Landtagswahl 2019: Der Kampf um jeden Straßenzug

Sachsens CDU muss 2019 um ihre Vormachtstellung fürchten. Eine App soll das verhindern helfen. Doch das Rennen in vielen Wahlkreisen wird wohl so knapp wie nie.

Dresden.

300 CDU-Mitglieder werden an diesem Samstag im Freistaat ausschwärmen und an Haustüren klopfen. Die Aktion "Mit Herzblut für Sachsen" ist seit Wochen vorbereitet und geplant. Sie soll formal ein Dankeschön für Ehrenamtler sein, an deren Engagement die CDU erinnern will. Wer möchte, kann auch eine Art Geschenk für seinen Verein ordern. Doch dem Vorhaben wird nicht nur deswegen in der Dresdner Parteizentrale viel Bedeutung beigemessen. Die Kampagne ist für die sächsische CDU ein Vorgeschmack auf das, was erst im kommenden Jahr volle Kraft entfalten soll: die Verschränkung des klassischen Haustür-Wahlkampfs mit digitalen Möglichkeiten.

"Haustür-Wahlkampf wirkt", sagt Generalsekretär Alexander Dierks. "Das zeigen die Erfahrungen aus den Wahlkämpfen des vergangenen Jahres ganz deutlich." Am Ende können diese Gespräche möglicherweise ein paar Prozentpunkte ausmachen, auf die die Union unter Umständen 2019 in Sachsen angewiesen ist. Die AfD drängt darauf, die stärkste Kraft im Freistaat zu werden. Selbst einige Unionsleute wollen momentan nicht wetten, an welcher Position ihre Partei zu guter Letzt landet. Die CDU-Spitze will da nichts unversucht lassen, gegen diese Verdrossenheit anzukämpfen. "Bei unseren Veranstaltungen und bei den Gesprächen, die Ministerpräsident Michael Kretschmer derzeit überall im Land führt, zeigt sich, dass die direkte Kommunikation mit den Bürgern auf Augenhöhe der richtige Weg ist", sagt Dierks. "Wir wollen deshalb unseren Haustür-Wahlkampf weiter professionalisieren, um noch mehr damit zu erreichen."

Im Mittelpunkt steht dabei eine Smartphone-App mit schlichtem Namen: "Connect". Die Idee dahinter ist einfach: Wahlkämpfer der CDU gehen - wie im klassischen Wahlkampf - von Tür zu Tür, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Anschließend bilanzieren sie per App den Dialog: Was hatte ihr Gesprächspartner für eine Meinung von der CDU? Um welches Thema drehte sich das Gespräch? Wie alt war ihr Gegenüber? War es ein Mann oder eine Frau? Die anonymen Daten fließen nach dem Speichern in einen Pool, der nur in der Wahlkampfzentrale eingesehen werden kann. Am Ende können die CDU-Strategen nachvollziehen, in welchen Straßen ihre Teams unterwegs waren und auf welches Feedback sie stießen. Datenschutzrechtlich ist das gestattet: Erst ab sechs Gesprächen wird ein Straßenzug in den Pool aufgenommen. Zudem ist nie ersichtlich, hinter welcher Haustür ein potenzieller CDU-Wähler wohnt: Es werden nur Werte für die gesamte Straße ausgegeben.

Schon bisher arbeiteten viele Parteien mit Wählerpotenzial-Analysen. Dabei wird anhand von sozio-ökonomischen Faktoren - beispielsweise dem Einkommen - bestimmt, in welchem Viertel wohl die Wähler einer Partei sitzen. Verknappt ausgedrückt, ist eine Grundannahme dabei: In einer Plattenbausiedlung wohnen eher Linken- und SPD-Sympathisanten. Im Vorort mit Einfamilienhäusern wählt man lieber CDU oder FDP. Der Reiz liegt jetzt aber in der Verknüpfung dieser Daten mit der "Connect"-App.

"Wir wollen die Stimmung möglichst regional aufgreifen und darauf reagieren", sagt Dierks. Anders gesagt: Die CDU kann dank der App herausfinden, ob die Potenzialanalyse tatsächlich der Stimmung der Leute in einem Viertel entspricht. Kein unwichtiger Faktor bei der Landtagswahl, bei der die CDU vielleicht zum ersten Mal in Größenordnungen Direktmandate in den Wahlkreisen verlieren könnte (siehe Text unten).

Die Bundespartei hat "Connect" bereits zum Bundestagswahlkampf eingesetzt. Auch die Landesverbände im Saarland und in Nordrhein-Westfalen verwendeten das Programm im vergangenen Jahr bei den Landtagswahlen. Die Union konnte dort überraschend klar die Urnengänge für sich entscheiden. Beobachter führten dies nicht zuletzt auf die App zurück. In Sachsen war man allerdings skeptisch: Im Bundestagswahlkampf nutzten die wenigsten Direktkandidaten die digitale Unterstützung. Voll dabei waren nur Marco Wanderwitz im Erzgebirge und Yvonne Magwas im Vogtland. Sie nahmen die Hilfe dankend an.

Nun hat Kretschmer, der auch CDU-Landesvorsitzender ist, seiner Partei eine digitale Auffrischung verordnet. Schließlich verlor er bei der Bundestagswahl überraschend seinen Wahlkreis an den AfD-Herausforderer. In der Union ist seitdem wahrnehmbar, dass neue Wahlkampfstrategien eine höhere Bedeutung haben. Conrad Clemens, der im Bundestagswahlkampf der leitende Kopf hinter "Connect" war, ist mittlerweile Landesgeschäftsführer der CDU. David Kockerols, der ebenfalls bei der Kampagne arbeitete und die Landtagswahlkämpfe im Saarland und NRW betreute, kümmert sich um die Online-Aktivitäten der sächsischen Union.

"Mit Herzblut für Sachsen" ist da ein entscheidender Baustein: Die Helfer sollen lernen, mit der App umzugehen. "Die Haustürgespräche dauern wenige Minuten. Es geht dabei nicht darum, die Menschen zu nerven, sondern darum, Anliegen aufzunehmen und Informationsmaterial zu übergeben", sagt Clemens. Ebenso wichtig sei aber, dass die Partei den Erfolg sehe. Deswegen hat die App für die Unterstützer auch eine spielerische Komponente: Sie erhalten 200 Punkte pro eingetragenem Gespräch und können sich mithilfe einer Rangliste messen, wer der fleißigste Wahlkämpfer ist. "Am Ende zahlte es sich aus", so Clemens. "Wir hatten bei der Bundestagswahl zum Schluss 1,3 Millionen Haustürgespräche."

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