Mit Erz und Seele

Der Welterbetitel für das Erzgebirge bewegt sehr viele Menschen sehr tief in ihrem Inneren. Er führt die Menschen zusammen. Über einen Abend der ganz großen Gefühle.

Freiberg.

Es war einmal ein junger Posaunist, der stand beim Deutschen Bergmannstag 1996 mit seinem Instrument mittendrin im Schneeberger Bergmusikkorps, als der Große Sächsische Bergmännische Zapfenstreich seine Premiere erlebte. Es war einmal ein Bürgermeister eines kleinen Dorfes, der schickte sich an, 15 Jahre Dienst zu feiern - man schrieb mittlerweile 1998 und er war in den besten Jahren, wie man so schön sagt. Es war einmal ein Schüler, ein junger Tscheche aus Rokycany bei Pilsen, der ging um diese Zeit gerade aufs Gymnasium. Und es war einmal ein Büroinformationselektroniker, der damals seine Fachhochschulreife erwarb. Damals, als ein Denkmalschützer im Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Dresden kurz vor seiner Pensionierung noch schnell die Frage in den Raum warf, ob denn das Erzgebirge nicht als Weltkulturerbe infrage käme.

Nun ist die Frage beantwortet, mit Ja. Der Ideengeber von einst, Heinrich Douffet sein Name, hat die Übergabe der Welterbe-Urkunde am Samstag in seiner Heimatstadt nicht mehr miterleben können. Freibergs Ehrenbürger schloss 2017 für immer die Augen. Doch die anderen vier hat das Ringen um den Titel und schließlich der Erfolg auf die ein oder andere Art und Weise durchs Leben begleitet. Ein Titel, der, neben all den erhofften wirtschaftlichen Effekten, vor allem eines birgt: die Kraft, die Menschen zu verbinden. Das hat das Fest um die Urkunde der Übergabe an die sächsisch-böhmische "Montanregion Erzgebirge" am Samstag in Freiberg eindrucksvoll gezeigt.

Der Gymnasiast von einst, Tomáš Petøíèek sein Name, ist heute Außenminister seines Landes und nennt es beim Empfang im Rathaus eine große Ehre, sein Land hier zu vertreten. Volker Uhlig, der ehemalige Bürgermeister von Lichtenberg im Erzgebirge, wurde später Landrat und hat als Chef des Welterbevereins wie kein zweiter Politiker für den Titel gekämpft. "Wir sind dabei alt geworden." Ergreifend waren die Tränen, die der Landrat a. D. in Baku vergoss, als das Welterbe-Komitee dem Antrag aus dem Erzgebirge zustimmte. Auch heute schäme er sich nicht dafür. Uhlig: "Das war einer der glücklichsten Momente, die ich überhaupt hatte."

Auch für den gelernten Büroinformationselektroniker war Baku die beeindruckendste Zeit seiner aktuellen beruflichen Tätigkeit. Dabei kümmert er sich freilich nicht mehr um elektrische Schreibmaschinen, sondern als Ministerpräsident um den Freistaat Sachsen. Der werde die Montanregion auch künftig nach Kräften unterstützen, verspricht Michael Kretschmer. Schließlich sei Sachsen ohne das Erzgebirge undenkbar. Und dass es so lange gedauert hat mit dem Titel, spricht nicht gegen die Erzgebirger, sondern für ihre Hartnäckigkeit: "Die Erzgebirger sind ein Menschenschlag, der sich nicht unterkriegen lässt." Gelächter, als der tschechische Außenminister wohl das gleiche sagen will und dabei ein Wort zur Charakterisierung der Erzgebirger gebraucht, das die Dolmetscherin mit "Granitköpfe" übersetzt.

Und der junge Posaunist? Schon lange hat er die Posaune gegen den Taktstock eingetauscht. Somit ist er der wichtigste Mann des Abends. Jens Bretschneider bleibt es vorbehalten, als Landesbergmusikdirektor den Großen Sächsischen Bergmännischen Zapfenstreich zu dirigieren. Eine musikalische Ehrenbezeugung der Bergmannskapellen und Knappenvereine, von Bret-schneiders Amtsvorgänger Hermann Schröder teils aus Themen bekannter Bergmannslieder arrangiert und komponiert. Der Landesverband der Bergmannsvereine achtet streng darauf, dass der Zapfenstreich ein exklusives Erlebnis bleibt. Vielleicht einmal im Jahr ist er irgendwo zu erleben, wenn überhaupt. In Freiberg wurde er bislang nur 2002 aufgeführt, beim damaligen Sächsischen Bergmannstag. Es ist Samstag kurz nach 21 Uhr, als wieder die Trommeln und Bläser erklingen, als die fast 500 Musiker und Habitträger zur Referenz an den Welterbetitel einmal um den Obermarkt ziehen und schließlich mit ihren Schellenbäumen und Standarten vor der Ehrentribüne Aufstellung beziehen.

Ein Bild für die Ewigkeit. Das einstige Glück zu ihren Füßen, das Silbererz, ist längst aus dem Berg geklopft, doch der Stolz der Erzgebirger auf ihr bergmännisches Erbe ist ungebrochen. Bretschneider hebt den Taktstock. Mit einem Fanfaren-Thema, angelehnt an das Steigerlied, beginnt der Zapfenstreich. Das Publikum hält den Atem an.

Der Dirigent kann sich noch gut an die Emotionen erinnern, die ihn damals, 1996, als Musiker überkamen. Nun ist er zehn Jahre als Dirigent im Einsatz, es ist sein zehnter Zapfenstreich, und ein solcher hat es für einen Dirigenten in sich. Fünf Orchester sind dabei, 220 Musiker, die gemeinsam dirigiert werden wollen. Beim Zapfenstreich kommt es etwa darauf an, dass die einzelnen Instrumentengruppen nach teils längeren Pausen den richtigen Moment für den Einsatz erwischen. Bretschneider schwingt nicht nur den Taktstock, sondern ist ständig in Blickkontakt mit den Musikern, vermittelt Sicherheit. "Das ist schon richtig Arbeit", hatte er zuvor erklärt. "Es würde merklich auffallen, wenn ich einen Fehler mache."

Unter seiner Leitung aber verschmelzen die fünf Orchester zu einem. Serenade, Annaberger Bergmarsch, "Herr, der du meine Pfade lenkst", Nationalhymne - festliche wie innige Momente passen auf den Punkt genau. Und dann darf Volker Uhlig die Urkunde endlich in die Höhe recken. Viele, viele Menschen haben das seit dem Nachmittag laufende Welterbe-Fest schon lange vor dessen Höhepunkt zum Erfolg gemacht. Uhlig ist ein glücklicher Mensch. Bereits beim Empfang ist es ihm ein Anliegen, seine Erzgebirger in Schutz zu nehmen. Vor dem Argwohn, der angesichts der Erfolge von Pegida und Co., angesichts der Bilder vor einem Jahr aus Chemnitz, der Wahlerfolge der AfD immer mal wieder bundesweit geäußert wird, wenn die Rede auf Sachsen kommt.

Das bergmännische Erbe sei es, was die Menschen stolz mache. "Unsere Menschen sind nicht abgestumpft", schreibt er seiner Zunft ins Stammbuch. "Wir müssen nur die richtigen Worte finden. Unsere Menschen wollen mitgenommen werden. Das ist die Aufgabe, vor der die Politik heute steht." Nun steht er auf der Bühne vor diesen Menschen. "Es ist euer Titel", ruft er den Tausenden auf dem Obermarkt zu. "Ihr seid diejenigen, die diesen Titel errungen haben. Und wir hatten nur die unwahrscheinliche Ehre, den Titel dorthin zu bringen, wo er hingehört: nach Sachsen und ins Erzgebirge."

Schließlich lassen die Feuerwerker den Nachthimmel erstrahlen. Nicht irgendwo, sondern von der "Reichen Zeche" am Rand Freibergs aus, wo einst das Glück unter Tage wartete, das noch heute dafür sorgt, dass die Träume wie bunte Blüten in den Himmel wachsen.

 

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