Moderne Technik soll Leben von Demenzkranken erleichtern

Betroffene sollen, so lange es geht, in ihrem Zuhause wohnen - ein selbstbestimmtes Leben führen. Dafür verlassen Wissenschaftler der TU Chemnitz ihre "Laborwohnung".

Chemnitz.

In Deutschland leben gegenwärtig fast 1,6 Millionen Demenzkranke. Jahr für Jahr kommen etwa 300.000 Neuerkrankungen dazu. Im Freistaat könnte ihre Anzahl bis 2025 um etwa die Hälfte auf mehr als 100.000 steigen, so die Alzheimer Gesellschaft. Eine andere Prognose besagt, dass zu diesem Zeitpunkt deutschlandweit etwa 152.000 Beschäftigte in der Pflege fehlen werden.

Angesicht dieser Zahlen ist Handeln dringend nötig. Und Wissenschaftler der TU Chemnitz gehören zu denen, die handeln. Gestern wurde im Weinholdbau der Uni das Projekt "Auxilla" vorgestellt. Fachlich korrekt: "Nutzerzentriertes Assistenz- und Sicherheitssystem zur Unterstützung von Menschen mit Demenz auf Basis intelligenter Verhaltensanalyse". "Demenz ist eine Reise ohne Wiederkehr", betonte gestern Professor Gangolf Hirtz, Projektleiter und Inhaber der Professur Digital- und Schaltungstechnik. Solch eine Reise kann kurz, aber auch ziemlich lang sein. "Wir wollen mit entsprechenden technischen Mitteln dafür sorgen, dass die Menschen die wertvolle Zeit, die ihnen bleibt, bis die Krankheit sie gänzlich einnimmt, so lang wie möglich zu Hause genießen und ein selbstbestimmtes Leben führen können."

Damit Auxilla gedeihen kann, wird es vom sächsischen Sozialministerium mit Mitteln des EU-Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und Landesmitteln mit rund 2,5 Millionen Euro gefördert. Staatssekretärin Andrea Fischer übergab gestern den Förderbescheid. "In einigen Jahren können interaktive technische Assistenten und kontaktlose Sensoren ältere Menschen sicher im Alltag begleiten", so Fischer. Assistenzsysteme, wie die TU Chemnitz sie entwickele, schafften die nötigen Voraussetzungen und würden in nicht allzu langer Zeit Erleichterung auch für professionell Pflegende und pflegende Angehörige bieten.

Ziel des neuen Projektes ist, die meist unter Laborbedingungen entwickelten technischen Hilfen unter realen Bedingungen zu testen. "Wir müssen das System ins Feld führen, um zu sehen, was wir nachbessern müssen", sagt Hirtz. Die Wissenschaftler haben bereits einen reichen Fundus an Erfahrungen. Gemeint ist das vorhergehende Projekt "Opdemiva" - Optimierung der Pflege demenzkranker Menschen durch intelligente Verhaltensanalyse". Es lief von 2007 bis 2013. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden genutzt, um das Analysesystem in ein praxistaugliches Assistenzsystem zu überführen.

Wie die Praxis aussieht, zeigt die "Laborwohnung". Sie ist winzig. Aber sie erfüllt ihren Zweck. Michel Findeisen, ebenfalls von der Professur Digital- und Schaltungstechnik, zeigt an die Decke. "Diese vier Sensoren analysieren das Verhaltensmuster des Bewohners. Sie erkennen Abweichungen von der Regel und steuern mit Hinweisen etwa auf einem Bildschirm gegen." Wichtig, die Sensoren erkennen auch Notfälle, etwa wenn jemand stürzt. Dann ertönt automatisch ein Notruf.

Doktorand Roman Seidel mimt mittlerweile den Bewohner. Das System zeigt auf einem Bildschirm, wie er sich bewegt und ob er eine Hilfe, wie den Rollator in Anspruch nimmt. Allerdings bewegt sich da nur ein stigmatisiertes Männchen mit einem Rollator. Das ist kein Überwachungssystem, betonen die Wissenschaftler. Es werden zum Beispiel keine Fotos oder Videos gemacht, nur die wichtigen Daten, die den Zustand der Person "beschreiben", gehen an eine zentrale Recheneinheit. "Wir haben viel erreicht", sagt Hirtz. Bei einem allerdings habe die Technik noch nicht mitgespielt. "Es ist nicht möglich zu erkennen, ob die Person bei der Tabletteneinnahme tatsächlich die richtigen Medikament nimmt."

Die Wissenschaftler können "nur" die Technik entwickeln. Schlussfolgerungen zu Gesundheit und Betreuung müssen Mediziner beziehungsweise Experten aus den Pflegeheimen ziehen. Deshalb gehören auch das Klinikum Chemnitz und die Heim GmbH zu den Partnern. Karl Friedrich Schmerer, Geschäftsführer der Heim GmbH, ist von der Entwicklung überzeugt. "Wir werden auch bei "Auxilla" wieder mit Heimbewohnern sprechen, um sie als Probanten zu gewinnen", sagt Schmerer. Und betont, dass durch solche Systeme auch das Pflegepersonal entlastet werden kann.

Die erste Wohnung in der Praxis wird es in der Chemnitz Siedlungsgemeinschaft geben. Das hat Axel Viehweger, Vorstand der Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften, die auch mit im Boot sitzen, gestern verraten.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...