Merkel in Sachsen: Szenen einer schwierigen Beziehung

Bei ihrem Besuch im Freistaat schlägt der Kanzlerin wieder Hass entgegen. Dennoch spricht sie am Ende von Liebe und Zuneigung.

Dresden/Neukirch.

So hohen Besuch haben die Einwohner von Neukirch in der Oberlausitz eher selten - und deswegen stehen zwei Dutzend Leute in Wurfweite vom Hubschrauber der Luftwaffe und entlang des Firmengeländes von Trumpf. Sie wollen ein Bild von Bundeskanzlerin Angela Merkel erhaschen, die mit Ministerpräsident Michael Kretschmer dem Maschinenbauer eine Visite abstattet. Sachsen, das ist der Plan der Organisatoren, soll sich hier von seiner modernen Seite und als innovatives Land zeigen. Soll der Kanzlerin einen warmen Empfang bereiten. Denn die Kanzlerin und der Freistaat - das war zuletzt nicht gerade eine Liebesgeschichte.

Merkel dürfte zumindest für einen Teil der Sachsen die unbeliebteste Politikerin sein: Pegida rückt sie gerne in eine Reihe mit Despoten. "Merkel muss weg", ist ein oft gehörter Schlachtruf bei vielen Demonstrationen. Und nirgendwo sonst haben die Wähler der Kanzlerin einen solchen Denkzettel bei der Bundestagswahl verpasst wie hier. Die CDU, die Partei, die sie als Vorsitzende führt, musste der AfD den Vortritt in der Wählergunst lassen.

Merkel weiß, dass ihr Besuch deswegen etwas Besonderes ist. Das ist auch bei Trumpf zu spüren. Merkel trifft nach einem kurzen Rundgang in einer großen Halle die Mitarbeiter zum Gespräch. Die Fragen sind nicht abgesprochen, jeder Einwurf ist erlaubt. Schnell ist man beim Thema AfD. Merkel setzt zu einer etwas längeren Antwort an: Es sei eine "gute Entwicklung", dass Deutschland eine offene Gesellschaft sei, in der jeder seine Meinung sagen könne, sagt sie. "Ich bin aber dafür, dass eine Gesellschaft das richtige Maß finden muss zwischen ,Wie viel meiner eigenen Meinung kann ich durchsetzen?' und ,Wie viel Kompromiss muss ich ertragen, damit aber auch überhaupt etwas gemeinsam beschlossen wird?'" Bei 80 Millionen sei es mitunter schwer, eine gemeinsame Lösung zu finden. Und dann sagt Merkel wie nebenbei: "Die Sachsen sind ja auch noch besonders eigenständig."

Eine knappe Stunde später hat man eine Ahnung, was Merkel damit meinen könnte: Während bei ihrer Ankunft bei Trumpf ein älteres Paar mit Trillerpfeifen stören wollte, sind es in Dresden gegenüber dem Landtag etwa 300 Menschen, die "Merkel muss weg" und "Hier regiert die AfD" skandieren. Die Partei und Pegida hatten zur Demonstration gegen den Gast aus Berlin geladen. Die AfD-Fraktion lässt ein Plakat mit der Aufschrift "Kretschmer und Merkel vereint gegen Deutschland" aus ihren Büroräumen hängen, was schließlich unterbunden wird, weil es nicht den Gepflogenheiten des Landtags entspricht. Lärm ertönt, als die Kanzlerin mit der Limousine vorfährt. Pfiffe, Rufe, Tröten, Grölen. Auch zwei Ampullen Buttersäure sind kurz zuvor geworfen worden, ohne allerdings viel Schaden anzurichten oder auch nur in die Nähe von Merkel zu kommen.

Nah ran kommen an diesem Tag nur die CDU-Landtagsabgeordneten - und haben sich dieses Merkel-Event auch selbst beschert. Als ihr Fraktionschef Frank Kupfer davon gehört habe, dass Merkel nach der Bundestagswahl im CDU-Bundesvorstand gesagt habe, sie würde sogar mal zu den "kritischen Sachsen" kommen, habe er sie prompt eingeladen - und Merkel hat zugesagt.

Und so steht sie den CDU-Parlamentariern zunächst intern für anderthalb Stunden im Fraktionssaal Rede und Antwort. Offen und ehrlich sei es zugegangen, heißt es hinterher von Abgeordneten. Sie fragen nach allerhand Themen; sogar Merkels politische Zukunft - die nach Überzeugung mancher CDU-Abgeordneter auch Einfluss auf die Landtagswahl 2019 und damit auf die eigene Karriere hat - wird angesprochen. Die Kanzlerin soll sinngemäß erwidert haben, dass mit ihrem Abgang ja nicht auch noch die Flüchtlinge verschwänden.

Beim Termin vor der Presse ist ihr Amtsverbleib genauso wenig Thema wie die Debatte um CDU-Linke-Bündnisse. Merkel verrät, dass man auch über den Umgang mit dem Wolf gesprochen habe. Dessen "Jagdbarkeit" müsse dort, wo es nötig sei, "auch realisiert" werden.

"Natürlich" sei auch über Migration geredet worden. "Gerade Rückführungen sind nach wie vor ein großes Problem"; bei der Beschaffung von Papieren wolle der Bund künftig mehr helfen und damit "mehr Verantwortung übernehmen". Das kommt auch bei Fraktionschef Kupfer gut an. Ihm ist noch der Hinweis wichtig, dass Merkel in der Fraktion "selbstkritisch" Fehler in der Flüchtlingspolitik eingestanden habe - nicht zum ersten Mal, aber es könnte noch öfter sein: "Die Wiederholung ist da die Mutter der Weisheit", mahnt Kupfer.

Und Merkel? Sie lächelt nur. Auch mit dem Hass, der ihr vor dem Landtag entgegenschlug, kann sie umgehen: "Dass es hier in Sachsen eine sehr kontroverse und auch emotionale Stimmung gibt, das weiß ich. Trotzdem wird das meine Liebe und Zuneigung zu Sachsen nicht schmälern."

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1Kommentare
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  • 9
    2
    cn3boj00
    17.08.2018

    Das allergrößte Problem der CDU - egal ob sie Merkel oder Kretschmar heißt - ist doch, dass man viel redet und wenig tut. Vor lauter Flüchtlingsgenache und Stimmungsmache in der Union hat man längst vergessen, dass es noch andere Dinge gibt, die eine Regierung endlich auch mal zu Ende bringen muss, egal ob Breitbandausbau, Energiewende oder die zunehmende soziale Spaltung. Immer nur versprechen und dann feststellen: oh wir sind ja gar nicht vorangekommen! Es fehlt nicht nur daran, Ziele zu benennen, es fehlt auch an der Kraft, Ziele zu erreichen.



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