Messerattacke von Chemnitz: Nachtsitzung im Döner-Laden

Im Fall der tödlichen Messerattacke von Chemnitz greift das Gericht zu einem außergewöhnlichen Mittel. Um die Aussagen des Hauptbelastungszeugen besser beurteilen zu können, wird eine Nachtschicht eingelegt.

Chemnitz (dpa) - Dominik Schulz ist seit 22 Jahren Richter. Eine Gerichtsverhandlung wie diese aber hat der Vizepräsident des Landgerichts Chemnitz noch nicht erlebt. Der 13. Verhandlungstag im Prozess zur tödlichen Messerattacke von Chemnitz im vorigen August ist eine Tatortbesichtigung und findet in der Nacht zum Donnerstag in einem Döner-Laden statt. «Das ist schon etwas Außergewöhnliches», sagt Schulz und wirkt dabei sehr aufgeweckt.

Um 22.00 Uhr am Mittwochabend schließt der Imbiss, der aufgrund einer Zeugenaussage ein wichtiger Schauplatz ist in dem Prozess, der ein Verbrechen mit weitreichenden Folgen juristisch aufarbeiten soll: Den Tod eines 35-jährigen Deutschen in den frühen Morgenstunden des 26. August 2018.

Tatverdächtig sind der 23 Jahre alte Angeklagte aus Syrien sowie ein Iraker, der auf der Flucht ist und nach dem weltweit gefahndet wird. Nach der Tat war es in Chemnitz zu fremdenfeindlichen Übergriffen und rechten Demonstrationen sowie zu politischen Verwerfungen in der Großen Koalition in Berlin gekommen.

Die Schwurgerichtskammer hat den Ortstermin anberaumt. Dabei geht es für die Prozessbeteiligten darum, die Angaben des Hauptbelastungszeugen besser bewerten zu können. Der Libanese hatte ausgesagt, aus einem Fenster des Döner-Ladens das Tatgeschehen beobachtet und den Angeklagten dabei erkannt zu haben. Kann der 30-Jährige, der damals als Koch dort gearbeitet hat, aus dem Ausgabefenster das gesehen haben, was er ausgesagt hat?

Im Beisein des Angeklagten und unter Beobachtung zahlreicher Zuschauer verschaffen sich die Prozessparteien einen Eindruck über die Sichtverhältnisse, wie sie am Tattag in der Innenstadt von Chemnitz geherrscht haben könnten. «Es ist zu dieser Nachtzeit dieser Termin, weil ungefähr die Lichtverhältnisse so sind wie sie damals zur Tatzeit waren», sagt Gerichtssprecherin Marika Lang. Pünktlich mit Verhandlungsbeginn um 0.20 Uhr setzt - anders als in der fraglichen August-Nacht - beharrlicher Regen ein.

Angefangen mit der Vorsitzenden Richterin Simone Herberger werfen die Mitglieder der Kammer, Staatsanwalt und Nebenklagevertreter sowie die Verteidiger einen prüfenden Blick aus dem Fenster in Richtung des Tatorts, der geschätzt rund 40 bis 50 Meter entfernt ist. Weil eine moderne und helle Straßenlaterne genau diese Stelle gut beleuchtet, sind die fünf Komparsen dort gut zu sehen.

Unterdessen brodelt unter den Zaungästen aus dem Umfeld des Döner-Ladens die Gerüchteküche. Ein Mann behauptet, dass sich der mutmaßliche Haupttäter wohl in Frankreich aufhält. Ein anderer bringt Italien ins Spiel. Wieder ein anderer meint zu wissen, dass die Polizei den flüchtigen Iraker schon am Tatort befragt, aber nicht festgehalten hat.

Inmitten der Zuschauer verfolgt auch die damalige Lebensgefährtin des getöteten Daniel H. gemeinsam mit Freunden die Tatortbesichtigung. In der regnerischen Nacht an der Haltestelle gegenüber dem Tatort wird in der Gruppe die Rolle der Verteidigerin Ricarda Lang diskutiert und dass diese einst in der Gerichtsshow «Richter Alexander Hold» im TV-Sender Sat.1 mitgewirkt hatte.

Für die Tatortbesichtigung ist das Areal weiträumig abgesperrt worden. Zuschauer und Medienvertreter müssen sich strengen Kontrollen unterziehen. Insgesamt sind rund 20 Justizwachtmeister und etwa 100 Polizeibeamte im Einsatz. Nach nur rund einer halben Stunde ist alles schon vorbei. «Inwieweit das Ganze urteilsrelevant ist, kann man heute noch nicht sagen. Der Termin dient dazu, um die Beweiswürdigung später gut vornehmen zu können», sagt Gerichtssprecherin Lang.

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