Nächstes Schuljahr: Neue Lehrpläne, alte Sorgen

Digitalisierung, politische Bildung, Nachhaltigkeit - das sind die Kernpunkte der Lehrplanreform. Die Änderungen kommen in schwierigen Zeiten.

Dresden.

Insgesamt 90 Fachlehrpläne wurden in den vergangenen Monaten überarbeitet. Am Mittwoch stellte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) die Grundzüge vor. Zu den Schwerpunkten gehört auch die Entwicklung von Medienkompetenzen. "Fragen, wie ich Informationen sichten, bewerten, für mich kategorisieren kann, wie ich Meldungen, Meinungen verifizieren, falsifizieren kann - all das wird in sächsischen Lehrplänen eine größere Rolle spielen", sagte Piwarz.

Neben den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit stand zudem die Stärkung der politischen Bildung im Fokus der Reform. In allen Fächern und Jahrgangsstufen gehe es darum, "demokratische Teilhabe" an Schulen zu erleben und zu erlernen, erklärte Piwarz. Dazu gehöre auch, sich eine eigene Meinung zu bilden und zu vertreten, aber auch andere Meinungen von Mitschülern oder Lehrern zu ertragen.

Als Kernstück der Reform gilt die Einführung des Faches Gemeinschaftskunde schon ab Klasse 7, statt erst ab Klasse 9. Grundsätzlich zufrieden darüber äußerte sich Landesschülersprecher Noah Wehn. Dies entspreche einer "langjährigen Forderung des Landesschülerrates". Kritisch werden jedoch die neuen Abwahlmöglichkeiten ab Klasse 10 gesehen. Auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Maicher rechnete vor, dass bei einer Abwahl der bisher zwei Wochenstunden Gemeinschaftskunde als Zehntklässler an Oberschulen die neuen Wochenstunden - je eine in Klasse 7 und 8 - nur ersetzten. Ob die politische Bildung damit wirklich gestärkt werde, sei deshalb fraglich.

Piwarz sicherte derweil zu, das Wahlverhalten der Oberschüler - die in der 10. Klasse entweder Geschichte, Geographie oder eben Gesellschaftskunde abwählen können - im Blick zu behalten. "Sollte es so sein, wofür aber im Moment keine Anzeichen da sind, dass wirklich in Größenordnungen Gemeinschaftskunde abgewählt würde und wir unsere eigene Entscheidung konterkarieren, dann muss man sich diese Wahlmöglichkeit noch mal anschauen", kündigte der Minister an.

Linken-Bildungspolitikerin Cornelia Falken nannte die Stärkung der politischen Bildung überfällig, die geplante Umsetzung aber nicht ausreichend: "Nötig sind zwei Wochenstunden Gemeinschaftskunde ab Klasse 5 bis einschließlich Klasse 10." Kritik - wenngleich aus anderer Richtung - kam auch von AfD-Fraktionschef Jörg Urban. Dieser lehnte den Ausbau der politischen Bildung nicht nur deshalb ab, weil diese "keinerlei Mehrwert für die Berufsausbildung der Schüler" hätte, sondern auch "vor dem Hintergrund des akuten Lehrermangels".

Dieser dürfte ab dem 19. August, wenn der Unterricht wieder beginnt, auch die Erfüllung der neuen Stundentafeln erschweren. Zwar sollen inzwischen mehr als 700 neue Lehrer zugesagt haben. Dass alle 1100 zum Schuljahresbeginn neu ausgeschriebenen Stellen besetzt werden können, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Zuletzt meldete der Sächsische Philologenverband, dass selbst an mehreren Dresdner Gymnasien der Grundbereich nicht abgesichert werden könne und die Schulen angewiesen worden seien, in Eigenverantwortung die Stundentafeln zu kürzen. Dazu trage auch die geplante Umlenkung von ausgebildeten Gymnasiallehrern auf andere Regionen und Schularten bei, monierte der Verband. Nach "Freie-Presse"-Informationen soll der Ethik-Unterricht an Oberschulen im Zwickauer Raum und im Vogtland für Neunt- und Zehntklässler auf eine Wochenstunde beschränkt werden.

Piwarz sagte, dass eine Prognose zur Erfüllung der Stundentafel derzeit "einem Blick in die Glaskugel" gleichen würde. Die Verwaltung gebe sich die größte Mühe. Erst nach Abschluss des Einstellungsverfahrens sei "die konkrete Unterrichtsverteilung an der einzelnen Schule ablesbar". Einen "großen Bedarf" bei einer "übersichtlichen Bewerberlage" gebe es etwa bei Lehrern für Informatik und allen anderen Mint-Fächern. Klar sei schon jetzt, dass der Ergänzungsbereich an Oberschulen und Förderschulen nur "in geringer Dosis, wenn überhaupt" angeboten werden könne. Besser werde es an Gymnasien und hoffentlich auch wieder an Grundschulen aussehen.

Die SPD-Fraktion zeigte sich am Mittwoch zufrieden, dass Piwarz mit der Lehrplanüberarbeitung den Auftrag der Koalition "pünktlich" umgesetzt habe. Allerdings sei die Modernisierung der 90 Fachlehrpläne "nur ein erster Schritt", sagte Bildungspolitikerin Sabine Friedel. Die SPD wolle nach der Wahl am 1. September eine Enquete-Kommission "Schule der Zukunft" im Landtag einrichten - als Vorbereitung für eine "neue Lehrplan-Generation".

Bewertung des Artikels: Ø 2.5 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...