Minister Dulig im Undercover-Einsatz auf der Baustelle

Sachsens SPD befindet sich in einem Umfragetief. Um die Menschen zu erreichen, packt ihr Chef Martin Dulig gern mal einen Tag lang an - von Toiletten putzen bis hin zur Arbeit unter Tage.

Dresden (dpa/sn) - «Ich bin der Martin» - so stellt sich Sachsens stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) vor, wenn er für sein Projekt «Deine Arbeit, meine Arbeit» unterwegs ist. Bis zur Mittagspause dauert es meist. «Dann hat meine Anwesenheit die Runde gemacht», berichtet Dulig. Seit anderthalb Jahren besucht er - soweit es geht inkognito - Betriebe in Sachsen und arbeitet für acht Stunden mit. Gut ein Dutzend Einsätze hat er hinter sich: Flugzeuge beladen am Airport Leipzig/Halle, Dachdecken, Aushelfen im Pflegeheim oder als Bergmann unter Tage.

Zwar sei er als Wirtschaftsminister oft zu Besuch in Betrieben - die er aber dann aus Sicht der Unternehmer erlebe. «Um mitzubekommen, wie vielfältig Arbeit ist - wie schwer, einfach, frustrierend oder erfüllend - das geht nur, indem man wirklich in die Arbeitswelt eintaucht.» Dulig tritt bei seinen Einsätzen als Praktikant oder Leiharbeiter auf, lässt sich in Listen gern als «Martin Schmidt» führen. Im Blaumann erkennen ihn die meisten nicht. «Die Leute kennen mich ja nur im Anzug, sie erwarten mich schlichtweg nicht.» So sei es leichter, ins Gespräch zu kommen. Wird er gefragt, verleugnet er seine wahre Identität schon mal.

Dulig macht gern mit ungewöhnlichen Aktionen von sich reden. So tourt er seit Jahren mit seinem Küchentisch durchs Land, an den er Menschen zum Reden einlädt. Mit seinen Arbeitseinsätzen will er zeigen, dass er anpacken kann. «Dass die Leute sagen, den will ich in der Regierung behalten.» Es gehe um Nähe und Glaubwürdigkeit. «Wir brechen das Politikerbild, das viele haben», meint er.

Am 1. September wählt Sachsen ein neues Landesparlament, jüngste Umfragen sehen die SPD gerade einmal bei neun Prozent. Für die Fortführung einer Koalition mit der CDU stehen die Zeichen schlecht. Dass die Partei bei Umfragen auch schon bei sieben Prozent lag, schreibt Dulig vor allem den Querelen in der Bundespartei zu. Sein Ziel: Das Ergebnis von 2014 zumindest zu halten: Bei der Landtagswahl vor fünf Jahren kam die SPD auf 12,4 Prozent.

Für die Straßenbahnmeisterei hat Dulig einen Tag lang Raststätten an der Autobahn gesäubert, Müll eingesammelt und die Toiletten geputzt. Der härteste Einsatz war in einem AWO-Pflegeheim in Dresden. «Dort bin ich an meine Grenzen gekommen, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.» Während ein Tarifvertrag für Pflegende schon lange zu den SPD-Forderungen gehört, kommen durch die Einsätze auch neue Themen auf die Agenda - etwa neue Technik am Flughafen Leipzig/Halle, wo zum Teil mit über 20 Jahre alten Förderbändern gearbeitet wird. Als Mitglied im Verwaltungsrat habe er bei der Investitionsentscheidung gut argumentieren können. «Ich wusste aus eigener Erfahrung, um was es geht und warum es nötig ist.»

Während des Wahlkampfes fährt Dulig seine Arbeitseinsätze zurück. Dafür gibt es in den nächsten Wochen ein anderes, öffentliches Projekt: Für ein paar Stunden können Betriebe den Minister unter dem Motto «Dein Kollege Dulig» einladen - mehr als 30 Angebote liegen bereits vor. Der Politiker hat noch einige Branchen auf dem Zettel: Verschiedene Handwerksberufe etwa oder einen Tag als Lehrer an einer Schule. Es gibt ein paar Sachen allerdings, an die er sich nicht wagt: Friseur oder Lokführer gehören dazu.

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6Kommentare
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  • 3
    0
    Nixnuzz
    08.07.2019

    @Einspruch: "Ein Schelm, der böses dabei denkt" : Unbezahlte Praktika für Bundesminister dürften wohl nicht so einfach zu finden sein. Ist mir jedenfalls nicht gelungen. Aber auf Landesebene kommen zumindest Landtagsabgeordnete oder sogar Parlamentarier in die Betriebe etc. Scheinbar eine Monopolsituation von SPDlern!?? Gestartet 2011. Danach finde ich nur Hinweise auf Landtagsabgeordnete bis 2018..

  • 5
    2
    Einspruch
    08.07.2019

    „Weiß jemand von Politikern auf Bundesebene, die ähnliches anpacken?“
    Nein, Politiker, die etwas anpacken, sind mir nicht bekannt, auch keine Toiletten Putzkräfte für 8000 bis 10000 € im Monat.
    Ganz offensichtlich handelt es sich um einen hilflosen Versuch, sich volksnah zu geben.

  • 2
    1
    Zeitungss
    08.07.2019

    @Distelblüte: Wenn Demokratie von Versprechungen lebt, die Taten allerdings ausbleiben und Sie damit zufrieden sind, soll es so sein. Ich habe dazu andere Vorstellungen. Es ist nun einmal nicht Sinn der Sache, solche Leute andauernd an ihre Versprechungen und sonstige Parolen zu erinnern, dafür wurden sie nicht gewählt. Wollen wir nicht vergessen, für die angedachte Leistung gibt es auch reichlich Gage, mein Arbeitgeber bezahlt mich auch nicht für Versprechungen, der möchte gerne Leistung sehen. In der Politik ist das leider nicht so und mit den lautstarken Versprechungen wird nicht einmal begonnen, was der eigentliche Punkt ist und auch bleibt. Da diese Verfahrensweise bei Ihnen Demokratie darstellt, kommt nicht nur bei mir Verwunderung auf, was in besagter Demokratie aber möglich sein sollte. Es gibt auch genug Leute die finden diese Situation richtig und gut, siehe rote Daumen.

  • 2
    5
    Distelblüte
    08.07.2019

    @Zeitungss: Sie glauben, das schafft Martin Dulig im Alleingang quasi als Einzelkämpfer?
    Ich schau mir schon gerne mal Superhelden Filme an, habe aber bisher angenommen, dass sie ein übersteigertes Idol darstellen und nicht die Realität abbilden.
    Was die unterstellte Vergesslichkeit betrifft: bringen Sie das Thema immer wieder in Erinnerung. Schreiben Sie Herrn Dulig eine Email. Fragen Sie regelmäßig nach, ob und was sich da schon getan hat und warum nichts mehr in der Öffentlichkeit berichtet wird.
    So funktioniert Demokratie.

  • 5
    4
    Zeitungss
    08.07.2019

    Bevor er irgendwelche Toiletten putzt, sollte er seine vielen Versprechungen zumindest einmal anfangen. Den ÖPNV in SN wollte er von der Kleinstaaterei einmal wieder auf die Füße stellen, wie gesagt WOLLTE. Der damalige Küchentisch war auch schon ein Rohrkrepierer und man baut auf die Vergesslichkeit der Wähler.
    @Distelblüte, daran wird gemessen. So kurz vor der Wahl kommen sie alle aus den Löchern und nicht nur auf Bundesebene.

  • 4
    5
    Distelblüte
    08.07.2019

    Respekt. Weiß jemand von Politikern auf Bundesebene, die ähnliches anpacken?



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