Nagelkreuzgemeinschaft wächst in Sachsen und will versöhnen

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In Plauen entsteht die siebte Nagelkreuzgemeinschaft in Sachsen. Die internationale, kirchliche Versöhnungsbewegung sei wichtig für den Freistaat, sagen die Akteure. Denn Frieden und Vergebung schwinden in der Gesellschaft.

Plauen (dpa/sn) - Die Internationale Nagelkreuzgemeinschaft bekommt Zuwachs in Sachsen. Am Samstag, dem Jahrestag des letzten schweren Luftangriffs auf Plauen im Zweiten Weltkrieg, wird die dortige Johanniskirche in die Gemeinschaft aufgenommen, die sich die weltweite Versöhnung zur Aufgabe gemacht hat. Der Schritt solle einen Gegenpol zu deutlich spürbaren Differenzen in der Stadt bilden, sagte die Ökumenebeauftragte des Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirkes Vogtland, Beatrice Rummel. «Es sind Zeichen nötig, die dazu einladen, Gedanken eines guten Miteinanders zu kommunizieren und zu leben.»

Die Spannungen in der Stadt hätten 2015 mit der Aufnahme syrischer Flüchtlinge begonnen, erklärte die Pfarrerin. Die rechtsextreme Kleinstpartei Der III. Weg betreibt in Plauen ein Partei- und Bürgerbüro. Und auch die Auseinandersetzungen um Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie trügen dazu bei, Menschen zu entzweien. «Das Wissen, nicht allein für eine heilende Kultur des friedlichen Miteinanders einzutreten und dabei ständig mehr Rückschläge als Erfolge verzeichnen zu können, wird uns stärken», sagte Rummel.

Weltweit gebe es 240 Nagelkreuzzentren, sagte Oliver Schuegraf als Vorsitzender der Deutschen Nagelkreuzgemeinschaft in Hannover. Mit Plauen befinden sich davon 74 in Deutschland, sieben in Sachsen. «Eine Besonderheit der Nagelkreuzzentren ist, dass sie vor Ort entscheiden, wo dort Frieden und Zusammenarbeit dringend nötig ist.»

Die Internationale Nagelkreuzgemeinschaft gründete sich im englischen Coventry nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach der Zerstörung der dortigen Kathedrale bei einem deutschen Luftangriff entwickelte der Dompropst vor Ort ein Versöhnungsgebet und ließ aus übrig gebliebenen Nägeln der zerstörten Kathedrale Kreuze gestalten. Diese erhielten Gemeinden weltweit, die sich ebenfalls der Versöhnungsarbeit widmeten.

Besonders in den Ost-Bundesländern steht Schuegraf zufolge die Frage im Zentrum, wie eine Bevölkerung zusammengehalten werden kann, die in unterschiedliche, unversöhnliche Meinungen zerfällt. «Wir sind ein weltweites Versöhnungsnetzwerk, das Frieden und Völkerverständigung in seinen jeweiligen Orten umsetzen möchte.» In Plauen wollen sich dazu elf weitere Kirchgemeinden der Johanniskirchgemeinde anschließen und als ökumenisches Nagelkreuzzentrum Projekte anstoßen, erläuterte Rummel. Darunter seien neben acht evangelisch-lutherischen Gemeinden auch Pendants mit baptistischer, katholischer oder methodistischer Ausrichtung. Rummel: «Wir wollen zukünftig zum Gebet einladen und Gespräche als Hilfe für die Menschen ermöglichen.»

Am 10. April 1945 gab es den letzten schweren Luftangriff auf Plauen, auch die Johanniskirche war danach stark beschädigt. Deshalb wurde dieses Datum für die Übergabe des Nagelkreuzes ausgewählt. «Wir wollen ein Zeichen setzen, da einige Gruppen das Verhältnis von Opfern und Tätern verschieben wollen», sagte Rummel. Neben dem eigentlichen Nagelkreuz wird die Stadt ein Wandernagelkreuz erhalten, das an verschiedenen Stellen ausgestellt werden soll.

Zu den bereits bestehenden Nagelkreuzzentren in Sachsen gehören die Nikolaikirche in Leipzig und die Frauenkirche in Dresden. «Wir wurden gefragt, ob wir das unterstützen wollen. Wir sind seit Jahrzehnten bekannt für unsere Friedensarbeit», sagte Bernhard Stief als Pfarrer der Nikolaikirche. Seit 1982 finde hier das Friedensgebet statt, das zur Friedlichen Revolution geführt habe - bis heute. Neben diesem bekannten Montagsgebet gibt es immer am Freitagmittag um 12 Uhr das Versöhnungsgebet von Coventry, das in vielen Nagelkreuzzentren der Welt gebetet wird - so auch zur selben Zeit in der Frauenkirche in Dresden, wie die dortige Pfarrerin Angelika Behnke sagte.

Mit fünf Nagelkreuzzentren liegt Dresden in Sachsen vorn. Das könnte mit der besonderen Vergangenheit der Stadt zusammenhängen, in der selbst Zerstörungen eindrückliche Zeichen hinterlassen haben, erläuterte Behnke. Seit 2018 haben sich die fünf Einrichtungen zum Arbeitskreis Nagelkreuzgemeinschaft Dresden zusammengeschlossen.

«Dadurch können wir uns besser abstimmen. Jeweils ein Zentrum gestaltet ein Nagelkreuzjahr mit verschiedenen Projekten.» In diesem Jahr sei die Dresdner Diakonissenanstalt an der Reihe, die bereits 1965 das Nagelkreuz erhielt. Ein Projekt sei die Eröffnung eines «Pilgerwegs der Versöhnung» am 9. Mai. Der soll von der Diakonissenanstalt zur Nagelkreuzgemeinde «Maria am Wasser» Dresden-Hosterwitz-Pillnitz führen.

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