Neue S-Bahn lässt Chemnitz links liegen

Leipzigs Citytunnel ist Herzstück des neuen mitteldeutschen S-Bahn-Netzes - Chemnitz kann davon nicht profitieren

Leipzig/Chemnitz. Es handelt sich um ein Projekt der Superlative: Das mitteldeutsche S-Bahn-Netz wird ab Ende 2013 Ballungsräume in drei Ländern verknüpfen. Allein 200 Millionen Euro steckt die Deutsche Bahn in die Flotte von 51 neuen Elektrofahrzeugen (Typ Talent 2). Die Schienenwege kosten weitere zig Millionen.

Laut Stephan Georg Wigger, Chef der S-Bahn Mitteldeutschland, entsteht Deutschlands führendes S-Bahn-Netz. Nur einen Makel werde es aus heutiger Sicht haben: Der Ballungsraum Chemnitz wird nicht mit verknüpft. Mit Wigger hat nun erstmals ein führender Bahnmanager dieses Defizit offen kritisiert.

Grund für das Manko: Zwischen Chemnitz und Geithain ist die Strecke nicht elektrifiziert. Zudem fehlt teils das zweite Gleis. Der Fahrdraht ist aber nötig, da der künftige S-Bahn-Verkehr durch den Citytunnel in Leipzig rollt - und durch die Doppelröhre dürfen keine Dieseltriebzüge fahren. Die durchgängige Zweigleisigkeit wiederum wird wegen der engen Taktung der Züge bei der Tunneldurchquerung gebraucht. Technisch ist das Beheben der Defizite laut Wigger "kein Problem", es müsse dies nur jemand bezahlen. "Zunächst sind für den Neu- und Ausbau der Bundesschienenwege allein der Bund sowie die Infrastrukturgesellschaften der Deutschen Bahn verantwortlich", teilte zur Finanzierungsfrage das sächsische Wirtschaftsministerium auf Anfrage mit. Verwiesen wird weiter auf den Landesverkehrsplan, der sich in Arbeit befinde. Deshalb könne auf weitere Fragen zur Anbindung von Chemnitz "nicht detailliert" geantwortet werden. Zugleich wird versichert, dass die Einbindung von Chemnitz in den Eisenbahnverkehr eine wichtige Rolle spielen werde.

Das Bundesverkehrsministerium wird konkret: "Die Elektrifizierung Borna-Geithain-Chemnitz dient eindeutig der Verbesserung des Schienenpersonennahverkehrs", heißt es auf Anfrage. Für solche stelle der Bund zwar Geld bereit. In diesem Fall seien der Freistaat Sachsen als Vorhabenträger und die Bahntochter DB Netz aber "gehalten, die Entscheidungen über die Elektrifizierung des Abschnittes Geithain-Chemnitz zu treffen".


Fahrdrähte als Voraussetzung

Bislang verkehren zwischen Chemnitz und Leipzig im Stundentakt Dieseltriebzüge. Diese fahren aber nicht über Borna, sondern über Bad Lausick. Auch dort fehlen Fahrdrähte und teils auch das zweite Gleis, was wegen des Gegenverkehrs schnell zu Verspätungen führt.

Eine Anbindung von Chemnitz ans S-Bahn-Netz würde nicht nur viele ländliche Orte an den Schienenverkehr anbinden. Mindestens ebenso wichtig ist: Über die elektrifizierte Trasse könnten auch schnelle Regional- und Fernzüge rollen. Seit Jahren hofft Chemnitz als Sachsens drittgrößte Stadt vergebens auf eine ICE- oder IC-Verbindung. Dieses Defizit ist für eine Stadt mit 240.000-Einwohnern republikweit einmalig.

Harald Neuhaus pocht aus Sicht des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS) auf die Elektrifizierung Chemnitz-Geithain. "Leipzig ist für uns das Tor zum Fernverkehr", so der VMS-Chef. Der Verbund stecke 300 Millionen Euro in die Modernisierung des Nahverkehrs. Das Projekt, das als "Chemnitzer Modell" bekannt ist, brauche die Verknüpfung mit schnellem Bahnverkehr.

"Benötigt wird ein Mix aus S-Bahn-Verkehr und schnellen Zügen, die nicht überall halten", betont die Verkehrsexpertin der Grünen-Landtagsfraktion, Eva Jähnigen. Sie kritisiert, dass Sachsen "keine Strategie für Schienenwege" hat. Ihrer Meinung nach wurde das S-Bahn-Netz nicht zu Ende gedacht. Dabei gilt das Projekt als eines der wichtigsten im Nahverkehr Ostdeutschlands. Sechs S-Bahn-Linien sind konzipiert. Sie reichen bis Hoyerswerda, Bitterfeld und Zwickau. Angedacht ist, die S-Bahn ins Vogtland durchlaufen zu lassen. Das würde den Regionalexpress 16 ersetzen, der bislang Plauen, Adorf und Hof mit Leipzig verbindet. Ab Ende 2015 soll das Netz sogar über Bitterfeld hinausgehen und bis Dessau und Lutherstadt Wittenberg reichen. Bei den Fahrgastzahlen erwartet Wigger schon 2014 einen "gewaltigen Sprung". Für ihn ist es "unlogisch", dass eine Großstadt wie Chemnitz nicht ans S-Bahn-Netz angeschlossen wird."


Fahrgastzahlen steigen wieder

Auf der bestehenden Trasse Chemnitz-Bad Lausick-Leipzig waren die Fahrgastzahlen 2010 erstmals seit der Sanierung gesunken. Laut Bahn wurde ein Rückgang um vier Prozent verbucht. Dies sei durch den Ausfall der Neigetechnik in den Fahrzeugen begründet. "Es geht nun aber wieder aufwärts", so Wigger.

Bis Jahresende sollen alle Fahrzeuge vom Typ VT 612 hier wieder funktionsfähig im Einsatz auf der Trasse sein. Zur früheren Fahrzeit von 56 oder 53 Minuten wird die Bahn aber nicht zurückkehren. Grund seien "Trassenkonflikte" mit der Mitteldeutschen Regiobahn und der Citybahn, die ebenfalls die Gleise nutzen. Laut Bahn-Pressesprecher Jörg Bönisch werde die Fahrzeit zwischen Leipzig und Chemnitz deshalb auch nach dem Fahrplanwechsel im Dezember 59 Minuten betragen, in der Gegenrichtung bleibe es bei 61 Minuten. Die Zahl der Reisenden auf der Strecke gab Bönisch mit "deutlich über einer Million" im Jahr an.

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7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    gelöschter Nutzer
    30.08.2011

    Kann den Einträgen nur beipflichten. Ich fahre beruflich täglich quer durchs Land mit der DB und muß grad fesstellen das Chemnitz immer mehr abgekoppelt wird. Ein Zugbegleiter des Franken Sachsen Express sagte mir kürzlich das DB Regio Oberfranken die ja die Strecke mit der Relation Nürnberg-Hof-Dresden bedienen, ab 2014 kein durchgängiger Zug zumindest von den mehr verkehren soll. Frage mich ob die Bahn dann wieder ein IC Verkehr einführt mit Umspannung der bis dahin elektrifizierten Strecke bis Hof oder ob man dann dreimal umsteigen muß. Wir dürfen mal wieder gespannt sein. Der jetzige angebliche Fernverkehr dieser ja Regio ist, laut, brummend, unbequem ist weder Komfortabel noch pünktlich weil ständig die Neigetechnik nicht funktioniert und keinen interessierts.

  • 3
    0
    Deluxe
    30.08.2011

    Machen wir uns nichts vor: Chemnitz wird landes- und bundespolitisch kaum wahrgenommen. Hier gibt es weder eine barocke Altstadt noch eine Messe oder sonstige medienwirksame Highlights - hier wurde und wird gearbeitet, und das allein ist offenbar uninteressant. Chemnitz ohne Fernbahnanschluß - wer hätte sich das vor 1990 vorstellen können!?
    Als die ach so undurchlässige Mauer noch stand, gab es täglich mehrere durchgehende Züge von Breslau (Wroclaw) über Görlitz, Bautzen, Dresden, Karl-Marx-Stadt bis nach Oberstdorf in Bayern. Kaum war die Mauer weg und Deutschland wieder vereint, fiel diese durchgehende Verbindung weg und sukzessive wurde Chemnitz vom Fernbahnverkehr entkoppelt.
    Die Strecke nach Leipzig war bereits zweigleisig. Bis 1945 - dann demontierte die sowjetische Besatzungsmacht das zweite Gleis. Somit bewegen wir uns zwischen der Messestadt und der Industriestadt bis heute auf dem Niveau des Jahres 1945. Darüber muß man den Kopf schütteln, denn auch 20 Jahre Verkehrsplanung nach der Wende haben auf dieser Verbindung rein gar nichts bewirkt.
    Die Eisenbahn in Deutschland war nie so schlecht aufgestellt wie heutzutage. Das Netz schrumpft, immer mehr kleinere Städte und Gemeinden werden komplett vom Bahnverkehr abgeschnitten, was unsere Vorväter im 19. Jahrhundert mit Schweiß und Mühe geschaffen haben, wird sinnlos vernichtet. Nur, weil ein paar Managment-Studenten glauben, daß wir diese Infrastruktur nie wieder brauchen - weil momentan gerade mal der LKW vorgezogen wird. Wie lange noch beim aktuellen Öl- und Klima-Problem?

    Dagegen hilft dann auch kein tolles Chemnitzer Modell - an das ich sowieso bestenfalls bruchstückhaft glaube. Denn schließlich wurden einige der in Frage kommenden Bahnstrecken ins Umland in den letzten Jahren zerstört und entwidmet - zum Beispiel die Strecke nach Limbach-Oberfrohna oder die Chemnitztalbahn.
    Fazit: das ewige provinzielle Kleinklein im Großraum Chemnitz bringt uns nicht weiter. Aber weil der politische Wille und der Weitblick in Dresden und Berlin fehlt, wird sich - so fürchte ich - mittelfristig nichts an der Situation ändern.

  • 3
    0
    30.08.2011

    Chemnitz ohne Fernverkehr ist eine Katastrophe, aber moderne Züge nutzen nur wenig, wenn die Strecken nicht entsprechend ausgebaut sind. Zum Beispiel sind die fahrbaren Höchstgeschwindigkeiten im (Innen-)Stadtgebiet von Chemnitz viel zu gering, mit max. 40 km/h über Rumpelweichen, hier wird viel Zeit verschenkt. Auch muss ich (ausnahmsweise) den Grünen zustimmen, die für eine Kombination von RB (hält an jeder Milchkanne) und RE wie auf der Relation Dresden-Plauen-Hof, wo nur in größeren Städten oder wichtigen Umsteigepunkten gehalten wird. Deshalb glaube ich nicht, dass eine S-Bahn nach Leipzig unter 60 Minuten bleiben wird, dann lieber die Strecke über Bad Lausick stärken, wer will kann ja in Geithain umsteigen um mit der S-Bahn ins Leipziger Zentrum zu kommen. An einem abschnittsweisen zweigleisigen Ausbau wird man früher oder später nicht herum kommen, das sieht man auf der Mitte-Deutschland-Verbindung, wo jetzt zwischen Göschwitz und Stadtroda und Weimar und Großschwabhausen ausgebaut werden soll.

  • 2
    0
    mkl81
    30.08.2011

    Es ist schön zu hören, dass es noch Verantwortliche bei der Deutschen Bahn AG gibt, die tatsächlich erkennen, wie degradierend der Fernbahnanschluss von Chemnitz und seinem Einzugsgebiet (hier: Direktionsbezirk Chemnitz) mit immerhin 1,5 Millionen Menschen (die Stadt allein schon mit 240.000 Einwohnern) an das Netz angeschlossen ist und behandelt wird. Solange es keine sinnvolle Fernbahn-Anbindung gibt, erscheint m.E. auch das Chemnitzer Verkehrsmodell nicht im Geringsten sein Potenzial ausschöpfen zu können. Man fragt sich, wieso es in der Landesregierung niemanden interessiert, mit welcher Kraft und Mühe hier seit Jahren die zahlreichen Bahn-Fernpendler den Anschluss an ihre Heimat aufrechterhalten. Aber solange die Touristen den Weg nach Dresden finden und dort die sonnige Welt in Ordung ist, wird sich wohl wenig ändern, und die Stadt der Moderne auch weiterhin nur mit einem altbackenen Diesel-RE über Leipzig bundesweit erreichbar bleiben. Man kann nur naiv bleiben und auf eine Besserung und angemessene Behandlung hoffen.

  • 1
    2
    Sven0
    30.08.2011

    Endlich mal ein Vorteil für uns Zwickauer. Der Ausbau der B93 von Meerane/Altenburg nach Leipzig wurde zugunsten des Ausbau der A72 von Chemnitz nach Leipzig aufgegeben. Außerdem besitzt Chemnitz eine hervorragende Strassenanbindung nach Tschechien (über Marienberg), wir Zwickauer schauen da wieder einmal in die Röhre wegen der Umweltschützerblockade für den Ausbau der B93 nach Karlovy Vary. Also: endlich wenigstens einmal ein Vorteil für Zwickau.

  • 1
    0
    30.08.2011

    Als Vielnutzer der Strecke und der DB insgesamt kann ich nur sagen: es ist zum heulen!
    Auch diese Fahrzeiten von einer Stunde die häufig auch mal überschritten werden: es ist zum heulen.
    Gerade wenn man in Leipzig umsteigt wäre eine halbstündige Taktung bzw. eine schneller Verbindung sehr wünschenswert.
    Von den gelegentlich eingesetzten Kurzzügen auf der Strecke, wo man dann mindestens die halbe Fahrtstrecke steht, ganz abgesehen.

    Ein Trauerspiel ohne Ende

  • 0
    4
    gelöschter Nutzer
    30.08.2011

    Schrapps hat den Hut verloren!!!



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