Mars landet in Freiberg - einer, der nach Sachsen gehört

In der Begräbniskapelle des Freiberger Doms fand auch Sachsens Kurfürst Christian I. 1591 seine Ruhestätte. Eines der kostbarsten Geschenke zu seinem Amtsantritt kehrt jetzt für kurze Zeit in die Bergstadt zurück. Die Geschichte klingt unglaublich.

Freiberg.

Andrea Riedel strahlt über das ganze Gesicht und kann das Bevorstehende immer noch nicht ganz fassen. Ein Jahr nach ihrer Berufung bekommt die Direktorin des Freiberger Stadt- und Bergbaumuseums in der nächsten Woche unter riesigen Sicherheitsvorkehrungen die vermutlich kostbarste Lieferung ihres Lebens in das geschichtsträchtige Haus vis-à-vis des Doms. Das Objekt, um das sie nicht nur die Kunstszene in Sachsen beneidet, ist gerade einmal 40 Zentimeter groß und aus Bronze.

Die Plastik ist so fein gearbeitet, dass man meinen könnte, ein Holzbildhauer hat sämtliche Locken, jedes Barthaar und jeden Muskel des stattlichen Mannes geformt. Es ist nicht irgendein athletischer Typ. Der Mann ist Mars - einer der zentralen Götter in der antiken römischen Religion. Ab 24. Januar kann man ihn für neun Wochen in Freiberg bewundern. Dass er knapp 432 Jahre nach seiner Erschaffung in der Werkstatt des italienischen Künstlers Giambologna nach Sachsen zurückkommt und dann auch noch zuerst in Freiberg gezeigt wird, ist kein Zufall.

Als Kurfürst Christian I. nach dem Tod seines Vaters August 1587 in Dresden die Regierungsgeschäfte übernahm, sandte der toskanische Großherzog Francesco I. de' Medici kostbare Geschenke aus Florenz nach Dresden, darunter drei Kleinbronzen seines Hofbildhauers Giambologna. Der wiederum legte als privates Geschenk den Mars bei, dessen heroische Haltung die Kraft des Herrschers verkörpern soll.

"Die vier Arbeiten wanderten um 1605 ins Grüne Gewölbe, also in die Kunstkammer der Wettiner", sagt die Freiberger Museumschefin Riedel. Im Streit um die Fürstenenteignung in der Weimarer Republik bekam der Familienverein "Haus Wettin" 1924 den "Dresdner Mars" zurück, er blieb bis 1988 in Privatbesitz. In jenem Jahr wurde er dann dem Bayer-Konzern in Leverkusen geschenkt. Der beschloss schließlich im vergangenen Jahr, die Statue im Londoner Auktionshaus Sotheby's versteigern zu lassen.

Das löste heftige Proteste in der Kunstwelt aus. Auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) setzten alles daran, den "Dresdner Mars" ins Grüne Gewölbe zurückzuholen. Durch das gemeinschaftliche Engagement mehrerer Geldgeber, konnte schließlich der Konzern überzeugt werden, den Auktionsauftrag bei Sotheby's quasi in letzter Minute zurückzunehmen und die Figur direkt nach Dresden zu verkaufen. Über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart.

Zuvor war der Konzern jedoch heftig von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kritisiert worden. Sie hatte an die "gesamtgesellschaftliche Verantwortung" appelliert, Kunst im Land zu lassen. Grütters stellte aus ihrem Etat für den Ankauf allein eine Million Euro bereit. Weiteres Geld gaben das Land Sachsen, die Siemens Kunststiftung, die Kulturstiftung der Länder und der Freundeskreis der SKD.

Doch allein damit schließt sich noch nicht der Kreis. Schon kurz nach der Übergabe des Fürstengeschenks reiste der sächsische Hofarchitekt Giovanni Maria Nosseni, der die Grabkapelle im Freiberger Dom entworfen hatte, in Christians Auftrag nach Italien, um Künstler für Dresden zu begeistern, vor allem erfahrene Bronzebildner, von denen es nur wenige gab. Er konnte zwar nicht Giambologna gewinnen, aber seinen Schüler Carlo di Cesare del Palagio. Der wiederum schuf von 1590 bis 1593 für die prachtvolle Grabkapelle im Freiberger Dom unter anderem 13 lebensgroße Bronzefiguren, deren Fertigstellung Christian jedoch nicht mehr erlebte. Er starb 1591 und wurde im Dom, wo auch sein Vater liegt, bestattet.

Die Grablege im Dom, die dem Freistaat gehört, können Besucher normalerweise nicht besichtigen. "Im Rahmen der Mars-Präsentation im Bergbaumuseum können sie aber mit einem Kombiticket Einblick erhalten", verspricht Kulturamtsleiterin Anja Fiedler. Sie nennt es einen großen Glücksfall, dass der Mars, bevor er ab Dezember in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden einen festen Platz bekommt, noch kurz auf Reisen durch Sachsen geht. "Da der Mars den Anstoß gab für die Ausstattung der Grablege im Dom, ist es kein Zufall, dass Freiberg die erste Station ist", erklärt Andrea Riedel.

Für die Staatlichen Kunstsammlungen gehört die Grablege "zu den herausragenden Beispielen fürstlicher Grabkapellen in Europa". Sie rangiere auf einer Stufe mit dem Grabmal für Kaiser Maximilian I. in der Hofkirche Innsbruck und mit Grabmälern für Kaiser Karl V. und König Philipp II. im spanischen Escorial, sagen Experten.

Der "Dresdner Mars" ist vom 24. Januar bis 31. März im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg Am Dom 1 zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.

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