Mit Karel Gott für offene Grenzen

An einem Dutzend Orte trafen sich Deutsche und Tschechen für ein Ende der Reisebeschränkungen. Im Erzgebirge half Biene Maja - aus Prag kommen widersprüchliche Signale.

Oelsen.

Der Sattelberg, auf tschechisch Špièák, ist eine 723 Meter hohe bewaldete Kuppe im Osterzgebirge. An seinem Fuß führt die Autobahn Dresden-Prag von Deutschland nach Tschechien. In diesen Tagen ist der Sattelberg stummer Zeuge einer Entwicklung, die man lange für überwunden hielt: geschlossene Grenzen mitten in Europa.

Die Sattelbergwiesen erreicht der Wanderer aus dem Dorf Oelsen über Felder mit Blick auf Erzgebirge, Elbtal und Sächsische Schweiz. An diesem Samstag setzt aus Oelsen eine kleine Völkerwanderung ein: Dutzende Menschen treffen sich zum Picknick im Grünen - und am Rand des Waldstreifens, wo Sachsen endet und Böhmen beginnt, wird eine Europaflagge gehisst.

Auch von der anderen Seite nähern sich Menschen - beobachtet von der tschechischen Polizei, die höflich bittet, die Abstandsregeln einzuhalten und die Grenze nicht zu überschreiten. Am Grenzstein ist großes Hallo und Ahoj, böhmische Kolatschen, Rauchfleisch und Sekt werden ausgepackt. Jan Kvapil ruft durchs Megafon: "Gott sei Dank!"

Der 45-Jährige Germanist und Universitätsdozent aus Ústí nad Labem huldigt Karel Gott, dem Schöpfer der "Biene Maja" - und nun stimmen Deutsche und Tschechen das Lied gemeinsam an - jeder in seiner Mundart. Es gibt extra ein Liedheft für den gemischten sächsisch-böhmischen Chor, der sich hier formiert hat: die Sattelberger Bergspatzen.

"Samstage für Nachbarschaft" heißt die Aktion aus der Zivilgesellschaft, ein Aufruf zur Wiedereröffnung der Grenze. Nach der Premiere vor 14 Tagen ist die Bewegung gewachsen. Nun gibt es Begegnungen an einem Dutzend Orte zwischen Sachsen und Böhmen, aber auch zwischen Böhmen und Bayern, unter anderem zwischen Jelení und Wildenthal im Erzgebirge, auf der Lausche in der Lausitz und am Osser im Bayerischen Wald, wo sich 50 Personen versammeln. Auf den Sattelbergwiesen sind es über 100.

"Wir wollen zeigen, dass die Grenzschließung sinnlos ist, dass sie keine Vorteile und nur Schaden bringt", sagt Jan Kvapil. Auf deutscher Seite gehört Stephan Messner aus Berggießhübel zu den Organisatoren. Er erzählt vom "Tee-Junkie" Jan, für den er die in Tschechien schwer aufzutreibende Ostfriesenmischung besorgte. Bei der Übergabe drehten sie ein lustiges Video: eine "Paschergeschichte" zu Schmuggel in Coronazeiten "tief in den Wäldern an der sächsisch-böhmischen Grenze". Es war die Initialzündung für die Grenzpicknicks. Messner sagt, man wolle mit den Treffen ein positives Zeichen setzen - auch angesichts der von Verschwörungstheoretikern dominierten Corona-Spaziergänge in Sachsen. Zugleich sei ihnen wichtig, den europäischen Gedanken weiterzutragen.

Noch brauchen sie Ausdauer. Das tschechische Gesundheitsministerium veröffentlichte am Samstag eine neue Verordnung, nach der das Einreiseverbot für Touristen aus Deutschland für unbestimmte Zeit verlängert wird. Aus Kreisen des Auswärtigen Amts hieß es derweil, diese Woche sollten Gespräche zwischen Deutschland und Tschechien über die Grenzöffnung beginnen.

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