Nach 61 Jahren sein Auto wiedergefunden

In der 1950er-Jahren wurden in der Lehrwerkstatt des Horch-Werkes Zwickau Kindertretautos gefertigt. Eins nahm einen sehr ungewöhnlichen Weg.

Gelenau. Lothar Kahle kann es immer noch nicht ganz fassen. Im August 1954 konstruierte und baute er innerhalb einer Woche im VEB Kfz-Werk Horch in Zwickau zum Ende seiner dreijährigen Lehrzeit als Gesellenstück ein Kindertretauto - nach dem Vorbild des Pkw F9.

61 Jahre später hat er es wiedergefunden: im Depot der Schweizer Sammlerin Erika Pohl-Ströher im erzgebirgischen Gelenau. Gerührt steht der agile 79-Jährige vor dem leicht ramponierten Fahrzeug. Er hatte es karminrot lackiert, einzelne Teile waren elfenbeinfarbig abgesetzt. Jetzt ist es grün. Kratzer überall im Lack, auch Sitz und Lenkrad lassen erahnen, wie vielen Kindern das Fahrzeuge Freude gemacht haben muss. Die Ballhupe funktioniert noch wie am ersten Tag. Der gelernte Karosserieklempner Kahle staunt aber über diverse Umbauten.

Sein Auto hatte nur Fußpedale zum Treten. Jetzt hat es ein Bodenblech und im Heck einen kleinen Zwei-Takt-Otto-Motor. Dazu einen Tank, der 2,3 Liter Benzin fasst. Um 14 Zentimeter wurde die Karosse dazu verlängert. Auf 1,3 PS Leistung bringt es das Fahrzeug mit 50 Kubikmetern Hubraum. "Da hat einer ganz schön nachgebessert, alles sehr professionell", meint Kahle anerkennend. Wie gern würde er mehr über den Friemler wissen.

5000 Mark ausgeschlagen

Ein "Sehr gut" erhielt der Zwickauer Lehrling 1954 für diese berufspraktische Prüfungsarbeit. Weil Kahle wenige Monate später in den Westen ging, verkaufte er sein Gesellenstück an seinen Lehrmeister. "Ich vermutete, dass er es dann an einen Verwandten in Bremen veräußert hat. Jahrzehntelang habe ich danach gesucht. Jetzt freue ich mich, dass das Auto wieder da ist und in einem so schönen Reigen von Kinderfahrzeugen präsentiert wird", sagt Kahle, der seit 2007 wieder in Zwickau lebt.

24 solcher Autos seien von den Lehrlingen seines Jahrgangs 1954 als Abschlussarbeiten gebaut worden, nur fünf oder sechs hätten es aber in der vorgegebenen Zeit von einer Arbeitswoche geschafft. Ein einziges Mal glaubte sich Kahle bei der Suche nach seinem Auto fast am Ziel: als 1991 in einer Ausgabe der Zeitschrift "ADAC-Motorwelt" ein Beitrag über den Münchner Sammler Manfred Klauda erschien, der mit 454 Exemplaren die weltweit größte Tretautosammlung besaß. "Da sah ich auf einem der Fotos mein Auto", erzählt der Zwickauer. Ob es tatsächlich seins war oder eher das eines Mitschülers, fand er nicht heraus. "5000 D-Mark bot ich. Aber ich hatte keine Chance bei so einem verrückten Sammler."

Der sorgte 1993 sogar in Sachsen für Schlagzeilen, als er zur Eröffnung einer Sonderausstellung im Dresdner Verkehrsmuseum in einem Kinderauto von München angereist kam.
Als nach seinem Tod die Tochter des Sammlers die Autos versteigern ließ, erwarb ein Industrieller aus Italien große Teile davon. Ob Kahles Auto darunter war, ist unklar. Denn es gibt eine zweite, wahrscheinlichere Spur zum Verbleib.

Kahles Fahrzeug gelangte vor zwei Jahren in den Besitz des Chemnitzer Restaurators Eckart Holler. Er betreut als Fachmann und engster Vertrauter das Sammlungsdepot von Erika Pohl-Ströher in Gelenau. Und er sammelt auch selbst - zum Beispiel Kindertretautos. Er wusste von den Fahrzeugen, die in den 1950er-Jahren in Zwickau von Lehrlingen gebaut wurden. Ein solches Auto ging ihm vor drei Jahren bei einer Aktion durch die Lappen. Fast zeitgleich erhielt Holler den Hinweis auf einen Mann in Waldkirchen, der "ein ganz berühmtes Kinderauto" besitze. "Ich fuhr hin und entdeckte es in einer Halle ganz oben auf einem Regal - genauso wie es jetzt hier in der Ausstellung steht." Der Besitzer erzählte, das Auto Anfang der 1990er-Jahre in Werdau gekauft zu haben.

Aber erneut zog Holler zunächst den kürzeren. Ein Sammler aus Mittelsachsen kam ihm zuvor. "Er war versessen auf den MAW-Motor aus dem Magdeburger Armaturenwerk, wollte den für eine Ausstellung", erinnert sich der Restaurator. Schließlich konnte er den Motoren-Fan doch zum Verkauf bewegen. Nebenher erfuhr er, dass es auf der Dresdner Vogelwiese früher eine Holzbahn mit Kindertretautos gab.

Größte Kinderautosammlung

Seither hofft Holler auf Tipps zum Verbleib der Zwickauer Kinderfahrzeuge, die schon damals in einer Art Konsumgüterproduktion gebaut wurden . Er glaubt, dass sie vielleicht in Verkehrserziehungsgärten zum Einsatz kamen. In dem am Pionierhaus Karl-Marx-Stadt fuhren sie nicht, fand er heraus. Er ist überzeugt, dass gerade in Sachsen noch Leute leben, die in ihrer Kindheit mit Zwickauer Autos unterwegs waren. Auch Lothar Kahle hat viele Fragen, zum Beispiel, wer sein Fahrzeug umgebaut und motorisiert hat. Für den Zwickauer steht aber schon mal fest, dass er künftig jedes Jahr in die Ausstellung nach Gelenau fahren wird, wo die einzige öffentliche und mit derzeit 80 Fahrzeugen zugleich größte Kinderautosammlung Deutschlands zu sehen ist.

Das Sammlungsdepot öffnet immer nur über Weihnachten und Ostern. Bis 31. Januar ist Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, ebenso vom 28. bis 30. Dezember. Neujahr ist geschlossen. Auf 1800 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind im Emil-Werner-Weg 96 rund 4000 Exponate zu sehen.

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