Mein süßes Leben ohne Besitz

Roman Israel kommt mit weniger Geld aus als ein Hartz-IV-Empfänger. Der Sachse lebt minimalistisch und gewinnt dadurch viel.

Vieles im Leben ist verzichtbar, nicht aber ein scharfes Küchenmesser und ein internetfähiges Gerät. Das ist nur eine Erkenntnis von Roman Israel (39), der vor drei Jahren einen Großteil seiner Besitztümer aufgab. Seine Erfahrungen hat der gebürtige Oberlausitzer jetzt in einem Büchlein zusammengefasst. Im Interview mit Andreas Rentsch erklärt der freiberufliche Schriftsteller, wie und warum er minimalistisch lebt.

Freie Presse: Wie wurden Sie zum Minimalisten?

Roman Israel: Begonnen hat alles 2016 in Leipzig. Ich besaß zu der Zeit noch eine Menge Zeug. Dann starb im Haus eine Nachbarin. Die war total allein. Als die Wohnung geräumt wurde, haben ihre Kinder alle ihre Habseligkeiten in einen Container geworfen. Da habe ich mir gedacht: Wenn am Lebensende alles weggeworfen wird, was man jemals besessen hat, warum soll ich dann überhaupt etwas ansammeln? Ich besitze es ja nicht wirklich. Also habe ich angefangen mit dem Ausrümpeln.

Was haben Sie zuerst weggetan?

Alle gelesenen Bücher, die es auch in Bibliotheken gibt. Als nächstes: Möbel. In Leipzig stellt man die einfach vor die Tür, jemand nimmt sie dann mit. Vieles habe ich über Ebay verkauft. Als ich dann gefragt wurde, ob ich für eine Weile nach Berlin ziehen möchte, hatte ich schon so viel weggeworfen, dass es mir nicht schwergefallen ist, auch noch den Rest aufzugeben.

War Ihr Ziel, die verbliebenen Habseligkeiten in einen Koffer zu bekommen?

Nein. Denn ich habe meine Wohnung untervermietet. Da sind Leute eingezogen, die möbliert wohnen wollten. Als ich dann eine Weile in Berlin war, habe ich gar nicht mehr an die übrigen Möbel gedacht. Irgendwann habe ich den Rest auch noch weggetan - und die Wohnung ganz aufgegeben. Seitdem lebe ich als Nomade.

Das erste Kapitel im Buch heißt "Was noch meins ist". Was sind das für Gegenstände?

Klamotten, Koffer, Rucksack, Umhängetasche, ein Laptop und ein Handy, Schlafsack, ein Regenschirm, Kulturbeutel mit Inhalt und ein Nähset, außerdem ein Holzkochlöffel, ein Kartoffelschäler und ein scharfes Küchenmesser. Letzteres ist wichtig, weil ich immer wieder in Haushalte komme, in denen ein scharfes Küchenmesser fehlt.

Worauf können Sie - bei allem Minimalismus - auf keinen Fall verzichten?

Auf den Laptop und das Handy - weil darüber heutzutage alles läuft.

Es gibt Minimalisten, die sagen, man solle sich auf hundert Gegenstände beschränken. Ist das Ihr Konzept?

Nein, da bin ich undogmatisch. Belastet mich ein Gegenstand, kommt er weg. Was ich besitze, ist in meinem Kopf: Geschichten, Erinnerungen, schöne Erlebnisse. Materielles ist wie ein Klotz am Bein. Man braucht viele Sachen nicht. Man kann doch immer nur ein Hemd und ein Jackett anziehen. Wozu dann diese Auswahl?

Weil man sich immer wieder mal was kauft - um des Kaufens willen? Oder um sich für etwas zu belohnen?

Das Geld würde ich lieber in eine schöne Erinnerung stecken. Essen gehen oder dorthin reisen, wo man sonst nicht hinkommt. Ich schwelge nicht im Luxus und möchte das auch nicht.

Was ist Luxus für Sie?

Wenn ich ICE statt Flixbus fahren kann.

Wie lebt es sich ohne Auto?

Gut, zumindest in der Großstadt. Ich habe aber seit 2016 auch mehrmals auf dem Land gewohnt, wo ich teilweise eine Stunde zum Bahnhof laufen musste. Da ist ein Auto schon praktischer. Man muss ja alles, was man isst, ranschaffen. Ich bin da mit dem Rucksack los und musste überlegen: Brauche ich Milch zum Kaffee? Oder reicht Pulver? Brauche ich Mineralwasser? Die Antwort ist: natürlich nicht. Man kann Wasser auch aus dem Hahn trinken. In Städten ist es aber schon besser ohne Auto.

Was ist mit einem Fahrrad?

Auch nicht unpraktisch. Aber wenn man in Berlin lebt, hat man das nicht lange. Ich habe seinerzeit eine Schrottmühle mitgenommen und dachte, die will niemand haben. Nach einem Monat wurde das Rad aus dem Hinterhof geklaut. Da dachte ich mir: Läufst du halt alles und fährst den Rest mit der S-Bahn. Ich laufe gern im Zickzack durch die Städte, um jedes Viertel kennenzulernen. Am Ende kenne ich die Stadt besser als die Einheimischen.

Wie oft sind Sie umgezogen, wenn Sie alle Ihre Ortswechsel addieren?

2018 habe ich achtmal den Ort gewechselt, im Jahr zuvor siebenmal. Es kommt immer darauf an, was sich gerade ergibt. Ich forciere nichts. Wenn ich im Jahr nur dreimal umziehe, ist es auch okay. Ich arbeite keine Liste ab, sondern kann mich treiben lassen.

Sie haben aber einen gewissen Radius, in dem Sie sich bewegen?

Das kommt daher, dass ich auf Lesebühnen in Dresden, Leipzig und Berlin auftrete.

Was ist Heimat für Sie?

Ein Gefühl im Kopf. Im Buch steht: "Ein Geflecht von miteinander verbundenen Orten". Im Prinzip fahre ich mindestens einmal im Monat das Dreieck Leipzig-Berlin-Dresden ab. Das ist wie ein Ort für mich.

Wohin geht Ihre Post, wenn Sie immer wieder umziehen?

Zu meinen Eltern in die Oberlausitz. Die können die Briefe öffnen und mir sagen, ob es was Wichtiges ist oder nicht. Bei Bedarf senden sie mir eine Mail mit einem Scan. Dann kann ich reagieren.

Von wie viel Geld leben Sie?

Das ist sehr unterschiedlich. Mal habe ich als Schriftsteller ein Stipendium, mal nur Lesungen. Ich lebe auf jeden Fall von viel weniger Geld als ein Hartz-IV-Empfänger. Wenn es irgendwie geht, reise ich per Flixbus, um so viel wie möglich zu sparen. Auch beim Essen versuche ich zu sparen.

Wie?

Ich versuche immer nur das zu kaufen, was ich aufbrauchen kann oder vermeide es, etwas anzusammeln. Fleisch esse ich nicht mehr, weil das zu teuer ist. In Berlin habe ich seinerzeit mit Biertrinken aufgehört. Ich habe das mal ausgerechnet und ein jährliches Einsparpotenzial in Höhe einer ganzen Monatsmiete ermittelt. Inzwischen trinke ich aber hin und wieder mal was.

Klingt alles ziemlich asketisch.

Man muss es ein bisschen in sich drin haben. Ich war schon immer ein Sparfuchs. Einkaufen zu gehen, hat mir noch nie Spaß gemacht. Es langweilt mich eher. Ich kann aber verstehen, wenn es anderen Menschen anders geht. Ich denke, ich habe Glück. Sonst könnte ich gar nicht so leben.

Was bekommen Sie im Gegenzug?

Ich kann jederzeit aufbrechen, bin niemandem verpflichtet, kann arbeiten, wann ich und so viel ich will.

Leben Sie in einer Beziehung?

Ja. Meine Partnerin habe ich aber erst kennengelernt, als ich schon Nomade war. Sie weiß das zu schätzen. Anders wäre es nicht möglich. Man kann nicht erst zusammenleben und dann aus diesem Miteinander ausbrechen. So aber ist es möglich - weil ich von Anfang an gesagt habe, dass dies mein Lebensstil ist.

Wie oft hat Ihnen jemand gesagt, Sie müssten doch an die Zukunft denken?

Öfter. Es ist schon so: Wenn man ein Sicherheitsmensch ist, kann man so nicht an die Zukunft denken. Meine Zukunft ist morgen oder nächste Woche, weiter kann ich nicht planen. Ich lasse alles auf mich zukommen. Das ist aber auch schön. Du kannst jeden Tag vom Auto überfahren werden, da kannst Du bis zur Rente geplant haben, es nützt dir nichts. Bis zu dem Moment, da du überfahren wirst, musst Du sagen können: Ich habe alles in meinem Leben getan, was ich tun wollte - oder aber die wichtigsten Dinge zumindest anvisiert.

Was raten Sie Leuten, die Ihren Lebensentwurf zu radikal finden, aber dennoch weg vom Materialismus wollen?

Man muss Dinge, die man seit Jahren nicht mehr benutzt hat, ja nicht wegwerfen, sondern kann sie bei Ebay-Kleinanzeigen einstellen - oder verschenken. Man sollte sich immer fragen: Brauche ich das wirklich? Kann ich das alles jemals benutzen?

Am Ende des Buchs deuten Sie an, dass Sie inzwischen nicht mehr ganz so nomadisch leben wie am Anfang. Werden Sie womöglich wieder sesshaft?

Ich habe in der Tat wieder ein Zimmer in Leipzig, mit Matratze und Schrank. Den habe ich auf der Straße gefunden - also quasi geborgt. Der Raum ist praktisch: Wenn man so lange unterwegs ist wie ich, möchte man doch auch mal ein bisschen Privatsphäre. Die gibt es manchmal nicht, wenn man bei anderen Leuten wohnt.

Buchtipp:

Roman Israel, Minimal ist besser - Vom süßen Leben ohne Besitz. Mikrotext, 83 S. (E-Book), 3,99 Euro

www.romanisrael.de

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