heutige Albertbad eröffnet.Fortan tummelten sich Adlige und Reiche im Dorf, die sich solche Standards wünschten, wie sie andere große Bäder bereits aufzuweisen hatten. Ein Baumboom erfasste das Dorf, in dessen Folge 1892/93 auch der Gasthof Linde zu jener kleinen Villa umgestaltet wurde, wie sie sich bis heute präsentiert. "In dieser Zeit entstanden viele Pensionen. Kliniken gab es noch nicht", erzählt Schwarzenberg. Das 1898 errichtete Fernheizwerk war nach Hamburg das zweite in Deutschland. "Es diente zur Erwärmung des Badewassers. Allerdings dauerte die Saison nur von Mai bis September. Erst ab den 1920er-Jahren ging man zum ganzjährigen Kurbetrieb über", weiß der Diplomingenieur.

Ein Gästebuch, das im Haus Linde ab 1900 auslag, enthält unter anderem Namen von Besuchern aus Wien, Moskau, New York, Kopenhagen, ja sogar aus Brasilien. "Damals kamen Leute aus ganz Europa und aus Übersee. Viele blieben gleich sechs Wochen", erzählt Schwarzenberg. Am 22. Mai 1914 wurde das König-Albert-Theater als letztes deutsche Hoftheater eröffnet. Eine von heute sieben historischen Spielstätten für erstklassige Kulturveranstaltungen - seit jeher. Zuvor waren 1888 bereits das Königliche Kurhaus und der Kurpark sowie 1911 das älteste Naturtheater Deutschlands errichtet worden. Denn die betuchten Gäste wollten unterhalten werden. König Friedrich August III. kam 1914 selbst von Dresden, ließ sich in einer königlichen Kutsche vom Bahnhof abholen und sei ihr mit elastischem Schritt entstiegen, heißt es in der Ortschronik.

Selbst während des Ersten Weltkrieges und in Zeiten der Weltwirtschaftskrise gab es kaum Besuchereinbrüche. Auch nach 1933 wurde weiter investiert. Die Elsteraner waren angetan vom Engagement der Nazis. Der Ort wurde ein richtiges braunes Nest, das auch Hitler und Goebbels begeistert empfing. Fast 30.000 Gäste wurden 1941 gezählt. "Wer nicht mehr kam, waren zum Beispiel die österreichischen, russischen und polnischen Gäste", sagt Schwarzenberg. "Schließlich wurde Bad Elster Lazarettstadt und blieb deshalb von Bombenangriffen verschont. In der Wandelhalle stand alles voller Doppelstockbetten."

Schon kurz nach Kriegsende beschloss das Land Sachsen, Bad Elster als Staatsbad weiterzubetreiben. Die DDR machte es dann zum "Bad der Werktätigen". In dieser Zeit verschlug es Klaus Hofmann mit seinen Eltern in den Ort. Nach der Schule und einem Medizinstudium in Jena kehrte er zurück und wurde Chefarzt in der Klinik des Forschungsinstituts für Balneologie und Kurortwissenschaften - eine in der DDR einmalige Einrichtung. "Wir haben damals alle Kurorte betreut: auf medizinischer Basis und bei der Anwendung natürlicher Heilmittel", erzählt der Internist und Kardiologe. "Bad Elster war das größte und anspruchsvollste Bad der DDR", schwärmt er noch heute, "mit Ganzjahreskurbetrieb, ständig 5000 Patienten und 30.000 verordneten Kuren pro Jahr." Viele Einrichtungen und Institutionen hatten Sanatorien in Bad Elster - vom Ministerium für Staatssicherheit bis zum ZK der SED, ja sogar die sowjetische Armeeführung, weshalb auch Wladimir Putin hier zu DDR-Zeiten kurte.

Damals seien nicht nur Patienten nach einem Herzinfarkt oder einer OP eingewiesen worden. "Kuren dienten ebenso der Prävention, wie es zum Beispiel bei der Wismut der Fall war", berichtet Dr. Hofmann, der heute noch, mit 79 Jahren, stundenweise praktiziert. Auch viele junge Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch seien nach Bad Elster geschickt worden. Man nutzte vor allem die Heilkraft des Moores und der Mineralquellen. Der Ort, alle Pensionen und Gaststätten seien damals voll gewesen. Die Kliniken sowieso. "Aber im Gegensatz zu heute, wo viele mit ihrem Rollator kaum vor die Tür ihrer Klinik kommen, waren eben auch Jüngere da. Die schwärmten vor allem abends aus, wenn in Gasthöfen zum Tanz aufgespielt wurde", erinnert sich der Arzt.

"Aber wehe dem, der bis 22 Uhr nicht wieder im Quartier war", denkt Angelika Jerke zurück. Sie arbeitete mehr als 45 Jahre als Physiotherapeutin. Mit 63 ist sie gerade in den Ruhestand gewechselt. Besucht sie ihre Kolleginnen im Albert Bad, kommt sie stets mit Verspätung. Immer wieder wird sie unterwegs von Kurgästen angesprochen. Sie können sich nicht vorstellen, dass die engagierte Frau ohne ihren Job sein kann. "Ich ringe mit mir, ob ich dem Drängen der Staatsbäder GmbH nachgebe, wenigstens stundenweise wieder anzufangen. Es fehlt doch überall an Personal", sagt Jerke. Sie erzählt, dass Bad Elster in der DDR immer mit dem Thema Kurschatten verbunden war. "Wenn einer von der Kur heimkam, wurde er nicht nach dem Kurerfolg, sondern zuerst nach dem Kurschatten gefragt", lacht die Therapeutin. Auch ihr beichtete mancher Patient eine Liaison. Jerke glaubt, dass der eine oder andere Kinderwunsch bereits in Bad Elster erfüllt wurde.

Die 63-Jährige weiß aber auch, wie vor ihrer Zeit die sogenannten Bademädchen hart ranmussten. Das Moor, das bis heute über Rohrleitungen aus sogenannten Moortaschen im Wald kommt, musste früher durch die Bademädchen und -frauen mit großen Kannen vom Körper der Patienten vollständig abgespült werden. "Das war eine schwere, schlammige und nasse Angelegenheit", sagt Jerke.

Auf das Moor als natürliches Heilmittel setzt man heute noch. Die Vorräte, über die Bad Elster verfügt, reichen noch etwa 80 Jahre, sagt Gernot Ressler, seit 2009 Geschäftsführer der 1991 gegründeten Staatsbäder GmbH, deren alleiniger Gesellschafter der Freistaat ist. Das verwendete Moor wird deshalb recycelt und dazu wieder zurückgepumpt in die Moortaschen. "Wir lassen ihm sieben Jahre Zeit zum Regenerieren. Heute besteht eine Moorpackung zu einem Drittel aus altem und zwei Dritteln aus neuem Moor", erläutert Ressler den Umgang mit dem "endlichen Produkt".

Ein neues Geschäftsfeld gibt es, seit aus 1200 Metern Tiefe eine hochgesättigte Glaubersole gehoben wird. Das Wasser versorgt eine eigens dafür errichtete Soletherme mit drei Becken, deren Bau der Freistaat mit 20,5 Millionen Euro finanzierte. Das wiederum hat zeitgleich den österreichischen Mandelbauer-Konzern ermutigt, in Bad Elster ein lange erhofftes großes Vier-Sterne-Hotel zu errichten. "Heute kommen Leute auch ganz privat zu uns, um gesund zu bleiben. Die Sole ist dabei das Zugpferd und ein ideales Produkt, um zu entspannen", sagt Ressler. 300.000 Besucher nutzten das Angebot in den vergangenen drei Jahren. Belegen kann der Bäderchef den Aufschwung im Kurort - mit heute sechs privaten Kliniken und 28 Pensionen mit 2800 Gästebetten - auch anhand anderer Zahlen. Lag der Umsatz seiner Gesellschaft 2009 noch bei 3,5 Millionen Euro mit 165 Mitarbeitern, so stieg er 2017 auf neun Millionen mit 200 Beschäftigten. Zugleich investierte der Freistaat 2017 und 2018 rund 16 Millionen Euro in sein Staatsbad. Im nächsten Doppelhaushalt werden es 26 Millionen Euro sein. Dann soll nach 20 Jahren Dauerbetrieb die Badelandschaft im Albertbad generalsaniert werden. Auch in Bad Brambach ist ein großes Projekt geplant. Ständig müssen 35 Hektar historischer Kurpark und zehn Quellen, davon sechs in Bad Elster, gepflegt werden. Leistungen, die jeder Besucher und die 3700 Einwohner kostenfrei nutzen können. Für Bürgermeister Olaf Schlott (Unabhängige Bürgerschaft) ist die Stadt ein lebenswerter Ort, in den viele heute zur Arbeit einpendeln. "Wir hoffen, dass mancher ganz hierher zieht. Eine so perfekte Gesundheitsvorsorge und so viel Kultur inmitten wunderbarer Natur, das ist einmalig."

Am 22. September gibt es einen großen Gesundheits-, Präventions- und Sporttag für jeden in Bad Elster: u. a. mit Skilaufen im Kurpark und Segeln auf dem Gondelteich. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Freizeitmagazin "Wohin" am 20. September.

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