Kretschmer will "Volkseinwand" in Sachsen einführen

Mit seinem Vorschlag kurz vor Landesparteitag und Landtagswahl erklärt sich der CDU-Chef nach jahrelangem Widerstand der Union zur Änderung der Verfassung bereit. Was sagt die Konkurrenz - und wie reagiert der Wähler?

Dresden.

Neuneinhalb Wochen vor der Landtagswahl kündigt sich ein Kurswechsel der Sachsen-CDU bei der Bürgerbeteiligung auf Landesebene an. In einem Gastbeitrag für die am Donnerstag erscheinende "Zeit im Osten" schlägt ihr Landeschef, Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Schaffung eines "Volkseinwands" vor. Demnach sollen Gesetze, die vom Landtag beschlossen worden sind, innerhalb einer bestimmten Frist per Volksabstimmung wieder gekippt werden können. "Als nötige Unterschriftenzahl lässt sich dafür etwa eine Höhe von fünf Prozent der Wahlberechtigten vorsehen, als Frist für die Unterschriftensammlung hundert Tage", schreibt Kretschmer weiter.

In der Praxis würden diese fünf Prozent in Sachsen derzeit etwa 165.000 Unterschriften bedeuten. Lägen diese in der Frist vor, sollte das Gesetz einer Volksabstimmung unterzogen werden, bei der dann die einfache Mehrheit entscheidet. Im Fall der Ablehnung hätte "das Volk sein Veto eingelegt", das Gesetz müsste dem Landtag "erneut zur Beratung zurücküberwiesen" werden.

Wenn das Parlament ein neues Gesetz mit absoluter Mehrheit für dringlich erklärt, soll es jedoch auch ohne Wartezeit in Kraft treten können. Zudem sollte "gegen das Haushaltsgesetz kein Volkseinwand möglich sein, weil dieses die Politik nicht punktuell, sondern umfassend gestaltet", so Kretschmer.

Sein Vorschlag dürfte Eingang in das Landtagswahlprogramm finden, das die CDU am Samstag auf ihrem Parteitag in Chemnitz beschließen wird. Im bisherigen Entwurf finden sich keine Passagen zur direkten Demokratie, obwohl beide Programmkommissionschefs, Politikwissenschaftler Werner Patzelt und Generalsekretär Alexander Dierks, als Anhänger eines "fakultativen Referendums" gelten, dem Kretschmers "Volkseinwand" weitgehend zu entsprechen scheint. Zum Schweizer Urmodell gibt es indes einen Unterschied: Dort reichen in 100 Tagen 50.000 Unterschriften und damit die von einem Prozent der Wahlberechtigten aus, um eine Volksabstimmung zu einem zuvor beschlossenen Gesetz zu erzwingen.

Kretschmer erwähnt auch die bisher kaum genutzte Volksgesetzgebung in Sachsen. Dies hänge bisweilen damit zusammen, dass "Parlament und Regierung ohnehin aufgreifen, was vielen im Land wichtig erscheint". Zudem sei "nicht wenigen dieses Verfahren direkter Demokratie einfach nicht bekannt, und die Hürden sind zu hoch". Bisher reichen in Sachsen 40.000 Unterschriften für einen Volksantrag aus, um den Landtag zur Behandlung eines selbst ausgearbeiteten Gesetzentwurfs zu zwingen. Wegen zahlreicher Formalitäten vor allem zur behördlichen Bestätigung der Unterschriften brauchte das Bündnis "Gemeinschaftsschule in Sachsen" trotz zahlreicher Unterstützer neun Monate für die Sammlung.

Lehnt der Landtag den Volksantrag ab, sind laut Verfassung 450.000 Unterschriften nötig, um eine Volksabstimmung zu erzwingen. Dies ist in Sachsen - wo es derzeit etwa 3,3 Millionen Wahlberechtigte gibt - bislang nur einmal gelungen, als es 1999/2000 um den Erhalt der Sparkassen ging und die Unterschriftenlisten in den Filialen auslagen.

Der "Volkseinwand" könne die Bürgerbeteiligung verbessern, zur Versachlichung von Debatten beitragen und zudem "die Akzeptanz politischer Entscheidungen" fördern, schreibt Kretschmer weiter. Zu denjenigen, die als Erste reagierten, gehörten Sachsens Grüne. Ihr Innenpolitiker im Landtag, Valentin Lippmann, nannte es "höchst interessant, was die Aussicht auf eine krachende Niederlage bei der kommenden Landtagswahl für 180-Grad-Wendungen bei der CDU in Sachsen bewirkt". Wenn Kretschmer es ernst meine, solle er noch vor der Wahl das Gespräch mit Grünen, Linken und SPD suchen - gäbe es doch zusammen eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die nötige Verfassungsänderung.

Sachsens SPD-Generalsekretär Henning Homann sagte, Kretschmers Vorstoß greife "eindeutig zu kurz". FDP-Landeschef Holger Zastrow sprach von einem "Direkte-Demokratie-Placebo". Ein "Volkseinwand" nach Kretschmers Modell würde kaum zum Kippen des Gesetzes führen, blieben die Mehrheitsverhältnisse im Landtag doch unverändert. Auch Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz äußerte sich kritisch. "Keine gute Idee", twitterte er. "Gesetzgebungsverfahren dauern noch viele Monate länger als jetzt. Neinsagen ist immer leichter, als Lösungen vorzuschlagen. Muss man nicht noch ermutigen."

Kommentar: Reines Vetorecht

Immerhin ist Michael Kretschmer der erste CDU-Chef in Sachsen, der die Hürden der Volksgesetzgebung als "zu hoch" bezeichnet. Dass es so ist, liegt übrigens nur an einer Partei - da alle anderen schon lange für eine Absenkung sind, ohne die CDU aber nie eine Zweidrittelmehrheit für die Verfassungsänderung zustande kam. Aber das ist Geschichte, und nach der Wahl am 1. September könnte der CDU die Sperrminorität fehlen.

Wer wie Kretschmer die bisherigen Hürden für zu hoch hält, gibt mit dem "Volkseinwand"-Modell allerdings nicht die richtige Antwort.

Zum einen nicht, weil es nur beschlossene Gesetze des Landtags betrifft. Der Gestaltungsspielraum der Bürger würde sich also auf ein reines Vetorecht gegen ein in der Regel von der Regierungsmehrheit im Landtag durchgeboxtes Gesetz beschränken - aktive Teilhabe sieht anders aus.

Zum anderen nicht, weil die von Kretschmer als Unterschriften-Quorum genannten fünf Prozent der Wahlberechtigten immer noch gut 165.000 Sachsen wären. Wennschon, dennschon: Bisher sind (schwierig genug) 40.000 Unterschriften für einen Volksantrag nötig, um mit eigenem Gesetzentwurf im Landtag zu landen. Warum sollen es als Voraussetzung für eine Veto-Volksabstimmung viermal so viel sein? Wer die Hürden "zu hoch" nennt, der muss sie absenken.

Bewertung des Artikels: Ø 3.8 Sterne bei 6 Bewertungen
12Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    Interessierte
    28.06.2019

    Der Herr Vorländer war aber gestern sehr verärgert um 21.45 , oder hat er Recht ?
    Dazu kam auch gestern ein Beitrag um 14.18
    https://www.mdr.de/mediathek/radio/mdr-aktuell/mdr-aktuell-radio-zum-nachhoeren-100.html#

    Und im Monitor ging es wieder um die Revolution Chemnitz
    Und der Rechtsextremismus ist heute so stark wie nie zuvor .
    Da fragt man sich , woran das nur liegen muß , da sollte man mal nach den Ursachen suchen .
    Und die neuen Polizeianwärter stehen da wie früher in der DDR und bei den Russen die Armee

  • 3
    1
    Zeitungss
    27.06.2019

    @ralf66: Keine Sorge, am Wahlsonntag 18.01Uhr spricht darüber kein Mensch mehr und der MP gleich garnicht, wetten ??? Bis zur Wahl werden noch einige angedachte "Neuerungen" ohne Bestand angekündigt, der Bürger sollte dieses Verfahren inzwischen kennen.

  • 3
    6
    Distelblüte
    27.06.2019

    @Interessierte: Ich werde Gott auf Knien bitten, dass es niemals dazu kommt, dass Sie überGesetzesvorlagen mitentscheiden.
    Gern geschehen.

  • 4
    6
    Interessierte
    27.06.2019

    Das finde ich mal eine gute und vernünftige Idee , denn ´für das Volk` regieren die doch , aber ich kann mir gut vorstellen , dass das vielen nicht paßt , wenn man nicht mehr machen kann , was man will und über die Köpfe hinweg regieren will ...

  • 5
    3
    Tauchsieder
    27.06.2019

    Mal sehen, was noch so für F...ideen bis zum 1. September steigen gelassen werden. Dümmer geht immer.

  • 17
    7
    ralf66
    26.06.2019

    Jedesmal vor Wahlen wenn die regierende Partei merkt es läuft nicht so mit den Wählerstimmen kommen Vorschläge eine bessere Politik zu machen oder wie hier jetzt, die Menschen in politischen Entscheidungen mit einzubinden. Solche Sachen muss man einmal zum Anfang einer Legislaturperiode bringen und nicht vor Wahlen wo dann keiner weiß, ist das Propaganda oder wird es auch irgendwann zur Umsetzung kommen.

  • 19
    1
    MuellerF
    26.06.2019

    Problematisch an dieser Idee ist, dass nach einem Veto unklar wäre, WELCHE Veränderungen denn am abgestimmten Gesetz gemacht werden müssten, um Zustimmung zu erreichen. Nur "Nein" sagen ist zu einfach, man sollte schon klar machen, was & wie man es erreichen möchte.

  • 10
    5
    franzudo2013
    26.06.2019

    Halbherzig. Wichtiger wären klare Signale für eine funktionierende Demokratie. Das wären; Amtszeitbegrenzung auf 2 Wahlperioden, Direktwahl des Ministerpräsidenten und ein Mehrheitswahlrecht. Trotzdem ist die Tendenz zur Basisdemokratie zu begrüßen.

  • 7
    6
    Nixnuzz
    26.06.2019

    Als ich diesen Artikel gesehen habe, hatte ich - pardon - erstmal Atembeschwerden. Erster Gedanke: "Wir sind das Volk!" Ab welcher DNA-Sequenz gilt jemand als stimmberechtigter Sachse? Ansonsten sind mir Bürgerbeteiligungen an der Gesetzgebung willkommen - wenn die im Rahmen des GG sauber abgehalten werden.
    Nur mal als Nachdenk-Ansatz: In NRW als Migrantenkind mit Flüchtlingsausweis geboren und als Rentner (freiwillig und erwartungsvoll!) ins Erzgebirge "migriert" - welches Ausschluss-Kriterium würde ich als hiesiger Bürger somit zur Teilnahme einer Abstimmung als "Nicht-Sachse" ( noch schlimmer: Nicht-Erzgebirger!) erfüllen?

  • 16
    8
    OlafF
    26.06.2019

    Na, zu viel Angst vor zuviel direkter Demokratie ? Sich schon einmal gefragt, warum sich grosse Teile des Volkes Alternativen sucht und sich viele von den sogenannten Altparteien unzureichend vertreten fühlen. Für die grundlegenden Entscheidung braucht es breite Unterstützung und mehrheitliche Entscheidungen, die wird es zukünftig kaum in den Parlamenten geben...Kennen Sie die Entstehunsursachen für PEGIDA&Co? Patzelt hat sie zumindest versucht zu verstehen!

  • 12
    12
    Distelblüte
    26.06.2019

    @DTRFC2005: Der Vorschlag wurde ja auch von Patzelt eingeflüstert.
    Er klingt scheinbar nach mehr "direkter Demokratie", führt wohl aber eher dazu, dass die parlamentarische Demokratie gebremst wird.

    Ruprecht Polenz, CDU, schrieb dazu bei Twitter: "Keine gute Idee. Das Parlament wird geschwächt. Gesetzgebungsverfahren dauern noch viele Monate länger als jetzt. Nein-Sagen ist immer leichter, als Lösungen vorzuschlagen. Muss man nicht noch ermutigen."

  • 11
    8
    DTRFC2005
    26.06.2019

    Dieser VORSCHLAG ist nicht sehr zielführend. Wenn man jedes mal erst Volkesstimme abwarten muss, werden zu guter letzt kaum noch Gesetze innerhalb der 5 Jahre von einer Wahl zur anderen verabschiedet werden können oder deren Umsetzung verzögert sich enorm. Das klingt mir sehr danach, der AFD nach dem Munde zu reden.



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